Inszenierungsfotos nur zur Vorberichterstattung frei

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Schauspielkritik

Dantes Trip

von Bettina Weber

Dante Alighieri: Die göttliche Komödie

Premiere: 11.04.2015
Schauspiel Köln
Homepage: http://www.schauspielkoeln.de

Regie: Sebastian Baumgarten

Auf Dantes Handrücken und einem halbschrottreifen Auto am rechten Bühnenrand prangt das symbolische Kreuz aus dem Computerspiel „Dantes Inferno“, Dante selbst kommt wie im Spiel aus dem Krieg, heute natürlich aus Syrien und Afghanistan, nicht von den Kreuzzügen – und so ist schon mal klar, dass wir uns Dantes Reise als zeitgenössisches Abenteuer vorstellen sollen. Auf gut zweieinhalb Stunden hat Sebastian Baumgarten die 14.233 Verse zählende „Göttliche Komödie“ am Schauspiel Köln reduziert. Dabei nimmt er sich trotzdem die Zeit, alle drei Teile des Werks zu erzählen, in das er gleichzeitig sehr grundsätzlich eingreift: Der Kriegsheimkehrer Dante verirrt sich nicht im Wald, er kehrt zurück in die Siedlung, in der er mit seiner Frau Beatrice gewohnt hat. In Thilo Reuthers großartigem Bühnenbild ist das ein verkommener Wohn-Büro-Etagenkomplex, der an ein Haus im Ghetto erinnert und (damit) schon eine Vorahnung der Hölle, quasi die Vorhölle ist. Mala Via prangt in großen Lettern am Gebäude. Empfangen wird Dante hier von fünf Gestalten, einer Gläubigen, einem Blinden, einer Frau, einem Mädchen, einem Arzt und einem Kunsthistoriker. Es könnten Figuren – Hippokrates, Elektra etc. – aus dem Limbus in Dantes Original sein, die Sebastian Baumgarten aufwertet: Nach Erlösung strebend werden sie ihn neben Vergil auf seinem Sühneweg begleiten, und sie beschwören sektenmäßig seinen Eintritt in die Hölle: Der Traumatisierte, gerade ohnmächtig geworden, wird in einem Kreis aus Blut mit Weihrauch umdampft und von Beschwörungsformeln eingenebelt, dann tritt er in die Hölle ein – durch die Fahrstuhltür im ersten Stock. Wechselnde Videoprojektionen (Stefan Bischoff) zeigen in der Folge Etagen bzw. nummerierte Höllenkreise an, in der Regel unterirdische Katakomben, in denen es mal feucht tropft oder auch brennt.

Dem Original entsprechend durchwandert er nun die neun Höllenkreise an der Seite von Vergil, auf der Suche nach Befreiung von den Sünden und nach Beatrice, der er schließlich im Paradies begegnet. Guido Lambrecht spielt den Protagonisten Dante leidenschaftlich intensiv als ernsthaft verzweifelten Getriebenen: Auf dem großen Feld mit weißem Schnee, das den vorderen Teil der Bühne einnimmt, sucht er immer wieder nach Reinigung. Vergil ist bei Seán McDonagh ein etwas hibbeliger Führer in antiker Toga, die Dominanz dosiert McDonagh angenehm sparsam. Dass alles, was Dante auf seinem Weg sieht und erlebt, womöglich nur in seinem Kopf passiert, dem Kopf eines posttraumatisch belasteten Kriegsveteranen, wird angedeutet durch Medikamente, die ihm verabreicht werden: Es ist jeweils der Inhalt einer Spritze, der zum Übergang in den nächsten Höllenkreis führt, und zwischendurch bringt Larissa Aimée Breidbach (als sehr mädchenhaftes Mädchen) im Krankenschwestern-Outfit neue Tabletten: Na, wie geht’s uns denn heute.

Gleichzeitig lässt Baumgarten sehr offensichtlich werden, dass die anderen Dante nicht nur auf einen Drogentrip schicken, sie spielen ihm eigentlich alles nur vor, es ist ein Schauspiel im Schauspiel: das Geschehen ist dauerhaft untermalt von laut quietschenden Türen und einer Fülle von weiteren, überzeichneten Comicsounds, und einmal, in einem wachen Moment, entlarvt Dante ein unechtes Messer und einen unechten Toten. In einer anderen Szene wundert er sich über den französischen Akzent der Selbstmörderin. „Das ist doch ein Mummenschanz“, schreit Dante. Alles nur Theater also. Und eine Prise Selbstironie der Regie?

Der Zuschauer kann noch einige weitere einprägsame Regieeinfälle in der Inszenierung entdecken, manche sind gar amüsant, wie die überdimensionalen Fatsuits der gefräßigen Seelen. Den Höllen-„Gesang“ nimmt der versierte Opernregisseur Baumgarten aber nicht unbedingt wörtlich, wenngleich durch die Musik (Jens Massel/Jörg Follert) eine sehr illustre Höllenatmosphäre geschaffen wird. Der größte Brocken ist an diesem Abend die Sprache, der es an Musikalität eher fehlt, an der man sich bisweilen gar die Zähne ausbeißt und an der sich auch die Schauspieler abarbeiten müssen. Baumgarten hat das Werk gemeinsam mit dem Dramaturgen Jens Gross neu bearbeitet, doch leider erschwert die Fassung eher den Zugang zur Geschichte, macht sie nicht durchlässig. Vielleicht hätte sie auch noch manche weitere Kürzung vertragen können, die büßenden Seelen auf dem Läuterungsberg beispielsweise nehmen ermüdend viel Platz ein, und überhaupt zieht sich die zweite Hälfte des Abends erheblich. Man hat zum Glück in diesem Bühnenbild immer wieder Neues zu entdecken, genauso wie an den zahlreichen, sehr facettenreichen Kostümen (Jana Findeklee, Joki Tewes). Und das Ensemble wirft sich, anders kann man es nicht sagen, mit aller Kraft in diesen Abend: Yvon Jansen ist eine kauzige Gläubige und später eine zarte, etwas abseitige Beatrice, Mohamed Achour, Nicola Gründel, Christian Hockenbrink und Miguel Abrantes Ostrowski rasen mit viel Energie und Varianz durch ihre zahlreichen Rollenwechsel. Man hätte dem Ensemble schließlich mehr Applaus gegönnt, doch das Publikum zeigte sich eher verhalten. Es mag daran liegen, dass die Sprache den Zugang erschwert, oder auch am düsteren Ende: Gemeinsam singen alle, erneut an einen Sektenkreis erinnernd, Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, lassen weiße Luftballons aufsteigen. Nachrichtenmeldungen werden eingesprochen, ein großes, dumpfes Wummern erstickt schließlich alle anderen Töne und lässt das Depot 1 bedrohlich beben. Baumgarten hat heutige Höllen gezeigt, er hat Dantes Werk ernst genommen und gleichzeitig kommentiert, aber der Genuss am Werk bleibt eher aus – viel, vielleicht zu viel will verdaut werden.