Szene aus Hauptmanns "Die Weber" in Halle.

Szene aus Hauptmanns "Die Weber" in Halle.

© Foto: Gert Kiermeyer
Schauspielkritik

Radikal eingekürzte Weber

von Hartmut Regitz

Gerhard Hauptmann: Die Weber

Premiere: 16.09.2011
Bühnen Halle
Homepage: http://www.buehnen-halle.de

Regie: Jo Fabian

Bei Gavin Bryars ist es ein Obdachloser, der wie in einer Endlosschleife sein “Jesus‘ blood never failed me yet” singt. In der Inszenierung von Jo Fabian wiederholen die “Weber” gebetsmühlenartig den Refrain, während dessen sie sich die Füße blutig treten: eine der schönsten, wenn nicht gar schlüssigsten Szenen einer Aufführung im Neuen Theater, der aller Naturalismus fremd ist, selbst wenn elf Schauspieler den nicht allzu langen Abend über Schlesisch sprechen.

Auch in Halle spielt man Hauptmann, auch wenn der Autor und Allroundkönner seinen Text immer wieder ent-fremdet und so in das Heute überführt, dass jeder der Protagonisten als Teil eines sehr gegenwärtigen Prekariat erkennbar wird. Der Tiefe entsteigen sie einem vernebelten Höllenschlund, und zunächst scheinen sie auch noch zu “funktionieren”: wie Weberschiffchen, die der Choreograf zwischen den Kettfäden hin- und herschickt. Erst als der Expedient auf einer Empore Karl Marx bemüht (obwohl der doch sein “Kapital” erst 23 Jahre später verfasst, wie Bäcker bissig meint), bricht der ganze Unmut auf. Lange Zeit ist der Fabrikant Dreissiger ihrem Zugriff entzogen. Erst als sich ein roter Theatervorhang öffnet, wird er in seiner ganzen Herrlichkeit sichtbar: Allem irdischen Leid enthoben, lagert er hoch oben wie Goethe in der Campagna, lässt sich’s gut sein und konterfeit ganz nebenbei seine Frau, die wie ein Schwan auf Spitze tänzelt.

Es sind immer wieder Bilder, die das Publikum den Atem verschlagen, Assoziationen, die das Stück blitzartig erhellen. “Mehr” heißt es in einem Album der Rockband Rammstein eher unbescheiden. An passender Stelle eingespielt, sagt es mehr als viele Worte. Fabian hat das Stück radikal eingekürzt, er spielt es ohne Pause, aber mit tödlicher Konsequenz bis zum Ende: Kein Weber überlebt. Allein der Expedient Pfeifer macht sich rechtzeitig auf die Socken und kehrt nach dem Blutbad wieder als ein Unternehmer, der buchhalterisch alle Schäden bilanziert und anschließend ins Hier entschwindet.