"Der Meister und Margarita" am Theater Konstanz

"Der Meister und Margarita" am Theater Konstanz

© Foto: Ilja Mess
Schauspielkritik

Lärmende Bilder

von Manfred Jahnke

Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita

Premiere: 29.09.2017
Theater Konstanz
Homepage: http://www.theaterkonstanz.de

Regie: Andrej Woron

Satan und sein Gefolge mischen in Moskau die Gesellschaft auf. Er, dessen Existenz von der literarischen Intelligenz bezweifelt wird, führt vor, wie diese Sozietät mit ihren Klubs, Komitees und Irrenhäusern funktioniert. Ihr Kitt heißt Feigheit. Wenn da nicht ein junger Schriftsteller wäre, der ganz unzeitgemäß einen Roman über Pontius Pilatus in Jerusalem schreibt und nun dafür im zensurierenden Literaturklub in Grund und Boden verdammt wird. Verzweifelt entschließt sich der junge Autor, der von seiner verheirateten Geliebten „der Meister“ genannt wird, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen. In „Der Meister und die Margarita“ hat Michail Bulgakow eigene Erfahrungen mit einer gleichermaßen philosophischen wie satirischen Gesellschaftsanalyse verbunden. Zu Zeiten Stalins konnte er seinen Roman nicht veröffentlichen, er erschien erst 1966/67, lange nach seinem Tod 1940.

Kein leichtes Unterfangen also, diesen Roman mit seinen vielen Handlungssträngen und -orten ins Theater zu übertragen. Aber ein Stoff wie geschaffen für das grandiose Bildertheater eines Andrej Woron, der die Konstanzer Bühnenmaschinerie zu bewegen weiß. Wenn er sich auch nur auf wenige Orte beschränkt – den Park, die Kellerwohnung des Meisters, die Wohnung des Pilatus, die Wohnung, das Varieté, das Irrenhaus, die Hölle (?) -, erscheinen hinter roten, schwarzen und silbernen Vorhängen immer neue Räume. Die hochgefahrene Unterbühne ist das Kellerzimmer, voller beschrifteter Wände, in halber Höhe leuchtet rot das Zimmer mit Spiegelwand, in dem sich der Herr Woland, der Satan, einrichtet, immer wieder arbeitet Woron mit überraschenden Verwandlungen, oft geht fließend ein Raum in den anderen über, unterstützt von einer wirbelnden Masse (Choreografie Zenta Haerter) und einer zirkushaften Musik (Torsten Knoll, der live vor der Bühne Akkordeon spielt und das Musikpult bedient). Höhepunkt bildet dabei die Varieté-Szene, in der Bulgakow zeigt, wie auch der neue Mensch nach Geld und schöne Kleidern giert. Das Höllenbild hingegen gleicht eher einen Mummenschanz, während der schwebende gekreuzigte Jesus eindringlich in Erinnerung bleibt.

Mit Tempo hangelt sich Woron so von Bild zu Bild, das jeweils für sich wirkt und ganz eigene Geschichten erzählt. Aber, nur auf dieser Bildebene betrachtet, entwickelt sich dabei keine Fabel, sondern nur deren Atmosphären. Wenn nicht Anfang und Ende vom Bild her wären und hervorragende Schauspieler, die das Geflecht der Beziehungen hart konturieren und damit durchsichtig machen. Ralf Beckord spielt einen wunderbaren aasigen Herrn Woland aus einer großen Ruhe heraus, dabei immer im richtigen Moment eiskalt zupackend. Sein Personal hingegen, Bettina Riebesel als Fagott und Jana Alexia Rödiger als Katze, werden in groteske clownshafte Kostüme (Hanna Sibilski) gesteckt. Beide spielen darüber hinaus weitere Rollen, alle kichernd und in grotesker Übertreibung. Wenn Bulgakow auch kaum psychogisch fundierte Rollen entwickelt, sondern eher Situationen beschreibt, so zeigt sich neben dem Dreieck Satan, Meister und Margarita, ein weiteres Dreieck auf einem schauspielerischen Höhepunkt: Sebastian Haase, der wechselnd zwischen Staunen und Verzweiflung alle Höhen und Tiefen seines Meisters auslotet. Laura Lippmann als Margarita, die sich für den Meister aufopfert, für sich die Freiheit einfordert und dies vehement und aktiv tut. Und da ist noch Thomas Fritz Jung, der den Lyriker Besdomny spielt, der die Welt nicht mehr versteht, verzweifelt sich in sein Schicksal fügt: ein Leben im Irrenhaus. Ergänzt wird dieses starke Dreieck von Odo Jergitsch, der in den Rollen des Chefarztes des Irrenhauses und vor allen Dingen als Pontius Pilatus im Rollstuhl brilliert, Jörg Dathe, u.a. als Varietédirektor und Sabrina Strehl u.a. als Jesus.

Am Ende nach seiner oft lauten Inszenierung kehrt Woron zum Anfangsbild zurück: Rechts und Links auf der vorderen Bühne stehen Birkenstämme, rechts ein kleiner, heruntergekommener Kiosk, links eine Bank, auf der die toten Meister und Margarita sitzen, rechts schaut der Satan aus dem Kiosk, ein unheimlich schöner Augenblick und Herr Woland spricht: „Horcht! Diese Stille. Lauscht und genießt, was Ihr im Leben immer entbehrt habt – die Lautlosigkeit.“ Hier kommt die Inszenierung zu ihrem intensivsten Moment nach all den lärmenden Bildern.