Doppelabend am Schauspielhaus Bochum: "Die unsichtbare Hand/Am Boden"

Doppelabend am Schauspielhaus Bochum: "Die unsichtbare Hand/Am Boden"

Omar El-Saeidi (Bashir), Heiko Raulin (Nick Bright), Matthias Redlhammer (Imam Saleem), Samuel Simon (Dar)

© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Lehrtheater

von Jens Fischer

Ayad Akthar/George Brant: Die unsichtbare Hand/Am Boden

Premiere: 03.12.2016 (Deutschsprachige Erstaufführung)
Schauspielhaus Bochum
Homepage: http://www.schauspielhausbochum.de

Regie: Anselm Weber

Was ist uns heilig? Und was die Abstraktion Gott, dessen Gesetze hinter, über, zwischen allem und allen wirkmächtig vermutet werden? Diese Fragen in der vergifteten Atmosphäre zu stellen, die zwischen verbürgerlichtem Islam und amerikanisiertem Christentum herrscht, gelang Ayad Akhtar mit seinem Drama „Geächtet“. Im Stile französischer Konversationskomödien ließ er ein Abendessen unter Freunden unterschiedlicher kultureller Prägung eskalieren. Ganz klar, welchem Gott der Autor huldigte: Der Gott des Gemetzels  „Geächtet“ läuft derart erfolgreich an deutschen Bühnen, dass einige gern den Akhtar-Hype nutzen würden, sich zu profilieren mit einem neuen Stück des US-amerikanischen Autors mit pakistanischen Wurzeln. Nur drei waren in der Verlosung. Das Schauspielhaus Bochum schnappte sich zur deutschsprachigen Erstaufführung „Die unsichtbare Hand“, das 2012 im Repertory Theatre of St. Louis uraufgeführt wurde.

Erneut stehen einander christlich und muslimisch aufgewachsene Menschen gegenüber. Wieder wird deutlich, dass sie sich ähnlicher sind, als sie befürchtet haben. Der Stücktitel nimmt Bezug auf Adam Smith‘ Behauptung, der Kapitalismus sei deswegen so erfolgreich, weil niemand merke, dass er mit seinem egoistischen Streben nach materiellen Vorteilen der Gesellschaft einen Dienst erweise – nämlich das System am Laufen halte. „Der freie Markt wird gelenkt durch das Zusammenfließen und den Widerstreit des Eigeninteresses aller, wie eine unsichtbare Hand, die den Markt bewegt“, heißt es im Stück. Mit anderen Worten: Der Markt ist Gott, mit Gewinnmaximierung als Gottesdienst. „Und Geld das Opiat des Volkes“, lässt Akhtar seinen Iman Saleem sagen, „Geld ist es, was Menschen einschläfert, wenn es um die moralische Dimension des Lebens geht, und das einzige Elixier, das einzige Heilmittel gegen diese Schlafkrankheit Geld ist … das Opfer.“

Also opferten die in London und den USA ausgebildeten Moslems des Stücks ihre humanistischen Grundsätze, wanderten in ihr Urgroßvaterland Pakistan aus und schwören nun Rache für all die Ausbeutungszüge amerikanischer Firmen. Die islamistische Splittergruppe des Imans will den Boss der Niederlassung eines US-Geldinstituts kidnappen, bekommt aber nur einen Investmentbanker in die Hände. Für den wird keiner zehn Millionen Dollar Lösegeld zahlen. Also bietet dieser Nick Bright an, die Summe selbst zu verdienen. Er wisse ja, wie beim „Traden“ mit Grundnahrungsmitteln oder der Privatisierung von Trinkwasser viele Millionen zu verdienen sind. Und er weiß zu ignorieren, dass sich so Hungersnöte zu Hungerkatastrophen auswachsen können. Moral sei etwas für Verlierer.

Der Iman stellt dem Spekulanten einen Internet-affinen Adlatus an die Seite: Bashir. Der begreift schnell, dass im Börsenspiel derjenige Erfolg hat, der mit gezinkten Karten zockt – mit Insiderinfos. Wenn man also weiß, dass morgen, 14 Uhr, ein Minister bei einem Selbstmordanschlag ums Leben kommen wird, dem diverse Unternehmen gehören, muss man nur darauf zu setzen, dass morgen um 14 Uhr die Aktienkurse dieser Firmen sinken – und schon sind die ersten 850.000 Dollar Lösegeld erwirtschaftet. Bashir übertrumpft schließlich seinen Meister, indem er die Prinzipien der Finanzwirtschaft noch radikaler anwendet. Er sprengt einfach mal selbst die pakistanische Zentralbank samt Führungsstab in die Luft – und hat just für diesen Moment gewettet, dass der Wechselkurs der Landeswährung fällt. „Jetzt, wo die Rupie kollabiert ist, ist meine Marktposition 35 Millionen Dollar wert“, jubelt Bashir. Und behauptet, mit dem Geld Schulen und Krankenhäuser bauen, Medikamente kaufen zu wollen. Nick nutzte solche Verfahren, um sich zu bereichern. Der Iman machte mit, um seine Geliebte mit dem Geschenk einer Millionärsvilla an sich zu binden. Die Motivation ist egal, scheint uns Akhtar zu sagen, alle bedienen nur den Markt. Das ist schlau gedacht, leider jedoch bieder dramatisiert und in Bochum als „Thriller“ angekündigt. Aber statt purem Nervenkitzel zu bieten, wird – trotz des dräuenden Soundtracks – aus einem abgezirkelten Spiel mit Figurenklischees nur enervierend dröges Lehrtheater entwickelt.

Die Bühne Raimund Bauers ist ein 3-D-Raster, in dem die nicht überreichlichen Differenzierungen des Textes weggeblendet werden und Regisseur Anselm Weber das Beispielhafte des Stoffes fokussiert. Für den vom heiligen Zorn gegerbten Iman hat Matthias Redlhammer nur die Wahl zwischen scheinheilig leiser Weisheitsstimme und zornig lauter Terrorstimme. Dazwischen ist nichts. Ebenso blutleer Heiko Raulins Nick: kindliche Vorfreudehektik, wenn es ans Zocken geht, heulsusige Stotterei, wenn er an seine Familie denkt. Dazwischen ist nichts. Und Omar El-Saeidis Bashir ist anfangs der geduckte Befehlsempfänger – am Ende ein entspannter Jongleur mit den imaginären Werten der Finanzmärkte. Dazwischen ist er nicht auf der Bühne.

Etwas vitaler gelingt der Epilog: „Am Boden“ gibt Einblicke in die psycho-/soziopathologischen Folgen des Jobs, den die US-Air-Force einer ihrer F-16-Pilotinnen zugeschoben hat. Sie kommt ins Team für nie erklärte Kriege mit schwer bewaffneten Drohnen. George Brant hat diesen Top-secret-Wahnsinn recherchiert und zu einem Monolog verdichtet. Was passiert, wenn Menschen in 12-Stunden-Schichten in einem fensterlosen Kabuff irgendwo in der Wüste nahe Las Vegas auf Bildschirme starren, in milchig grauen Videobildern irgendwen irgendwo in Afrika, Arabien, Asien überwachen und gezielte Tötungen vornehmen? Ein solcher Berufsalltag wird schnell inkompatibel mit dem Familienalltag. Bei wachsender Paranoia verschwimmen diese Realitätsebenen, das deutet Sarah Grunert so nach und nach an unter dem Strahlegrinsen des sich selbstbewusst und erfolgreich fühlenden Fliegermädchens. Es verliert den Glauben an seinen Gott: das für allgerecht gehaltene Amerika. Es steht schließlich überzeugungsnackt vor der Frage, wer für was, gegen wen und zu welchem Preis gerade Krieg führt. Letztendlich ein ähnlich beispielhaft um Aufklärung bemühter Text wie der Akhtars, aber die Darstellung zunehmender emotionaler und geistiger Verwirrung bietet empathisch genügend Andockpunkte, um auch warm mit dem Thema zu werden. Und herzlichen Premierenapplaus zu spenden.