Benedikt Kauff, Katharina Uhland, Moritz Schulze, Frederik Schmid und Benjamin Kempf in "Die Nutznießer – ,Arisierung' in Göttingen"

Benedikt Kauff, Katharina Uhland, Moritz Schulze, Frederik Schmid und Benjamin Kempf in "Die Nutznießer – ,Arisierung' in Göttingen"

© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Katastrophe in Zeitlupe

von Jan Fischer

Gesine Schmidt: Die Nutznießer – „Arisierung“ in Göttingen

Premiere: 14.01.2017 (Uraufführung)
Deutsches Theater Göttingen
Homepage: http://www.dt-goettingen.de

Regie: Marcus Lobbes

Die Katastrophe hat keinen Anfang, weil sie so langsam ist. Sie schleicht so langsam Richtung Bühnenrand, dass man es erst merkt, wenn alles schon zu spät ist. Aber dann: Dann knartscht die Lautsprecherarmada auf der Bühne unheilvoll, einer nach dem anderen wird in Richtung Bühnenrand geschoben, am Ende stehen sie so dicht beieinander, dass die Schauspieler die Bühne verlassen müssen: kein Platz mehr. Und trotzdem: Die langsame Bewegung der hinteren Wand, wiederum mit Lautsprechern dekoriert, bleibt unsichtbar, nicht zu erfassen wie die Bewegung des Stundenzeigers einer Uhr, aber sie passiert. Der Beweis ist das Knartschen der immer dichter zusammenrückenden Geräte, und während die Schauspieler beginnen aufzuzählen, wer für wieviele Reichsmark welche Wohnungseinrichtung von jüdischen Kaufleuten gekauft hat, knallt es, und der erste der Lautsprecher fällt.

Alles an „Die Nutznießer – ‚Arisierung‘ in Göttingen“, akribisch recherchiert von der Autorin Gesine Schmidt, in Szene gesetzt von Marcus Lobbes, ist einfach. Die Holzhammer-Metapher mit den Lautsprechern, die langsam aber sicher immer weniger Platz haben und dann über den Rand fallen. Die tausendmal gehörte Geschichte von der Enteignung jüdischer Kaufleute, der Repressalien, eingeschlagene Schaufenster, „Kauft nicht bei Juden!“, Reichskristallnacht, Konzentrationslager oder Flucht: Die Vernichtung von Existenzen. Alles das passiert in „Die Nutznießer“, und jeder mit auch nur ein wenig Wissen in Geschichte wird nichts grundsätzlich Neues erfahren.

 

Dicht und bedrückend

Es geht in der Inszenierung von von Marcus Lobbes am Deutschen Theater Göttingen auch nicht darum, Neues zu erzählen. Gleichzeitig geht es aber auch nicht darum, altbekannte Geschichte noch einmal aufzurollen, die großen Zusammenhänge zu erzählen. Die werden als bekannt vorausgesetzt. Für ihr Stück ist die Autorin Gesine Schmidt – deren doku-fiktionale Arbeiten mehrfach ausgezeichnet wurden – in Göttinger Archive gestiegen und hat sich mit Einzelschicksalen beschäftigt, Akten gewälzt, mit Menschen gesprochen – so lange, bis sie die Schicksale dreier jüdischer Familien der Stadt rekonstruieren konnte. Die Geschichte wird erzählt von fünf Schauspielern, Figuren, die als leicht verklemmte Archivare mit Brillen und in Khaki-Kleidung zwischen den Lautsprechern auf der Bühne hin- und her staksen, immer irgendeine Akte, irgendein Stück Papier in der Hand. In Schmidts Stück wird kaum kommentiert. Es werden Quellen verlesen. Alte Akten, Polizeiberichte, Gerichtsunterlagen, Kaufverträge, Inventarlisten, Amtsbriefe, hauptsächlich aus der Zeit zwischen 1933 und 1941, dazwischen sind Zeitzeugenberichte eingestreut. Diese historischen Quellen zeichnen, im Laufe des zweistündigen Abends, ein dichtes und bedrückendes Bild der schleichenden Enteignung von Juden im Dritten Reich. Jedes Jahr, jeden Monat ein neues Gesetz, ein neues Berufsverbot, so lange, bis den Opfern jede materielle Lebensgrundlage entzogen ist und sie zur Flucht gezwungen sind. Die Gewinner? Linientreue Deutsche, selbstverständlich, und der Plan zur „Arisierung“ Deutschlands.

 

Das Große im Kleinen

„Die Nutznießer - ‚Arisierung‘ in Göttingen“ entfesselt gleichzeitig eine große Wucht und eine große Langeweile. Wucht, weil die Akten minutiös Prozesse im Kleinen – in der Region Göttingen / Hannover / Braunschweig / Hildesheim – rekonstruieren, die so überall im Dritten Reich passierten, diese aber im Einzelschicksalen verknüpfen, sich einige Menschen symptomatisch herausgreifen, und von ihnen – oder eben ihren Inkarnationen in intensivem Aktenverkehr – erzählen. Langeweile, weil die Inszenierung im Grunde genommen eine zweistündige Lesung dieser Akten ist – da ist keine sprachliche Eleganz, da gibt es keine Zugeständnisse, keine Erklärungen, keine Zusammenfassungen. Nur das Amtsdeutsch des Dritten Reiches, nur die harte, brutale, substantivlastige Realität der zuständigen Ämter. Die dazwischen eingestreuten Augenzeugenberichte wirken dagegen fast wie erleichternde, üppige Inseln des Storytelling.

„Die Nutznießer ‚Arisierung‘ in Göttingen“ ist vor allem durch diese sprachliche Kompromisslosigkeit ein dickes Brett von Inszenierung, nichts für einen leichten oder fröhlichen Abend. Aber wer sich darauf einlässt, findet eine dichte, wuchtig erzählte Geschichte, die mit beeindruckender Akribie recherchiert ist. Und vielleicht auch keine kleine Parallele, die gerade in heutiger Zeit bedenkenswert sein dürfte: Die Katastrophe kommt schleichend, und wenn man sie sieht, dann ist es schon zu spät.