Konstanze Fischer in "Die Frauen von Troja (Der Untergang)" am Theater Pforzheim

Konstanze Fischer in "Die Frauen von Troja (Der Untergang)" am Theater Pforzheim

© Foto: Sabine Haymann
Schauspielkritik

Bilder des Leides

von Eckehard Uhlig

Euripides: Die Frauen von Troja (Der Untergang)

Premiere: 23.09.2017
Theater Pforzheim
Homepage: https://www.theater-pforzheim.de

Regie: Hannes Hametner

Die Männer kommen in Euripides Tragödie „Die Troerinnen“ nicht gut weg. Sie führen Krieg, töten und lassen sich totschlagen. Und die Frauen bleiben als Witwen, Bräute und Waisen im Elend zurück, werden von Siegern geschändet, wie Vieh verlost, versklavt oder in die Flucht getrieben. Das während des Peloponnesischen Krieges 415 v. Chr. in Athen uraufgeführte, als bitter ernste Warnung vor Kriegstreibern konzipierte Stück, das den (damals allen Griechen bekannten) Mythos vom Kampf um Troja aufgreift, ist nun am Pforzheimer Stadttheater in einer fulminanten Inszenierung von Hannes Hametner zu sehen – und zwar trotz der belassenen archaischen Struktur als unerhört heutiges Schauspiel.

Als sprachmächtiger Gott Poseidon und eigentlicher Gründer Trojas kündet Jens Peter im Prolog vom Untergang seiner Stadt. Er präsentiert sich tuntig im blutroten Kleid – also auf der Seite der trojanischen Frauen stehend, erhöht im Bühnenhintergrund auf einer Ruinen-Mauer postiert. Dabei ist der Ton seines Berichts vom Schrecken und Jammer der Besiegten, die vor ihm als Kriegsopfer verstreut auf dem Bühnen-Schlachtfeld liegen, mehr ironisch aufgeladen als von weihevollem Pathos getragen.

Dann beschwören in einer Abfolge von Klageszenen die gedemütigten Fürstinnen Trojas und der „Chor“ der Trojanerinnen, die ängstlich ihrer Verschleppung entgegensehen, ihr von den siegreichen Griechen zugeteiltes Los. Susanne Schäfer zelebriert als die alte Königin Hekabe, die dem listenreichen und verschlagenen Odysseus gehören soll, trotz ihrer verlumpten Sträflingskleidung und ihres geschorenen Schädels mit geradezu majestätischer Würde das Grauen des trojanischen Infernos. Konstanze Fischer gibt Hekabes verrückt gewordene Tochter Kassandra als visionäre Katastrophen-Künderin. Zur Nebenfrau Agamemnons erniedrigt, verstört sie mit aberwitziger Prophezeiung – auch die Griechen werden sterben – und mit sexistischer Anmache den abgesandten Schergen der Sieger. Mütterlich anrührend um ihren (und des gefallenen Hektor) kleinen Sohn besorgt, spielt Mira Huber Hekabes Schwiegertochter Andromache, die schändlich zur Sklavin des Achilles-Sohnes Neoptolemos ausbedungen wurde. Alle drei Darstellerinnen, nicht nur Hektors Gemahlin, die sich zusammen mit ihrem Kind durch Suizid den Zumutungen der Griechen entzieht, haben auf unterschiedlichste Weise das Zeug zur großen Tragödin. Heidrun Schweda ist eine großartig traurige, energisch durchdringende Chor-Führerin, die den gefangenen Frauen (Pforzheimer Bürgerinnen) selbst in aussichtsloser Lage Halt zu bieten vermag.

Die Griechenfürsten, die in den Anklagen der Troerinnen ständig gewärtig sind, erscheinen (außer Menelaos) nicht in der Trauer-Handlung, sondern schicken für die schmutzige Sklaventreiber-Arbeit ihren Boten vor, den die Pforzheimer Inszenierung interessanterweise dreigeteilt hat: Markus Löchner ist die blutverschmierte brutale Variante des Thaltybios, Jens Peter (in Zweitrolle) mit weißer Unschulds-Paradeuniform der scheinbar mitleidige, nur Befehle ausführende Adjutant. Der dritte Thaltybios, Bernhard Meindl, zeigt Gewissen und erschießt sich am Ende.

Mit dramaturgischem Gespür hat Regisseur Hametner die Helena-Menelaos-Szene ausgestaltet. Sie scheint aus den Bildern des Leidens herauszufallen, repräsentiert eine Gesellschaft heuchlerischer Opportunisten, die immer obsiegen und oben schwimmen. Sophie Lochmann stellt eine Helena der besonderen Art vor, eine verruchte Verführerin, eine Diva im silbrig glitzernden, durchsichtig hautengen Ballkleid, die alle Reize ihres gertenschlank schönen Körpers so betörend ausspielt, dass selbst Voyeure im Publikum auf ihre Kosten kommen. Obwohl von Hekabe als Hure gebrandmarkt und im einzigen großen Dialog des Stücks als Schuldige am Untergang Trojas überführt, verfällt Menelaos dem Charme seiner einstigen, von Paris aus Sparta nach Troja entführten Gattin erneut. Lars Fabian zeichnet den unwürdigen Spartaner-König als sebstgefällig-eitlen, oberflächlichen Larifari-Schnösel, der mit dem Champagner-Glas in der Hand im schicken schwarzen Party-Löwen-Anzug auf die Bühne stürmt. Er wird Helena nicht, wie zugesagt, töten, sondern als Sex-Objekt für sein Bett behalten.

Die Ausstatter (Bühne Giovanni de Paulis, Kostüme Erika Landertinger) lassen durchaus Konzentrationslager-Reminiszenzen aufscheinen und sorgen unaufdringlich für aktuelles Kriegs-Ambiente. So wird Andromache in einem IS-Kämpfer-Pickup mit Pritschen-Abschussrampe auf die Bühne gekarrt, und über der kriegszerstörten Stadt kreist eine moderne Drohne. Pforzheim bietet „Die Troerinnen“ in der Übersetzung und Bearbeitung von Walter Jens mit dem Titel „Die Frauen von Troja (Der Untergang)“. Der rhetorisch versierte Übersetzer lässt Poseidon das letzte Wort. Er spricht vor der Kulisse einer im wabernden Bühnenfeuer vergehenden Stadt die Quintessenz aus: „Ihr Narren! Menschen, die ihr glaubt, man könnte Städte niederbrennen und aus Gräbern Wüsten machen, ohne selbst zugrund zu gehen.“ Sie werden alle daran verrecken, alle.