UA "Der schwarze Obelisk" am Theater Osnabrück

UA "Der schwarze Obelisk" am Theater Osnabrück

vorne: Stefan Haschke (Narr), Anne Hoffmann (Närrin); Projektion: Stephanie Schadeweg (Isabelle), Patrick Berg (Ludwig Bodmer)

© Foto: Marek Kruszewski
Schauspielkritik

Trümmerfelder

von Bettina Weber

Nach Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk

Premiere: 31.01.2015 (Uraufführung)
Theater Osnabrück
Homepage: http://www.theater-osnabrueck.de/

Regie: Marco Štorman

Es sind die bekannten Herausforderungen von Romanadaptionen: Sie funktionieren am besten, wenn sie den Leser dort abholen, wo im Werk lebendige Bilder entstehen, wenn sie der Komplexität des Romans gerecht werden, ohne ihn nachzuerzählen, und ihm dabei sein theatrales, dramatisches Potenzial entlocken. Wer mit diesem Anspruch an Marco Štormans Osnabrücker Uraufführungsinszenierung von Erich Maria Remarques „Der schwarze Obelisk“ herangeht, wird leider enttäuscht. Das ist schade, zumal dem Abend so manche gute Idee zugrunde liegt. Die Uraufführung ist Teil eines dramaturgisch klug konzipierten Stadtprojekts, das in anerkennenswerter Weise um neue Perspektiven auf den Literaten bemüht ist. Das Osnabrücker Theater widmet sich Remarque, dem „Kind der Stadt“, schon seit Beginn der Spielzeit, neben dieser Uraufführung gab es unter anderem schon einen sinnlichen Tanzabend von Mauro de Candia, und bewusst hat man sich gegen die vielleicht nahe liegende Dramatisierung von Remarques Welterfolg „Im Westen nichts Neues“ und für seinen weniger populären Zwischenkriegsroman „Der schwarze Obelisk“ entschieden.

Und obwohl aus Marco Štormans Inszenierung auch anziehende Momente hervorgehen, krankt diese Bühnenversion des Romans gewaltig. Und zwar ganz grundsätzlich daran, dass sie die Geschichte derart in Einzelszenen zerpflügt, dass weder die Leser des Romans noch die unvorbereiteten Zuschauer abgeholt werden. Wer den Roman nicht gelesen hat, was ja bei diesem eher unbekannten Werk Remarques sicher nur bei einem Teil des Publikums vorausgesetzt werden darf, wird es schwer haben, einzusteigen. Und das, obwohl der Abend eigentlich darum bemüht ist, Atmosphäre zu erzeugen, und, wie es der Osnabrücker Intendant Ralf Waldschmidt anschließend formuliert, etwas vom „Geist des Romans“ zu übermitteln. Hierfür wird allerdings die Chronologie der Geschichte völlig über Bord geworfen. Die Sprache der Bühnenfassung von Carsten Golbeck beißt sich zwar sprachlich und inhaltlich an den Dreh- und Angelpunkten der Erzählung fest, ist aber so dekonstruktivistisch verkürzt, dass die Zusammenhänge der Geschehnisse unlesbar werden. Und auch Štormans Inszenierung setzt auf die lose Aneinanderreihung atmosphärischer Szenen, in der dann aber leider kein Spannungsbogen greifbar wird.

Remarque hat den Roman, der 1923 spielt – zur Zeit der Inflation und des aufkeimenden Nationalsozialismus –, in den Fünfzigerjahren geschrieben, in der Erwartung eines dritten, atomaren Weltkrieges zwischen Ost und West. Im Zentrum des Romans steht der Ich-Erzähler Ludwig Bodmer, der zwischen zwei Kriegen nicht ins Leben findet. Zusammen mit seinem Freund Georg Kroll arbeitet er in dessen Familienbetrieb, einem Grabsteinhandel. Finanziell über Wasser halten können sie sich wegen der Inflation aber eher über Wechselgeschäfte. Der namensgebende schwarze Obelisk ist ein Mahnmal des Todes, ein Ausstellungsstück der Firma, gegen das täglich der Alkoholiker von gegenüber uriniert. Und weil Ludwig und Georg die Grauen des Ersten Weltkriegs nicht vergessen können, suchen sie nach Ablenkung im Rausch von Alkohol und Liebesabenteuern. Ludwig steht zwischen der entrückten Isabelle, zu der er wegen ihrer Schizophrenie nicht durchdringen kann, und der bodenständigen Akrobatin Gerda, die ihn am Ende für den vermögenden Restaurantbesitzer Eduard verlässt. Die kleine Stadt Werdenbrück, Schauplatz des Romans, ist dabei als Abbild Osnabrücks zu verstehen.

Diese Uraufführungsinszenierung reduziert die Erzählung im Wesentlichen auf die Dualismen, denen der Protagonist permanent zu entkommen sucht: Der Gegensatz von Kriegserinnerung und der Sehnsucht nach Unsterblichkeit, der Wechsel zwischen Wirklichkeit und Imagination, in dem Ludwig hin und her wankt wie zwischen Isabelle und Gerda. Die protestierenden Kriegsinvaliden einerseits und andererseits der aufkeimende Faschismus durch die ersten Nationalsozialisten, die die Warnungen des Krieges ignorieren und die Ängste der Menschen brutal für sich ausnutzen.

Und um an dieser Stelle noch einmal auf die guten Ideen zurückzukommen: Es ist eine konsequente Darstellung der Beziehung Ludwigs zu Isabelle, sie in ein gläsernes Zimmer zu sperren, aus dem sie ohne Astronautenausrüstung nicht hervor kann, sodass beide nie ganz zueinanderkommen. Es ist auch vertretbar, den Krieg – sei es durch die Uniformen oder die an Explosionen erinnernden Leuchtstoffröhrenlampen an der Decke – ständig präsent sein zu lassen (Bühne und Kostüm: Dominik Steinmann). Selbst die Verbindung ins Heute, die Gleichsetzung von nationalsozialistischen Bewegungen und Pegida-Demonstrationen, um die sich der Abend bemüht, ist zwar vereinfacht, aber nicht abwegig, Begriffe wie „Lügenpresse“ wurden ja auch in der NS-Zeit heftig propagiert. Leider kippt diese angestrebte Aktualisierung aber auch in krampfiges Bemühen. Das Publikum muss Fahnen schwingen, und als es direkt gefragt wird, wofür es demonstrieren würde, muss die Regiehospitantin als Statistin herhalten, weil natürlich von Anfang an klar war, dass hier kein ernsthafter Dialog zustande kommen kann. Und dass Remarque selber als Schatten über die Bühne streift, ist überflüssiger Dekor – warum Stephan Ullrich dabei mit Horrorfilm-Kontaktlinsen wie ein Untoter umherstreift, erklärt sich nicht.

Ansonsten hat das Spiel der Darsteller an diesem Abend noch am meisten Kraft. Patrick Bergs Ludwig ist so abseitig und träumerisch, wie man sich den Protagonisten des Romans nur vorstellen kann, Dennis Pörtner ist ein nachdenklicher, grüblerischer Georg und Stephanie Schadeweg gibt der verschwommenen Figur der Isabell ein greifbares, dennoch zartes Profil. Stefan Haschke und Anne Hoffmann haben zwar die undankbareren Rollen, weil im Narr und in der Närrin diverse Figuren des Romans subsumiert sind, aber sie geben diesen immerhin die nötige Leichtfüßigkeit. Die Mängel der Inszenierung aber kann das Ensemble nicht aufwiegen, so sehr sie auch dagegen anspielen. Vom Roman ist nur ein Trümmerfeld geblieben, auf dem es sich schwerlich zurechtfinden lässt.