Herbert Fritschs "Trilogie der Sommerfrische"-Inszenierung am Münchener Residenztheater

Herbert Fritschs "Trilogie der Sommerfrische"-Inszenierung am Münchener Residenztheater

v.l.n.r. Friederike Ott (Vittoria, Leonardos Schwester), Nora Buzalka (Giacinta, Filippos Tochter), Markus Hering (Leonardo), Gunther Eckes (Guglielmo)

© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Spaß am Sinnverzicht

von Anne Fritsch

Carlo Goldoni (übersetzt und bearbeitet von Sabrina Zwach): Trilogie der Sommerfrische

Premiere: 03.07.2014
Residenztheater, München
Homepage: http://www.residenztheater.de

Regie: Herbert Fritsch

Eine Reise in den Süden ist für andre schick und fein, doch ein kleiner Italiener möchte gern zuhause sein… Denn während alle ihre Badehosen für den jährlichen Urlaub am Meer einpacken, ist Leonardo sauer. Weil er eigentlich in Filippos Wagen mitfahren wollte, in dem nun aber Guglielmo sitzen soll. Weil er gar kein Geld hat für die Sommerfrische und weil seine verwöhnte Schwester schon wieder neue Kleidchen haben will.

Kurz vor den Ferien inszeniert Herbert Fritsch am Residenztheater ein Sommertheater der besonderen Art: Carlo Goldonis „Trilogie der Sommerfrische“. Die Figuren sind alle mit schwerwiegenden Entscheidungen beschäftigt: Welche Kleider packe ich ein für die Land- und Strandpartie? Wer fährt mit wem? Wer wird wohl die Schönste sein am ganzen Strand? Dazu gibt es noch allerlei Liebeleien, diesbezügliche Irrungen und Wirrungen – und fertig ist die Commedia dell‘ arte. Zum “Was” ist damit im Grunde alles gesagt, bleibt das “Wie”.

Das Bühnenbild, das Fritsch sich selbst gebaut hat, ist sparsam (weil der Bühnenbildetat nach Kušejs „Faust“ aufgebraucht war, wird der Zuschauer aufgeklärt): Vorne steht ein Flügel, an dem Musiker Carsten Meyer sehr lässig im Pyjama musiziert; im Hintergrund eine riesige Leinwand, auf die zahllose bunte Streifen projiziert sind, die flirren wie die Luft in der Hitze eines nie endenwollenden Sommers. Wie eigentlich alles bewegen sich auch die Linien im Laufe des Abends von der Vertikalen in die Horizontale. Doch mehr braucht der Meister des Wahnsinns auch nicht, um wunderbare Bilder und Effekte zu erschaffen: Die Schauspieler zaubern einen kollektiven Schatten-Striptanz auf die Leinwand, während Sebastian Blomberg, der den Gigolo Ferdinando mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und selbstverständlichen Komik spielt, in orangem Badeslip und Flip-Flops über die Bühne tänzelt. Der Musiker liefert den coolen Sound dazu, zieht hie und da an der Fluppe, groovt mit. Ein Höhepunkt, keine Frage. Dann tauchen sie alle am Strand auf, die Möchtegern-Machos mit ihrer Schiesser-Feinripp-Bräunung und ihre Chicas in ihren Rüschen-Bikinis. Alle sind leicht hirnverbrannt und sonnenstichig, hemmungslose Sonnenbäder zeichnen ihnen vielsagende rote bis tiefbraune Muster auf die Haut.

Herbert Fritsch zeigt wieder einmal, dass er sich für nichts zu gut und ihm nichts zu blöd ist, um hier wahr zu sein. (Dass der Meister selbst beim Applaus in goldener Hotpant und mit Sonnenbrille über die Bühne scharwenzelt, überrascht nur die, die zum erstenmal einer seiner Bühnenparties beiwohnen.) Die Handlung ist gleich Null, der Irrsinn dagegen hoch zehn. Es ist ein Abend voller Wein, Weib und Gesang. Einen tieferen Sinn oder gar eine Botschaft in dem wilden Treiben zu suchen, das liegt Fritsch fern. Er versteht sich aufs Laissez-faire, auf das süße Nichtstun zwischen Schwanzvergleich und Steckerleis. Seine Schauspieler haben eine Menge Spaß am Sinnverzicht: Friederike Ott quietscht als Vittoria den ganzen Abend etwas von ihrem Traumkleid namens Marriage, Markus Hering gibt den alternden Gigolo und Pleitegeier Leonardo… Immer wieder formieren sie sich zu Chören, die die Lieder von Gino Paoli singen. Ein Soundtrack wie ein Abend in einer italienischen Eisdiele. Kurz: Ein klasse Ensemble, das diesen Abend die meiste Zeit über den abwesenden Inhalt hinwegträgt. Denn irgendwann geht die Tendenz doch zum hohlen Effekt, zur nicht enden wollenden Variation im Grunde gleicher Posen.

Nach der Rückkehr ist alles in Auflösung begriffen – die vom Regen zersausten Frisuren wie auch die Beziehungen. Zwischen „uriniert“ und „ruiniert“ verläuft ein schmaler Grat, notdürftigst wird zusammengeflickt, was nicht zusammengehört. Es lebe die Unvernunft – und die Liebe. Was ohnehin eins ist, wie‘s aussieht.