Vielfarbiges Spiel in Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen"

Vielfarbiges Spiel in Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen"

© Foto: Christian Kleiner
Schauspielkritik

Differenziert emotional

von Detlev Baur

Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen

Premiere: 23.05.2014 (Uraufführung)
Theater der Welt, Mannheim
Homepage: http://www.theaterderwelt.de

Regie: Nicoals Stemann

„Die Schutzflehenden“ des Euripides verbunden mit Flüchtlingen von heute – und dann noch Betroffene selbst auf der Bühne. Kann das mehr bringen als wohlfeile Appelle? Es kann. Wenn Elfriede Jelinek den Text schreibt und Nicolas Stemann ihn inszeniert. Bei der Uraufführung von Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ zum Auftakt des Festivals Theater der Welt in Mannheim (die Produktion ist ab Herbst im produzierenden Hamburger Thalia Theater zu sehen) machen die bewährten Kräfte Barbara Nüsse, Felix Knopp, Daniel Lommatzsch und Sebastian Rudolph die Sache anfangs unter sich aus. Meist mit Textblättern in der Hand ringen sie auf einer weiten Spielbühne(Nicolas Stemann) um den sprachmächtigen Text zwischen antikem Chor, Dokumentation von staatlichen Anleitungen zur Integration und Jelineks bewährter Neumischung von Texten und Sinnen. Adressat dieses großen chorischen Monologs mit nur selten verteilten Rollen ist noch deutlicher als sonst das Publikum.

Doch wo zuletzt ein Abbild der Autorin liebevoll ironisch auf die Bühne gezerrt worden wäre oder der musikalische Regisseur höchstpersönlich den Takt angegeben hätte, kommen nun andere Akteure hinzu. Ein farbiger Darsteller wird mehr oder weniger integriert, nimmt einem deutschen Protagonisten gar „seinen“ Stuhl weg. Der reagiert mit Schwarz-Bemalen seines Gesichts und fremdenfeindlichen Parolen, „Wieso hat der Ausländer einen Sitzplatz in der U-Bahn und ich nicht“ erklingt bald gar als kleines Musical wie „Linie 1“. Das respektlose Benehmen des ausgegrenzten Kollegen provoziert andererseits auch aufdringliche Verbrüderungen mit dem Neuling.

Und es kommen mehr ungebetene Gäste. Im Hintergrund erscheinen mehr und mehr Menschen, die unschwer als „Flüchtlingschor“ erkennbar sind. Sie sitzen an der Rückwand der Bühne als stumme Zuschauer. Der Flüchtlingschor greift ein, teilweise wird eine heruntergelassene Wand aus Gitterdraht überstiegen. Mit wohl dosiertem Einsatz aus Erlebnisberichten – immer wieder ist von Anfang an von den abgeschnittenen Köpfen zweier Cousins die Rede – projizierten Flüchtlingsbildern und Verkörperungen des Chores, der etwa eine Art Ganzkörper-Patchwork-Schlafsack als Begrüßungsgeschenk bekommt, inklusive Reißverschluss vor dem Kopf. Die etablierten Spieler assistieren dabei auffällig, auch die neuen Vorspieler fühlen sich nun schon etabliert. Immer reflektiert Stemanns grandiose Inszenierung somit die diffuse Haltung gutmenschelnder Schauspieler mit. Und dennoch bleibt das Geschehen keineswegs beim Dramaturgie-lastigen Gedankenspiel. Diese „Schutzbefohlenen“ sensibilisieren für ein komplexes Thema und die einfache menschliche Wahrheit dahinter: Waren wie Taschen oder Handys sind uns schlicht willkommener als existenziell bedrohte Menschen. Das bedeutet aber die Negation menschlicher Existenz. Wahrhaftig großes Menschheitstheater von heute.