Inszenierungsfotos nur zur Vorberichterstattung frei

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Schauspielkritik

"Die ganze Welt is a Spuk"

von Bettina Weber

Gerhart Hauptmann: Und Pippa tanzt!

Premiere: 14.03.2015
Schauspiel Köln
Homepage: http://www.schauspielkoeln.de/

Regie: Moritz Sostmann

Das leise Gemurmel an den Bistrotischen, welche die Zuschauer im Halbrund um die Bühne herum beherbergen, verlischt leise, die einladende Wirtshaus-Atmosphäre bleibt –  und Pippa tanzt! Das heißt, sie tanzt kaum, eigentlich nur einmal so richtig, aber sie tanzt in den Köpfen aller Männerfiguren dieses Stücks herum – so wie die berühmte Ida Orloff im Kopf des Autors Gerhart Hauptmann vor rund 100 Jahren herumspukte: die historische Figur gilt als Ausgangpunkt für das „Glashüttenmärchen“. Beim Kölner Hausregisseur Moritz Sostmann ist sie eine goldig-weiße Puppe (gebaut von Atif Hussein), sanft geführt und glockenrein gesprochen von Magda Lena Schlott. Eine Unschuld.

Es ist ja eigentlich eine recht abstoßende Ausgangslage: ein Autor (Hauptmann) verliebt sich in eine 16-Jährige (Ida alias Pippa), er schreibt ihr ein Stück auf den Leib, und darin sind vom versnobten Glashüttendirektor (lässig bis kühl: Martin Reinke) über den riesenhaften Huhn, den eigentlich so weisen alten Wann bis hin zum naiv-verträumten Handwerksgesellen Hellriegel alle männlichen Protagonisten wie alter Egos des Autors scharf auf, pardon: hingerissen von der kleinen Schönheit, suchen aus dem einen oder anderen Grund ihre glänzende Nähe. Der Direktor versucht es mit Charme, Huhn mit stumpfer Gewalt – bei Jakob Leo Stark ist er ein wahrer Waldschrat, akustisch zumal durch den umständlichen Dialekt kaum verständlich, körperlich seinen Gefühlen Ausdruck verleihend. Und Michel Hellriegel, den Yuri Englert zerstreut, aber dankenswerterweise auch nicht zu naiv spielt, rettet sie vor dem monströsen Huhn und versucht in einer Art Traumreise mit ihr nach Venedig zu fliehen – vergeblich. Bleibt noch ihr geschäftiger Vater, der – moralisch auch nicht gerade einwandfrei – Geld mit dem Tanz seiner Tochter macht, jedoch sogleich im ersten Akt ermordet wird. Verpackt wird diese Lolita-Geschichte in ein verschneit-verträumtes Siebengebirgs-Märchenpanorama. Am Ende bleibt die Begierde aller unerfüllt, oder sie wird ihnen gar zum Verhängnis. Soweit der nüchterne Blick auf den inhaltlichen Rahmen. Natürlich wird diese Beschreibung dem Autor und der Geschichte nur bedingt gerecht. Bleibt die Frage, wohin man mit den Ideen heute geht, und wozu man den eher skurrilen Text wieder ausgräbt. Moritz Sostmann hat am Schauspiel Köln schon mehrere Inszenierungen mit sicherem Regie-Handwerkszeug und gekonnt eingesetztem Puppenspiel auf einen Magiepodest gehoben, hat Illusionen geschaffen und bewusst gebrochen, und er hat zumal mit Magda Lena Schlott, Philipp Plessmann und Johannes Benecke drei richtig gute (Puppen-)Spieler, die am Erfolg seiner Arbeiten großen Anteil haben. Sie sind auch hier mit dabei, mit Martin Reinke, Yuri Englert und Jakob Leo Stark ergänzen in dieser Inszenierung drei weitere Charakter-Darsteller die Runde.

Dass Sostmann das Märchen des Naturalisten Hauptmann modernisieren oder gar dekonstruieren würde, war nicht zu erwarten. Der Mehrwert entsteht auch in dieser Inszenierung aus dem selbstverständlichen Miteinander von Menschen und Puppen (zweite Puppe im Stück: Wann, mit Oberlehrerstimme geführt von Philipp Plessmann), die als symbolkräftige Stellvertreter pointierten Einsatz finden. Die Regie-Einfälle unterstreichen dann vor allem das Märchen neben der Glashütte: Schnee, Wind, Klavierspiel (Musik: Philipp Plessmann) – durch die Halle Kalk weht jede Menge Bühnenpoesie. Einmal mischt Wanns stummer Diener Jonathan – hier besonders großartig: Johannes Benecke – aus kleinen Glasfläschchen mit Lachern, Applaus und Buhs einen unsichtbaren Cocktail. Und natürlich ist auch das Interieur einladend, also Klemens Kühns (Bühne und Kostüme) Umgestaltung der abrissbedrohten Halle Kalk in ein Lokal mit Lichterketten, Schneekugeln, Kaffee, Wein und Bier nebst Bergpanorama-Bühnenbildern. Trotzdem geht man am Ende, aus dem Träumerischen erwachend, ein wenig ratlos aus der Inszenierung. Und fragt sich, ob man nicht zum Beispiel eine stärkere Verbindung der männlichen Charaktere hätte sehen wollen, deren Geschichten so hinter einander weg über den Abend fließen. Ob sich ein Schritt heraus aus der wohligen Wärme der Nacherzählung nicht gelohnt hätte. Jedenfalls bleibt die Suche nach deutlichen Statements der Regie zur Vorlage – bei aller Fülle von Regieeinfällen – eher erfolglos. Es ist dann, wenn man so will, irgendwie ein richtiger Sostmann: kein Regie-Theater, sondern behutsamer Zauber. Spaß macht dieser allemal.