Amélie Miloy und Sven Brormann in "Bilal - Leben und Sterben als Illegaler" nach der Reportage von Fabrizio Gatti.

Amélie Miloy und Sven Brormann in "Bilal - Leben und Sterben als Illegaler" nach der Reportage von Fabrizio Gatti.

© Foto: Landesbühne Niedersachsen Nord
Schauspielkritik

Im Konjunktiv des Traumes

von Jens Fischer

Fabrizio Gatti: Bilal – Leben und Sterben als Illegaler

Premiere: 21.01.2012
Landesbühne Niedersachsen Nord, Wilhelmshaven
Homepage: http://www.landesbuehne-nord.de

Regie: Eva Lange

Die Empörung ist so einhellig wie die Ratlosigkeit. Was können wir schon gegen Armut, Hunger, all die bewaffneten Konflikte in Afrika tun – also verhindern, dass Menschen der Perspektivlosigkeit entfliehen und im angeblichen Paradies Europa so viel Geld verdienen wollen, damit den Familien daheim das Überleben möglich ist? Solche Flüchtlinge setzen ihr Leben aufs Spiel, wenn es auf schrottreifen Lkws durch die Wüsten geht, um dann auf kaum seetauglichen Booten den Sicherheitsgürtel der Festung Europa zu durchdringen. Die Endstation Sehnsucht bedeutet meist: aller Ersparnisse beraubt wieder zurückgeschickt oder als Billigarbeitskraft ausgebeutet zu werden. Migranten ohne Ausweispapiere, ohne Rechte, zur Unsichtbarkeit verdammt.

Einem solchen Höllentrip aus dem Senegal ans Mittelmeer schloss sich der italienische Journalist Fabrizio Gatti an, war Augenzeuge, wurde Chronist – und schrieb einen investigativen Reportageroman: sinnlich-plastisch in der Beschreibung, hintergründig fundiert in der Recherche. Ist solch literarischer Journalismus in andere Kunstformen übersetzbar? Brad Pitt spielt den Gatti und produziert ein aufwühlend die Realität nachstellendes Road-Movie? Oder Emigranten werden live auf die Dokutheaterbühne importiert? In Wilhelmshaven versucht es die Landesbühne mit einem emotionalisierten Politdrama, Flüchtlinge aus der Anonymität zu reißen, nur Kollateralschaden der Weltwirtschaft zu sein. Dramatisierer Peter Höner konzentriert sich in „Bilal – Leben und Sterben als Illegaler“ auf die Szenerie in der Oase Dirkou, letzte Station vor der Durchquerung der Ténéré-Wüste. Regisseurin Eva Lange entkleidet das Geschehen aller realistischen Ingredienzien.

Auf der leeren Bühne agiert das Ensemble ungeschminkt in deutschen Freizeitklamotten, gibt sich mit Schlafsack auf einen Abenteuertrip und wechselt zu unmerklichen Lichtwechseln unmerklich die Rollen – eben noch Migrant, schon Menschenhändler, dann korrupter Beamter. Allesamt irgendwie ähnliche Opfer der Tragödien Afrikas? Gewaltaktionen werden theatralisch abstrahiert, Leiden und Hoffen der Figuren fulminant ausgespielt wie im bürgerlichen Psychodrama. Auch so wird deutlich nicht die Realität der Flüchtlingskarawane illusioniert, sondern das, was unsere westliche Vorstellungskraft sich darunter vorstellen könnte. Eine Inszenierung im Konjunktiv des Traumes. Die Regie schiebt weitere surreale Sequenzen dazwischen, etwa Fantasien der Afrikaner vom reichen Westen. Irgendwie wirkt alles auch wie der Alptraum des Autors Gatti von seiner Undercover-Recherche. So richtig das inhaltlich scheint, so wichtig die Thematisierung auf der Bühne ist, so engagiert auch gespielt wird: Das empathiewillige Publikum erlebt keine Biografien zum Hineinfühlen/-denken, sondern narrativ nur locker verbundene Spotlights der Flüchtlingsproblematik und ins Beispielhafte verkürzte Figuren, die Szenen auch immer wieder moralisierend zuspitzen müssen: Warum wir das zulassen, das sei mit den Menschenrechten doch nicht vereinbar … Aber was wäre zu tun? Dass diese Frage dann unbeantwortet bleibt, mit wutdrängender Wucht ins Parkett weitergereicht wird, ist der Trumpf der Inszenierung.