Tanz auf dem Berliner Vulkan - einst wie jetzt?

Tanz auf dem Berliner Vulkan - einst wie jetzt?

© Foto: Sandra Then
Schauspielkritik

Zwiespältiger Tanz auf dem Vulkan

von Andreas Falentin

Erich Kästner: Fabian oder der Gang vor die Hunde

Premiere: 14.10.2017
Düsseldorfer Schauspielhaus
Homepage: https://www.dhaus.de/

Regie: Bernadette Sonnenbichler

Die erste halbe Stunde ist ein großer Genuss. Das hervorragende Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses formuliert für uns mit ausgelassenen Körpern den berühmten ‚Tanz auf dem Vulkan‘, angesiedelt irgendwo zwischen „Blauer Engel“ und „Linie 1“. Dieses Berlin der späten Weimarer Jahre verweist bewusst auf unsere heutige Hauptstadt. Es kommt rau daher, kaum fassbar, mit wenigen Tabus, vielen Unterströmungen und noch mehr Klischees. Ständig passiert auf allen Ebenen mehr, als man aufnehmen kann und will, wummert untergründig ein kaum dechiffrierbarer Soundtrack. Und mittendrin André Kaczmarczyk als Kästners Titelheld, charmant, intelligent und schlagfertig, sensibel und extrem verletzlich. Vom ersten Moment an, in dem er zur Musik des den ganzen Abend über auf der Bühne präsenten Schlagzeugers Nico Stallmann tanzt, mögen wir ihn, sind wir bereit, die Welt durch seine Augen zu sehen.

In dieser ersten halben Stunde spielt die Regisseurin Bernadette Sonnenbichler, die auch die Spielfassung erstellt hat, ihre großen Stärken aus. Sie kann so erzählen, dass jeder Zuschauer ohne jede Lektüre oder sonstige Vorbereitung alles versteht – und das in stimmigem, geradezu musikalischem, ungeheuer leichtfüßigem Rhythmus. Aber nach diesem überwältigenden Beginn wird es schwieriger. Und das liegt an der Vorlage. „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ drängt sich nicht gerade nach der Bühne. Die drei Komponenten dieses Zeitromans, das satirisch überglänzte Großstadtpanorama, die diskussionswürdige Haltung der Hauptfigur und ihr Ringen um eben diese und der deutlich durchscheinende autobiographische Subtext fügen sich nur mit Mühe und vielen Perücken und Brillen, falschen Bärten und vertauschten Geschlechtern zum Theaterabend. Da scheint vieles nur aufzutauchen, weil es im Buch steht. Professor Kohlrepp etwa, einen Erfinder von Maschinen, der seinen Glauben an den Fortschritt verloren und dafür seine Mitmenschlichkeit entdeckt hat, braucht man, weil er sich verplappert, wodurch Fabians Geliebte Cornelia von Fabians Arbeitslosigkeit erfährt. Ansonsten hat er in der Erzählung dieses Abends eigentlich keinen Ort. So bringt ihn Markus Danzeisen in der Maske eines kultivierten, akademischen Wirrkopfes einfach auf hohem Niveau hinter sich. Aber er hinterlässt nichts. Noch eklatanter zeigt sich dieses dramaturgische Problem am Geschehen um Fabians Freund Labude, dem tatkräftigen, zumindest tatwilligen Idealisten, der unbedingt handeln, keinesfalls zusehen will. Sebastian Tessenows große Szene mit André Kaczmarczyk ist ein Höhepunkt des Abends. Hingerissen sieht man einer glaubwürdigen Freundschaft zu. Dann verschwindet Labude aus dem Stück, wird hinterher tot am Strick heruntergelassen und sein Vater, sein Professor und sein Assistent, die als Figuren nicht existieren, müssen gemeinsam mit Fabian die Ursache des Selbstmordes aufklären. Immerhin gewinnt Sonnenbichler aus diesem theatralisch kaum relevanten Moment die Struktur für ihr sehr kraftvolles Schlussbild.

Wolfgang Menardis durch Dreh- und Schiebetüren begehbarer Kasten in Laufstegform weitet sich zum Raum. Zwischen Fabian und den anderen Figuren entsteht eine Schlucht, in die sich André Kaczmarczyk am Ende fallen lässt. Und wir sind ein wenig traurig. Die Skrupel, in einer erodierenden, implodierenden Gesellschaft durch Handeln Spuren zu hinterlassen, den schrecklichen Schock der eigenen Arbeitslosigkeit erspielt er so nachvollziehbar wie intensiv. Die große Freundschaft zu Labude, die vielleicht noch größere Bindung an die Mutter rühren an. Die Beziehung zu den Frauen allerdings bleibt Behauptung. Von jener Leidenschaft, mit der Fabian für Cornelia Battenberg entflammt und die auch Sehnsucht nach Geborgenheit und, später getäuschte, Ahnung einer verwandten Seele ist, zeigt uns die Inszenierung nichts, delegiert sie an die einzige über dem Bühnenraum angesiedelte Szene, die aber arg kultiviert bleibt. Judith Bohle arbeitet sich souverän durch ihren Text. Ihr Dilemma, die Tatsache, dass die Karriere im Filmbusiness vielleicht schon vor 85 Jahren nur über irgendeinen Harvey Weinstein möglich war, berührt jedoch kaum.

So hinterlässt dieser „Fabian“ einen zwiespältigen Eindruck. Immer wieder erfreuen choreographische Kleinigkeiten und kostbare schauspielerische Momente wie die schwerelos sich einbrennende Charakterstudie von Michaela Steiger als geliebte Mutter, die hundsgemeinen Bürgerstudien von Alexej Lochmann, besondes die faszinierend in sich ruhende Künstlichkeit von Torben Kessler, aber der große Bogen wirkt bemüht und die Haltung der unterhaltsamen Inszenierung erscheint weit weniger klar als die Haltung des Protagonisten.