Büchners "Dantons Tod" in Pforzheim

Büchners "Dantons Tod" in Pforzheim

Mario Radosin als Desmoulins und Jörg Bruckschen als Danton (im Vordergrund)

© Foto: Anne Haymann
Schauspielkritik

Rhetorischer Schlagabtausch

von Eckehard Uhlig

Georg Büchner: Dantons Tod

Premiere: 08.11.2014
Theater Pforzheim
Homepage: http://www.theater-pforzheim.de/

Regie: Murat Yeginer

Das Einladungsschreiben zur Pforzheimer Premiere von Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ deutete die Tendenz der Inszenierung Murat Yeginers bereits an: Das Stück „zählt im Übrigen auch zu den ‚Sternchenthemen‘ des baden-württembergischen Abiturs“, heißt es dort. Offenbar möchte man seinem Bildungsauftrag als Stadttheater nachkommen und den geplagten Abiturienten, die heutzutage lange dichterische und zudem mit griechisch-römischer Mythologie und Geschichte gespickte Texte kaum noch lesen mögen, bei ihrer Pflichtlektüre eine verkürzte, von klassischem Bildungsballast gereinigte Fassung an die Hand geben.

Die Folge: Büchners Revolutionsdrama ist um gut die Hälfte auf 8o Minuten Spielzeit eingedampft, seine 30 Mitspieler umfassende Personenliste auf die fünf Hauptakteure reduziert. Vor allem fehlen die derben Szenen der revolutionären Bürger, der betrunkenen Herumtreiber und Straßendirnen, des Volkes Schreie nach Brot, die „Schlagt-sie(die Aristokraten)-tot“- Stimmung und zunehmende moralische Verwahrlosung der Massen. Damit fehlt der Humus, auf dem die „La Terreur“-Phase der Französischen Revolution im Frühjahr 1794, also Büchners historisches Thema, ihre blutroten Blüten treibt. Nebenbei sind auch die obszönen Stellen gestrichen: „Die Perpendikel unter den Bettdecken“ schlagen nicht mehr aus, die Eicheln fallen nicht mehr in den Schoß der Huren. So sieht eine Aufführung „ad usum delphini“ aus.

Die Requisiten-leere, schwarz-dunkle Bühne gleicht dem Innenhohlraum eines umgelegten, nach hinten perspektivisch spitz zulaufenden Obelisken, der sich zur Rampe hin weit öffnet, mit steil ansteigender Spielfläche, die in ein Flaschenhals-Loch einmündet, durch das später die Guillotinierten ins Nichts abkippen. Davor, über dem Orchestergraben, ein erhöhtes Podium mit weißem Milchglasscheiben-Boden, der an den markanten Punkten des Plots aufleuchtet. Hier halten die Heroen der Revolution Danton (in Pforzheim Jörg Bruckschen), Robespierre (Mathias Reiter), St.Just (Jens Peter) und teils auch Camille Desmoulins (Mario Radosin) ihre großen, philosophisch ausformulierten Anklage- und Verteidigungsreden, die Büchner bekanntlich aus den Originalquellen meist wörtlich übernimmt. Hier rechtfertigt Robespierre vor Wohlfahrtsausschuss und Revolutionstribunal obsessiv seine angeblich auf republikanischer Tugend basierende, blutrünstige Schreckensherrschaft, hier stemmt sich der nach leidvollen Erfahrungen mit den vorausgegangenen Septembermorden gemäßigt auftretende Danton wortgewaltig aber auf verlorenem Posten  gegen seinen eigenen Untergang auf dem Schafott. Oft ist das Redetempo der Volkstribunen arg gehetzt, Rede-Duelle ereignen sich als schrill-unverständliches Geschrei.

Ansonsten Geplänkel der Protagonisten auf der Bühnenschräge. Danton ist irgendwie nicht bei der Sache und lacht viel mit Galgenhumor. Camille brüllt seine Todesangst heraus und kratzt an der Gefängniswand. Mit bebender Stimme deklamiert Robespierre. Allein St.Just bleibt gelassen und spricht schneidend scharf wie ein Advokat des Todes. Einmal sitzen alle fünf Mimen im Lichtschein in einer Reihe nebeneinander und singen alle Strophen des Liedes „Die Gedanken sind frei“, ein hinzugefügter Ersatz für die berühmte Theodor Körner-Zeile „Der Freiheit eine Gasse“, die Büchner seinem Text bewusst eingefügt hatte und  die hier den Streichungen zum Opfer gefallen ist. Eigentlich sind die „freien Gedanken“ Mittelpunkt eines Traum-Dialoges zwischen einem Gefangenen und seiner Geliebten. Diese Geliebte, im Programmheft als Dantons Frau  Julie (Christine Schaller) verzeichnet, ist gleichzeitig auch Camilles Gattin Lucile und die Grisette Marion, bildet den eher sanften Kontrast zu den aggressiven männlichen Revolutionären und hat – (als Lucile) das Volkslied „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod“ anstimmend – einen melancholisch zarten Abgang, mit dem alles endet. Eine textzentrierte, minimalistische Produktion, die versucht, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, wobei die Zusammenhänge nur versteht, wer Büchners Stück als Ganzes kennt.