Maria Magdalena Wardzinska (Eva) und Martin Wißner (Armin)

Maria Magdalena Wardzinska (Eva) und Martin Wißner (Armin)

© Foto: Sebastian Bühler
Schauspielkritik

Die Angst gebiert Ungeheuer

von Volker Oesterreich

Thomas Arzt: Die Anschläge von nächster Woche

Premiere: 09.02.2018 (Uraufführung)
Theater Heidelberg
Homepage: http://www.theaterheidelberg.de

Regie: Brit Bartkowiak

Das Gefühl der Angst frisst sich in unsere Seelen: „Was fliegt uns heute um die Ohren?“, fragen wir uns wie eine der Figuren aus Thomas Arzts Auftragsarbeit „Die Anschläge von nächster Woche“. Karnevalsbesucher fürchten, dass sich ein Attentäter unters feiernde Volk mischen könnte. Auf dem U-Bahnhof schlägt womöglich ein Amokläufer mit dem Hackebeilchen um sich. Und beim Open-Air-Konzert könnten tödliche Keime aus einer über unseren Köpfen surrenden Drohne rieseln.

Wie man‘s auch dreht und wendet: Die Angst gebiert Ungeheuer. Unter rein statistischen Erwägungen mag das Gefährdungspotential zwar gering sein, aber ein Restrisiko bleibt. Außerdem gilt: Ratio und Angst sind zwei ungleiche Mächte. Im Zweifelsfall siegen die Emotionen über den Verstand und veranlassen uns dazu, hasenfüßig in die Irrationalität zu flüchten. Womöglich sogar zu faschistoiden Gruppierungen, die nach der Sündenbock-Methode allzu einfache Lösungen offerieren und gleichzeitig unsere Freiheitswerte zur Disposition stellen.

Genau aus diesem Dilemma hat Thomas Arzt sein Fünfpersonenstück fürs Heidelberger Theater gestrickt. Seine Szenensplitter wirken ähnlich diffus wie die in uns schwelende Angst vor dem Terror. Der 1983 geborene österreichische Dramatiker entführt die Zuschauer in die Welt tingelnder Entertainer, die mit ganz realen Attentaten konfrontiert werden. Einer von ihnen, der Beleuchter Armin, wurde nämlich immer in der Nähe gesichtet: bei der Pariser Konzert-Location „Bataclan“, auf dem Berliner Weihnachtsmarkt oder auf der Uferpromenade in Nizza.

Ort des Bühnengeschehens ist eine Silvesternacht in einem x-beliebigen Club, den der Ausstatter Nikolaus Frinke mit wenigen Kaffeehaus-Tischen, einem kleinen Laufsteg in der Mitte und einem Vorhang versehen hat. Von dort aus wird zurückgeblickt auf diverse Tournee-Auftritte des ominösen Showman Tartini (Dominik Lindhorst-Apfelthaler) und seiner Entourage, zu der neben dem  Beleuchter Armin (Martin Wißner) noch dessen Geliebte Eva (Maria Magdalena Wardzinska) und der dubiose Michailov (Frieder Witte) gehören. Fünfter im Bunde ist der von Hendrik Richter gespielte Ermittler Göttinger, der in seinem Trenchcoat-Outfit aussieht wie aus einem B-Picture entsprungen. Göttinger quetscht im Auftrag des Bundesamtes für Verfassungsschutz den teils verunsicherten, teils nervös-aggressiven Armin aus. Gut möglich, dass in dessen Aktentasche eine Zeitbombe tickt.

Ein Plot, der nach einem geradlinigen Krimi klingt, aber so einfach macht es sich Thomas Arzt nicht. Weder wird am Ende der Täter geschnappt, noch reicht uns Arzt ein Heilmittel gegen die Angst. Stattdessen gerät auch der sinistre Tartini unter Terrorverdacht, und man fragt sich, ob nicht vielleicht sogar die brave Eva zum Sündenfall fähig sein könnte. Führt das Sexbömbchen etwa Explosiveres im Schilde als den lasziven Strip, mit dem sie ihren müden Loverboy aus der Reserve locken will? Den Angstphantasien werden keine Grenzen gesetzt.

Tartinis Maskenspiel, eine kleine schwarze Messe sowie verbale Verdunklungsmomente zeigen, dass einen die blümeranten Gefühle leicht in irrationale Sphären katapultieren können. Brit Bartkowiak unterstreicht diese Gefahr in ihrer Inszenierung mehr als deutlich. Sie schlittert souverän auf dem Glatteis der Andeutungen, die ihr der Text liefert. Gemeinsam mit dem Dramatiker und dem Ensemble betont sie außerdem, dass die Angst vor dem Terror, vor explodierenden Mieten oder vor dem Sozialabbau den Rechtspopulisten in die Hände spielt – sprich jenen Leuten, die mit lautstarkem Alarmismus nach „Ordnung! Ruhe! Heimat!“ verlangen. Flugblätter mit genau diesen Schlagworten flattern dem Publikum kurz vor Schluss um die Ohren. Ein Stück zur rechten Zeit im doppelten Wortsinne.