Ensembleszene

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© Foto: Ilja Mess
Schauspielkritik

Die Faszination der Volksgemeinschaft

von Manfred Jahnke

Ferdinand Bruckner: Die Rassen

Premiere: 20.01.2017
Theater Konstanz
Homepage: http://www.theaterkonstanz.de

Regie: Barbara-David Brüesch

Nur wenige Wochen nach der Machtergreifung Hitlers 1933 schrieb Ferdinand Bruckner „Die Rassen“. In diesem Schauspiel erzählt der Autor am Beispiel dreier Freunde, Medizinstudenten, davon, wie die menschenverachtende Massenhysterie mit ihren inhaltlosen Sinnvokabeln nicht nur alle Beziehungen zerstört, sondern auch in den Tod führt. Im Zentrum steht dabei die Geschichte Karlanners, der mit der Jüdin Helene Max zusammenlebt und sich auf seine Promotion vorbereitet. Er, der zu Beginn noch auf seine Privatsphäre achtet, rennt nun als Mitläufer mit, trennt sich von seiner Lebensgefährtin und schlägt seinen Freund Siegelmann, ebenfalls ein Jude, zusammen. Er macht mit, wenn auch Zweifel bleiben, die sich noch verschärfen, als er auf Helene angesetzt wird. Am Ende verlassen Helene und Siegelmann Deutschland und Karlanner, der den Anführer Rosloh erstochen hat, wird abgeführt… Mit einer großen Klarsichtigkeit entwickelt hier Bruckner aus seiner Zeit heraus eine Parabel über die Verführbarkeit des Menschen durch inhaltlose Massenbewegungen. Schon nur die Frage nach dem Sinn zu stellen, ist, wie es im Stück heißt, „jüdisch“, die Ratio wird durch den bedingungslosen Glauben ersetzt. Alles Zeitgeschichte?

Auch in der Inszenierung von Barbara-David Brüesch am Theater Konstanz sind auf der Leinwand per Projektion alle Daten zur Geschichte der Machtergreifung und darüber hinaus zu lesen und stehen in einer erschreckenden Korrespondenz mit der Handlung. Aber die Regie ist weniger an Historizität interessiert als an den Mechanismen, die zu einer solchen menschenverachtenden Massenbewegung führen. Gleich das erste Bild in der starken Choreografie von Zenta Haerter macht deutlich, dass hier die Handlungen von der Historie sich ablösen und abstrahiert werden. Auch die Kostüme des 13-köpfigen Bewegungschores – kurze weiße Hosen, weißes Hemd und dunkler Schlips für die Männer und Röcke und Blusen für die jungen Frauen (Kostüme Karin Jud, die für die Menschen, die nicht in der „Bewegung“ sind, dunkle Kleidung aussucht) – vermitteln wie das Bühnenbild von Damian Hitz  eher: einen Denk-Spiel-Raum, der von silbernen Aluminiumplatten beherrscht wird. Nach vorne hin läuft der Raum in einer Rinne aus, in der die Spieler immer wieder einmal abrutschen. Vom Portal herab hängen silbrig glänzende Gitterstäbe, die sich auch zu einem Gitter schließen können und die Gefangenheit der Figuren ausstellen.

Mit dieser Abstraktion gelingt es Brüesch, ihren Figuren nicht der Lächerlichkeit preiszugeben und auch die Phrasen, die ständig gedroschen werden, nicht zu denunzieren, sind sie doch auch wieder hoffähig, wie eingeschmuggelte Sätze von AfD-Politikern zeigen. Zwar wird bewegungsmäßig Axel Röhrle als der dumm-gefährliche Rosloh manchmal in total verkrampfte Posen getrieben, aber, da es Röhrle gelingt, die Gefährlichkeit seiner Figur auch in solchen Situationen aufblitzen zu lassen, wirkt es nicht verharmlosend. Auch sonst überzeugt Brüesch mit klugen Einfällen. So lässt sie z.B. bei der Vergewaltigung von Siegelmann ein Video laufen, in dem ein Reh auf das Geschehen herab blickt und kommentierend nickt: Tiere staunen, was der Mensch den Menschen antut. Und da können sie nur staunen, was Julian Härtner aus seiner Rolle als Karlanner macht: grandios wie es ihm gelingt, die Verführbarkeit durchlässig zu machen, wie Skrupel ihn denn doch nicht zum überzeugten Mitglied der Bewegung machen lassen, das ist so klar, wie einfühlsam heraus gearbeitet. Oder Johanna Link als Helene, deren anfängliche Überlegenheit sich in tiefe Verzweiflung verwandelt. Aber auch André Rohde als Tessow, Gideon Maoz als Siegelmann, Tomasz Robak als Anführer und Odo Jergitsch als Geheimrat Max machen ihre Figuren wunderbar transparent. Da ist den Konstanzern ein großer Wurf gelungen, weil hier wirklich alles ineinandergreift, Spiel, Bild, Musik (Christian Müller), die die Privatszenen mit ganz leisen Klängen begleitet und dann wieder zu harten Beats greift, und Bewegung. Gerade auch dieser Chor verdeutlicht, dass das alles nicht vorbei ist, die Faszination vor der großen Gemeinschaft.

Erstaunlich, welchen guten Lauf in dieser Spielzeit das Theater Konstanz hat.