Cennet Rüya Voß und Tabea Bettin in "Ellbogen"

Cennet Rüya Voß und Tabea Bettin in "Ellbogen"

Schauspielkritik

Intensiv glaubwürdig

von Antonia Ruhl

Nach Fatma Aydemir: Ellbogen

Premiere: 15.09.2017 (Uraufführung)
Düsseldorfer Schauspielhaus
Homepage: https://www.dhaus.de

Regie: Jan Gehler

Ein Fleischmesser, abgeschnittene schwarze Locken, später ein Schädel und eine Blutlache: Das ist Hazalia. So sieht es tief in der Seelenlandschaft der Protagonistin aus, und wir schauen zwei Stunden ungeniert hinein. Ein Kosmos der Gewalt? Hazal, fast achtzehn, Deutschtürkin, ist in Berlin aufgewachsen – und dort nicht wirklich beheimatet. Ihr Leben spielt sich zwischen Jobsuche, Kiffen mit den Freundinnen und harten Konflikten in der Familie ab. Soweit die Ausgangssituation von Fatma Aydemirs erstem Roman „Ellbogen“: ein komplexes Gefüge, das Robert Koall für die Uraufführung im Central, Interimsspielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses, in eine romannahe und geschmeidige Theaterfassung transferiert hat.

Den ersten und umfangreicheren Teil des Abends bestreiten die vier jungen Schauspielerinnen (Cennet Rüya Voß, Lou Strenger, Tabea Bettin, Florenze Schüssler) gemeinsam. Es wären auch Stimmen und Figuren da für die dreifache Anzahl an Spielern, aber mit einem kleinen Ensemble lässt sich eine umso höhere Intensität erzeugen. Chorische Arbeit beherrschen sie nahezu perfekt, meisterlich sind sie darin, Stimmungen zu produzieren und zu transportieren. Sie alle können mit wenigen, gekonnt gesetzten Akzenten in eine Figur schlüpfen (sehr präzise: Lou Strenger) oder eine kollektive Hazal darstellen (also Hazalia). Letzteres geht Hand in Hand mit den bei Romanadaptionen naheliegenden, jedoch auffallend vielen Erzählpassagen.

Ganz im Dienst der Intensität steht in Jan Gehlers Inszenierung der schlichte, aber markant gestaltete Bühnenraum (Bühne: Sabrina Rox): Auf und vor einer übermenschengroßen Plattform aus Lautsprechern, die immer wieder wirksam vibrieren, werden in loser Szenenfolge und hohem Tempo drastische Bilder von Hazals Alltag entworfen. Da ist die Auseinandersetzung mit dem Ladendetektiv (purer Alltagsrassismus); da ist die emanzipierte Tante Semra; da sind die strengen Eltern, hilflos erstarrt im Weddinger Wohnzimmer; und da sind die so unterschiedlichen Freundinnen Elma, Gül und Ebru, die doch alle die Ziellosigkeit eint (und der a cappella gesungene Rihanna-Song „Umbrella“). Cennet Rüya Voß macht ihre Hazal trotz scheinbarer Abgebrühtheit zur Unsichersten, vielleicht Verletzlichsten im Bunde. Am achtzehnten Geburtstag dann der Bruch: Erst, in der Warteschlange vor dem Club, wird noch hemmungslos die vierte Wand durchbrochen (und ein Zuschauer beinahe abgeknutscht), dann, nachdem ihnen der Zutritt verwehrt worden ist, liegt ein Student tot auf dem Bahngleis. Und eine wutgeladene Hazal ist plötzlich Täterin – und findet sich in Istanbul bei Skype-Freund Mehmet wieder. Die drei Mitspielerinnen sind nach dieser Szene, die schon wieder als statisches Chorensemble bewerkstelligt wird, weg. Man ahnt, dass sie so bald nicht wiederkommen.

Im zweiten Teil eine fast leere Bühne, die Istanbul nur durch einen farbenwechselnden Leuchtkugel-Vorhang im Hintergrund andeutet: Hier ist Hazal wirklich allein – und Cennet Rüya Voß startet einen aufgewühlten Monolog zwischen Erinnerungsfetzen an ihre Bluttat (die Hazal oberflächlich locker wegsteckt), ein bisschen Verliebtheit sowie erstem Blick auf die Sehnsuchtsstadt Istanbul. Da ist es unerträglich heiß, während es in Berlin regnet. Aber die Welten sind sich doch zu nah: Hazal wird Hazalia nicht los. Deshalb gibt es dann einen gewaltigen Schrei-Ausbruch, es bleibt bei dem einen, dafür zieht er sich minutenlang.

Emotionaler und dichter ist das anschließende Streitgespräch mit Tante Semra (Tabea Bettin), welches scheitert – und so findet sich die einzige Tür, die sich in dieser Inszenierung öffnet, ausgerechnet inmitten der Putschwirren, deren eingeblendete Geräusche sich mit „Umbrella“ zu mischen scheinen… Am Ende steht überdeutlich die Ungewissheit. Demgegenüber die Gewissheit über sich selbst: Selbstfindung und Emanzipation durch Gewalt?

Mit „Ellbogen“ findet ein neuer Romantext auf die Bühne und beweist in Koalls Fassung unprätentiös seine Theatertauglichkeit: ein Stoff, dessen Aktualität nicht aufdringlich-plakativ, sondern eher subtil daherkommt. Grund dafür ist die wenig politisierte Wahrnehmung Hazals, die ziemlich naiv von ihrem mit Erdogan sympathisierenden Vater genervt und von Mehmets Abschiebung gerade einmal merkwürdig berührt ist. Diese Perspektive ist glaubwürdig und obendrein erfrischend. Dank des Textvertrauens, einer zurückhaltenden und doch genauen Regie sowie der Energie des Ensembles gelingt daher ein beklemmender, auch belustigender, sehr ambivalenter Abend.