"Winterballade" von Carsten Knödler in Zittau inszeniert.

"Winterballade" von Carsten Knödler in Zittau inszeniert.

© Foto: Pawel Sosnowski
Schauspielkritik

Kalter Schwede

von Ute Grundmann

Gerhart Hauptmann: Winterballade

Premiere: 25.02.2012
Gerhart Hauptmann-Theater, Görlitz-Zittau
Homepage: www.g-h-t.de

Regie: Carsten Knödler

Auf die leere, schwarze Bühne fällt leise Schnee, ein alter Mann beklagt die schlimme Zeit, in der er lebt. Ein verlassener, unwirtlicher Ort, in den aus einer Bodenklappe wie aus der Hölle zwei blutverschmierte Soldaten springen, toben, Angst und Schrecken verbreiten. So beginnt auf der Zittauer Großen Bühne Gerhart Hauptmanns selten gespielte „Winterballade“. Aus Anlass des 150. Geburtstages und 100 Jahre nach der Verleihung des Nobelpreises hat man das Stück des Theater-Namenspatrons in den Spielplan genommen. Nach der Erzählung „Herrn Arnes Schatz“ von Selma Lagerlöf entstanden, 1916 fertiggestellt, spielt die Tragödie in einem Schweden nach dem Krieg. Schottische Söldner, denen das zugefrorene Meer die Heimkehr versperrt, schlagen erst die Zeit tot und dann den alten Pfarrer Arne und seine Familie. Nur Elsalil bleibt verschont, aber fortan stumm.

So düster die Handlung, so düster hat Schauspielintendant Carsten Knödler sie inszeniert und auch das Bühnenbild entworfen. Das Mystisch-Raunende des Stückes, dessen Figuren von Schicksal und Mächten bestimmt sind, und in dem das Geräusch von Messerschleifen Böses ankündigt, verstärkt die Inszenierung durch sphärische Klänge, dunkle Streichertöne. Denn an diesem eisigen Ort wird nicht einfach ein Täter gesucht, sondern Rache – und das von Pfarrer Arnesohn (Christian Ruth), dem Vater, Mutter und Tochter erstochen wurden. Der Kirchenmann predigt nicht Vergebung, sondern Auge um Auge.

Und so beginnt der zweite Teil der Inszenierung wie eine Gerichtsverhandlung, doch die einzige Zeugin Elsalil wandelt nur sprachlos umher, schaut niemanden an. Natalie Renaud-Claus spielt das sehr anrührend. Aber an diesem vom Eis abgesperrten Ort können Rächer und Täter sich nicht entkommen und so kehrt der Soldat Sir Archie (Philipp von Schön-Angerer) an den Tat-Ort zurück. Als er Elsalil begegnet, hält er sie für die von ihm getötete Berghild, sie gewinnt ihre Sprache wieder, erkennt den Täter aber noch nicht.

Carsten Knödler lässt das zum Glück stringent und schnörkellos spielen, so dass Täter und Opfer mal wie ein Liebespaar wirken, dann wieder wie Fremde, es wechseln Anziehung und Abwehr, aus einer Umarmung kann eine Fessel werden. Das ist die stärkste Phase der Inszenierung, die aber Hauptmanns Stück das Debattenhafte, die Behauptung der Schicksalsmächte und der bösen Ahnungen nicht nehmen kann. Die Figuren umkreisen sich, Archie schwankt zwischen Reue und düsteren Gedanken und der Phantasie, Elsalil mit nach Schottland nehmen zu können. Hier der gebrochene Täter, dort der Pfarrer als Racheengel, der sogar zum Messer greift und Archie unter riesigen Kreuzen verflucht. Den langen Schlussapplaus machten die Zittauer zu einer Standing Ovation für ihr Theater, das von massiven Kürzungen bedroht ist.