Szene aus Oliver Reeses Frankfurter "Terror"-Uraufführungsinszenierung

Szene aus Oliver Reeses Frankfurter "Terror"-Uraufführungsinszenierung

V. l. n. r.: Nico Holonics, Max Mayer, Martin Rentzsch, Viktor Tremmel, Bettina Hoppe, Constanze Becker

© Foto: Birgit Hupfeld
Schauspielkritik

Zweimal Freispruch

von Detlev Baur, Bettina Weber

Ferdinand von Schirach: Terror

Premiere: 03.10.2015 (Uraufführung)
Deutsches Theater Berlin / Schauspiel Frankfurt,
Homepage: https://www.deutschestheater.de

Regie: Hasko Weber (Berlin) / Oliver Reese (Frankfurt)


Berlin, Detlev Baur:
Am Ende der zweistündigen Theaterverhandlung steht hier ein Freispruch. Mit 255 gegen 207 Zuschauern, die auf dem Rückweg von der Pause über die Wahl der Eingangstür in den Saal entschieden haben. Wenn sich denn niemand verzählt hat oder die Zuschauer ihre Aufgabe als Schöffen nicht gar so ernst genommen haben. Denn gar so klar war die Gerichtssituation in Hasko Webers Inszenierung nicht immer. Kurze Videoeinspielungen von Daniel Hengst, Kürzungen und Umstellungen sind in dieser Uraufführung schon recht frei mit dem Text umgegangen, der ja eigentlich nicht mehr zu sein vorgibt als eine konzentrierte Gerichtsverhandlung. Zu Beginn spielte die Person des Angeklagten (ein überzeugender Timo Weisschnur) eine größere Rolle, die Verteidigerin (Aylin Esener) und die Staatsanwältin (Franziska Machens), aber auch die Richterin (Almut Zilcher) zeigten nicht nur Funktionsträgerinnen, sondern waren teilweise auch schlicht Geprächspartner des Täters. Die Gerichtssituation wurde also deutlich zugunsten eines schwer zu verortenden Spiels um Menschlichkeit und Menschenwürde reduziert. Stärken des Textes blieben für mich so auf der Strecke. Eine davon ist, dass anfangs die Anklage absurd erscheint für jemanden, der wahrscheinlich 70.000 Menschen gerettet hat; ganz allmählich wird nüchtern entwickelt, dass er 164 Menschen getötet hat und dafür des Mordes schuldig sein könnte. Wie hat denn das Publikum in Frankfurt entschieden, Bettina?

Frankfurt, Bettina Weber: In Frankfurt lautete die Entscheidung des Publikums ebenfalls: Freispruch, in einer jedoch etwas knapperen Mehrheit: 240 zu 230 Stimmen (ohne Pause). Doch auch hier war das Abstimmungsverfahren nicht ganz durchschaubar – wenngleich der Vorsitzende (ein sachlich nüchterner, dennoch einfühlsam sprechender Martin Rentsch) zur Erheiterung aller betonte, das Gesetz lasse keine Enthaltungen zu und die Technik funktioniere (alle Zuschauer bekamen kleine Geräte zur Abstimmung). Offenbar im Gegensatz zu Hasko Weber hat sich Regisseur und Intendant Oliver Reese relativ strikt an der Vorlage abgearbeitet und diese auf die Bühne übersetzt – nur wenige Striche und Ergänzungen. Hansjörgs Hartungs Bühne ist ein schlichter, naturalistisch holzvertäfelter Gerichtssaal, in schmaler Horizontale über die gesamte Bühnenbreite reichend. Der Raum ist im Übrigen sehr ähnlich gestaltet wie die Bühne zu Oliver Reeses Inszenierung von Kleists „Der zerbrochne Krug“, die gestern (mit überwiegend denselben Schauspielern) in Frankfurt Premiere hatte. Reese hat beide Gerichts-Stücke als Doppelprojekt inszeniert, wenngleich der Gerichtssaal der gestrigen komödiantisch gewürzten Inszenierung deutlich auf die Fünfziger- und Sechzigerjahre und damit auf das zerrüttete Gerichtswesen der Nachkriegszeit verwies. In der Frankfurter Version von „Terror“ steht nun Ferdinand von Schirachs genialisch sachliche, fast karge Sprache im Mittelpunkt und vor allem: der Sachverhalt, die zwischen theoretischer Rechtsphilosophie und konkreter Debatte schwebende Frage danach, ob es trotz der Verfassungswidrigkeit richtig oder falsch ist, 164 Leben gegen das von 70.000 zu opfern. Und so zurückhaltend und überraschungslos diese Regie auch ist, sie steigert unweigerlich die Spannung zum Ende hin – wie entscheidet das Publikum? Nur wenige, wenngleich markante Eingriffe lassen eine Tendenz in der Auslegung zu. So gibt schon zu Beginn der Vorsitzende im Gegensatz zur Textfassung zu erkennen, er hätte durchaus einer Entlassung des Angeklagten aus der Untersuchungshaft zugestimmt, konnte jedoch nicht. Abgesehen davon verläuft das Verfahren zunächst ausgesprochen nüchtern, keine der Figuren zeigt Emotionen – weder der sportlich-engagierte Verteidiger (Max Meyer) noch die ernste Staatsanwältin (Bettina Hoppe) und auch der Angeklagte nicht. Er bleibt überzeugt von seiner Tat, doch zeigt sich zunehmend berührt. Nico Holonics spielt ihn als einen aufrechten, integren Menschen, der zwar als Soldat sachlich argumentiert und doch keineswegs gefühllos bleibt ob des Schicksals der Menschen im Flugzeug – als die Frau eines der Opfer (Constanze Becker) aussagt, weint er stumm. Diese Entwicklung des Lars Koch lenkt den Abend womöglich mit in Richtung Freispruch... die Gerichtssituation scheint also elementar zu sein – zumal gerade der Mangel einer solchen dir in Berlin gefehlt hat, Detlev?

Berlin, Detlev Baur: Die texttreuere Uraufführung fand also zweifellos in Frankfurt statt. Hat aber das nüchterne Gerichtsspiel gegen gefühliges Menschentheater in Reeses Inszenierung gewonnen? In Berlin waren Timo Weisschnur und auch sein "Kamerad", der Zeuge Lauterbach (von Helmut Mooshammer als ziemlich eitel dargestellt) nur bedingt sympathisch. Der Freispruch hat mich also gewundert. Schon die Besetzung der drei juristischen Hauptakteure durch Frauen haben aber wenig von Gerichtsalltag im DT vermittelt. Aber immerhin haben Zuschauer hinterher über die Inhalte der Aufführung diskutiert. Und ich erinnere mich an das ambitionierte Bankerstück "Himbeerreich" (vor Jahren eine Koproduktion von Hasko Webers Stuttgarter Schauspiel und dem DT), die bei mir und Kollegen nicht gut ankam, vom Publikum aber sehr gut angenommen wurde. Ich hatte auch den Eindruck, dass die Schauspieler mit ihren Rollen und ihrem Text noch nicht ganz vertraut waren. Und dass die Inszenierung es sich und den Zuschauern eher schwergemacht hat den Reiz des Gerichtsdramas zu erkennen, weil sie gleich zu den humanistischen Fragen dahinter vordringen wollte: Der Staatsanwältin Frage an den Angeklagten, "Muss Menschsein nicht viel mehr bedeuten?" wurde per Film mehrfach wiederholt. Und wie lautet Dein Gesamturteil der Frankfurter Inszenierung, Bettina?

Frankfurt, Bettina Weber: Der Reiz des theatralen Gerichtsdramas hat in Frankfurt, wie schon angedeutet, nicht gefehlt. Das hat mir grundsätzlich ziemlich gut gefallen – auch wenn in dieser vorausschaubaren, eindimensionalen Textinterpretation die Schauspieler auf der Bühne über große Teile des Abends weitgehend unbewegt blieben und die Figuren kaum Profil entwickeln konnten. Dennoch war das Ensemble in Frankfurt eindringlich überzeugend. Der Lars Koch von Nico Holonics ist erkennbar als Gegenpart zum Zeugen Lauterbach konstruiert, der nämlich auch in Frankfurt von Viktor Tremmel abgeklärt bis gefühllos und eitel gespielt wurde. Sympathisch war Lars Koch hier also allemal – und die Aufforderung des Richters am Ende, nicht nach Sympathien zu urteilen, natürlich gebrochen. Das Publikum wirkte in Frankfurt jedenfalls sichtlich gebannt, applaudierte geschlossen. Auf dem Weg ins Foyer schienen die meisten allerdings mehr über die humanistisch-juristische Frage des Stücks zu diskutieren als über Inszenierung – doch das ist ja vielleicht nicht die schlechteste Bilanz...

 

 

>>>>>>  Eine Fortsetzung dieses Dialogs über die Doppel-Uraufführung von „Terror“ bringen wir im Dezemberheft der DEUTSCHEN BÜHNE <<<<<

 

 

 Informationen zum Stück:

"Terror" ist das erste Theaterstück des Verteidigers und Bestsellerautors Ferdinand von Schirach. Es wird vom Deutschen Theater Berlin und vom Schauspiel Frankfurt am 3. Oktober 2015 parallel uraufgeführt. Das ist auch deshalb interessant, weil das Ende, je nach Urteil des Publikums, in zwei verschiedenen Varianten gespielt werden kann: Schuldig oder Freispruch.

Das Stück ist also ein Gerichtsprozess, das Publikum soll die Rolle der Schöffen übernehmen. Angeklagt ist ein Kampfpilot der Bundesluftwaffe, der ein entführtes Passagierflugzeug mit 164 Menschen an Bord abgeschossen hat. Er wollte verhindern, dass es auf das vollbesetzte Münchner Fußballstadion gesteuert wird und dort bis zu 70.000 Menschen tötet. Von den Vorgesetzten hatte er ausdrücklich keine Erlaubnis dafür bekommen.

Der Richter, die Staatsanwältin, der Verteidiger, der Angeklagte, ein Hauptzeuge (aus dem Führungszentrum der Luftüberwachung) und eine Nebenklägerin, deren Mann bei dem Flugzeugabschuss starb, sind die Akteure dieser nüchtern und klar durchgespielten Verhandlung. Die Figuren werden nur durch den "Fall" lebendig, nicht indem sie besonders ausgeschmückt wären. "Der Sachverhalt scheint klar vor uns zu liegen", sagt der Richter. Aber so einfach ist es nicht, über Menschenleben und ihren Tod zu befinden.

Hintergrund des Stücks ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2006, das den wichtigsten Paragraphen des ein Jahr zuvor erlassenen Luftsicherheitsgesetzes wieder aufhob, zum Unmut des damaligen Bundesverteidigungsministers. Demnach dürfen entführte zivilie Flugzeuge nicht zum Schutz des Landes abgeschossen werden, weil jedes Menschenleben zu achten ist. Wie von Schirach den komplexen Sachverhalt in seiner humanen Bedeutsamkeit aufzeigt, ohne Theatertricks zu benutzen, und andererseits das Theater als Plattform der Rechtssuche nutzt und dabei ein spannendes Stück schuf, ist beeindruckend.

Noch in dieser Spielzeit stehen 14 weitere Inszenierungen des neuen Dramas an. Das ist ein sensationeller Einstieg für ein Stück, das zuvor noch nirgends zu sehen war, von einem Dramatiker, der zuvor noch nie gespielt wurde. Wir sind gespannt.