Pina Kühr, Katharina Brenner, Bertram Maxim Gärtner und Ronja Losert

Pina Kühr, Katharina Brenner, Bertram Maxim Gärtner und Ronja Losert

© Foto: Martin Kaufhold
Schauspielkritik

Weil die Samba uns glücklich macht

von Florian Welle

August von Kotzebue: Krähwinkel

Premiere: 04.12.2015
E.T.A. Hoffmann Theater, Bamberg
Homepage: http://theater.bamberg.de

Regie: Isabel Osthues

Schon zu Lebzeiten war August von Kotzebue umstritten. Goethe, die Romantiker, sie alle lagen über Kreuz mit dem Vielschreiber. Gleichzeitig liebte ihn das Publikum – Kotzebue war einer der populärsten Dramatiker des 19. Jahrhunderts. Heute ist er vergessen. Mit seinem Namen können nur mehr diejenigen etwas anfangen, die im Geschichtsunterricht aufgepasst haben: 1819 fiel Kotzebue einem Mordanschlag des Studenten Karl Ludwig Sand zum Opfer.

„Heimat“ hat Sibylle Broll-Pape, die neue Intendantin des Bamberger E.T.A. Hoffmann-Theaters, ihre erste Spielzeit überschrieben. Dass die gebürtige Sauerländerin dafür ausgerechnet August von Kotzebues 1802 uraufgeführte Satire „Die deutschen Kleinstädter“ ausgraben würde, damit konnte niemand ernsthaft rechnen. Und doch macht die Auswahl Sinn. In dem Stück hält Kotzebue dem Spießbürger genüsslich den Spiegel vor. Die Handlung spielt in dem Örtchen Krähwinkel, in dem die Einwohner so verquere Titel führen wie: „Herr Bau-, Berg- und Weginspektorssubstitut“ und „Frau Untersteuereinnehmerin“. Dem Franken von heute ist der krächzende Ortsname durchaus ein Begriff: Er kennt ihn, weil er ursprünglich von Jean Paul stammt, dem großen fränkischen Dichter (und Biertrinker). Kotzebue hat ihn sich nur für sein Lustspiel stibitzt. Und Regisseurin Isabel Osthues, die den Vierakter nun auf die Große Bühne stemmte, hat die von ihr erstellte Stückfassung gleich „Krähwinkel“ genannt. „Eine Komödie mit Schlagermusik“. Nach August von Kotzebue.

Die Wogen, die Sibylle Broll-Papes Berufung als Nachfolgerin des Patriarchen Rainer Lewandowski auslöste, haben sich mittlerweile geglättet. Die anspruchsvolle Eröffnungsphase mit Friedrich Hebbels „Die Nibelungen“ und der Uraufführung von Konstantin Küsperts „rechtes denken“ weckte Neugier. Broll-Pape ist mit dem Versprechen angetreten, ein Theater für die Stadt zu machen, und so kann man die Premiere von „Krähwinkel“ durchaus als Nagelprobe auf dieses Versprechen sehen. Schließlich lässt Isabel Osthues Inszenierung keinen Zweifel, wohin die Handlung verlegt wurde: Krähwinkel ist die Domstadt. Können die Bamberger über sich selbst lachen? Ja, sie können. Und wie. Nach und nach, so Broll-Pape, will sie einen Repertoire-Spielplan etablieren. Es hat den Anschein, als hätte sie mit „Krähwinkel“ dafür das erste Stück gefunden. Die Inszenierung hat das Zeug, ein Publikumsrenner zu werden.

Das hat viele Gründe: ein fantasievolles Bühnenbild, ein bestechendes Ensemble, eine kluge Regie. Das Leichte in Szene zu setzen, erfordert meist mehr Geschick als das tiefgründelnde Drama. Bei Kotzebue kommt erschwerend hinzu, dass sein Lustspiel alles andere als ein Well-made Play ist. Die Geschichte, in der ein gewisser Karl Olmers aus Berlin nach Krähwinkel kommt, um das Sabinchen zu freien, das Rabenkind des Städtchens, und von den honetten Einwohnern prompt mit dem König verwechselt wird, ächzt ganz schön im Gebälk. Warum nach allerlei Irrungen und Wirrungen die Turteltauben heiraten können, mag einem auch nach reiflicher Überlegung nicht so recht einleuchten. Irgendein Briefchen fungiert als eine Art deus ex machina. Aber darauf kommt es gar nicht an. Man erfreut sich einfach an den Spießbürgern, die einem vorgeführt werden: Und zwar liebevoll, ohne Denunziation. Sind wir nicht alle, so scheint die schlagermusikbeseelte Inszenierung in bonbonbunter 50er Jahre Technicolor- und Petticoat-Optik zu fragen, ein bisschen Krähwinkel?

Über die kunstgrasüberzogene Bühne von Jeremias Böttcher, die an eine perfekte Modelleisenbahnlandschaft erinnern würde, stünde da nicht ein Baum in Form eines männlichen Gemächts herum, stolzieren die Krähwinkler, repräsentiert durch die Bürgermeisterfamilie Staar. Sie sind starrsinnig, ja. Und sie bilden sich was auf sich ein: Der unselbständige Bürgermeister, gespielt vom Bamberger Theaterurgestein Volker Ringe, ebenso wie dessen Schwester. Katharina Brenner ist die Frau Untersteuereinnehmerin, und sie ist hinreißend in ihrer ganzen Gouvernantentantenhaftigkeit. Und sie kann singen, fast wie die Knef. Was für ein Gewinn ist diese Schauspielerin für Bamberg. Ebenso wie die anderen neuen Ensemblemitglieder: die quirlige, quicklebendige Anna Döing als Sabine zum Beispiel. Oder Daniel Seniuk, der den Karl in einer sehr fein austarierten Mischung aus Weichei und Macho gibt. Wie singen die beiden so hübsch im Duett: „Tanze Samba mit mir.“ Wir nehmen die Einladung gerne an: „Weil die Samba uns glücklich macht.“