Szene aus "Caligula"

Szene aus "Caligula"

© Foto: Julian Röder
Schauspielkritik

Die Schule der Diktatoren

von Michael Laages

Albert Camus: Caligula


Berliner Ensemble
Homepage: https://www.berliner-ensemble.de

Regie: Antu Romero Nunes

Der Bundespräsident war da und viele mehr, die Namen haben und Rang im Kulturleben der Hauptstadt – immerhin hat eine Art „neue Zeit“ begonnen an einem der traditionsreichen Theaterhäuser der Stadt. Das alte „Berliner Ensemble“ ist passé, das neue des aus Frankfurt zugewanderten Hausherrn Oliver Reese hat die erste Premiere gezeigt: „Caligula“, dieses ziemlich finster philosophierende Diktatoren-Drama des existenzialistischen Denkers Albert Camus, uraufgeführt 1945, auch als Kommentar zur Zeit. Das scheint es heute wieder zu sein – wie auch „1984“ von George Orwell, stellen gleich mehrere Bühnen gerade dieses Stück an den Beginn der neuen Saison.

Drei, mindestens drei Blickwinkel gibt es, um dem Auftakt am „Berliner Ensemble“ gerecht zu werden. Von der bleiernen Claus-Peymann-Zeit an Brechts einstigem Theater aus betrachtet, ist dieser „Caligula“ ein Schritt nach vorn – da kommt ein neuer Ton ins Spiel, da werden neue Blicke und Ansichten im Theater möglich. Ein wirklich schwieriger Stoff wie dieser war hier lange nicht zu sehen: Wie viel Schuld kommt dem im Wahn delirierenden Polit-Täter zu, fragt der Text, wie viel aber auch denen, die ihn gewähren lassen? Die Wiederkehr von selbsternannten und selbstgerechten Königen, ob gewählt oder nicht, ob in Nordkorea, der Türkei oder in den USA, hat dem etwas verstiegenen Text von Camus neue Kraft gegeben – auch weil keiner der machtgierigen Herrscher heute so gründlich die eigene Rolle reflektiert wie eben Caligula das leistet. Das Stück ist eine Art Schule der Diktatoren.

Ein starker Start also? Moment – der zweite Blick kommt von Frankfurt aus – dort wäre eine leicht überreizte Inszenierung wie die von Antu Romero Nunes blanke Normalität gewesen in den vergangenen Jahren. Und auch die Unausgewogenheit im Ensemble neben der Ausnahme-Schauspielerin Constanze Becker ist typisch Frankfurt. Auch eher unausgegorene Regie-Ideen wie hier die gegengeschlechtliche Besetzung (Caligula ist Frau und verbirgt das auch nie, Gattin Caesonia dagegen ist ganz Mann) sind vom Main her nicht unbekannt.

Der dritte Blick muss darum auf Regisseur Antu Romero Nunes fallen; von Hamburg und von Wien aus, wo er bislang schon sehr gut im Geschäft ist. Auch in Berlin verrennt sich der oft ein wenig angestrengt jugendlich-heitere Regisseur recht schnell in einer Idee: Caligulas verzweifelt-feiges Umfeld nämlich als Bande abgehalfterter Clowns auftreten zu lassen, die im übrigen Victoria Behr, sonst Kostüm-Chefin bei Herbert Fritsch und dort immer eher sehr bunt, hier extrem abgeranzt, heruntergekommen und wie in lauter weißgrauen Wundverbänden verpackt zeigt. Auch Beckers Caligula stürzt bald in diese grobe, blutige Hässlichkeit; aber für sie hat sich Nunes immerhin ein paar schöne Effekte ausgedacht: auf Highheel-Kothurnen und mit Hörnern ist sie eine Art mythischer Stier, aber sie singt auch Friedrich Holländers „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ (Caligula wünscht sich ja „den Mond“), bedient später im Stück die Orgelpfeifen-Konstruktion auf der Bühne von Matthias Koch und darf kurz vor Schluss als ewig böses Kind herzallerliebst Blockflöte spielen. Und wenn Caligula endlich doch ermordet wird, spricht Beckers Kopf unter dem Vorhang hervor wie vom Schoß, der noch fruchtbar ist – Monstren wie das von Camus sind gerade wieder reichlich im Angebot.

Das ist der politischste Moment – aber es ist eben nur dieser. Wie so oft schon, hat Nunes den Rest verspielt. Und die neue Zeit am BE beginnt trotz Jubel durchwachsen.