Die Uraufführung von Anna Arleys "Die letzte Soirée" am WBT Münster

Die Uraufführung von Anna Arleys "Die letzte Soirée" am WBT Münster

Claudia Kainberger, Manfred Sasse, Bernd Reheuser

© Foto: Kjoung Jae Cho
Schauspielkritik

Ein Leben für die Kunst

von Isabell Steinböck

Arna Aley: Die letzte Soirée

Premiere: 06.09.2014 (Uraufführung)
Wolfgang Borchert Theater, Münster
Homepage: http://www.wolfgang-borchert-theater.de/

Regie: Meinhard Zanger

Die Neueröffnung des Wolfgang Borchert Theaters in Münster war ein Kraftakt. Bis zur letzten Minute arbeiteten die Handwerker am Umbau des Flechtheimspeichers, kurz vor knapp kam das Ensemble auf die Bühne. Es hat sich gelohnt: Der ehemalige Getreidespeicher mit den gußeisernen Säulen, der Holzbohlendecke und den bogenförmigen Fenstern mit Blick auf Münsters Hafen strahlt Atmosphäre aus.

Passend zum Spielort war die erste Premiere eine Auftragsarbeit. „Die letzte Soirée“ der litauischen Autorin Arna Aley portraitiert Alfred Flechtheim, Sohn des Getreidegroßhändlers und Speicherbesitzers Emil. Anstatt die Firma zu übernehmen, widmete sich Alfred in den 1920-er, 30-er Jahren leidenschaftlich der Avantgarde-Kunst, eröffnete Galerien in Deutschland und Österreich – vergeblich. Von der Weltwirtschaftskrise gebeutelt und von den Nazis als Förderer „entarteter Kunst“ verfolgt, starb er 1937, verarmt, im Londoner Exil.

Arna Aley gönnt dem Toten keine Ruhe, wenn sie ihn vom Himmel auf die Erde hinabsteigen lässt, um seine Frau Betti nachzuholen. In einer letzten Soirée möchte er sie feiern; am nächsten Morgen droht ihre Deportation. Gemeinsam lassen sie die Vergangenheit Revue passieren, wird Flechtheim, der seiner Frau oft untreu war und ihr gesamtes Vermögen in die Kunst investierte, mit Schuld konfrontiert. Tagebuchfragmente spiegeln die Seelenlage dieses leidenschaftlichen Kunstförderers, darunter auch der treffende Satz: „Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst“.

Unter der Regie von Meinhard Zanger gelingt dem charismatischen Bernd Reheuser die Darstellung eines egozentrischen, liebenswerten Charmeurs und versierten Kunstkenners. Eines Lebemanns, der gern im Rampenlicht steht, sagenhafte Geschichten um seine Herkunft verbreitet und sich ins pralle Leben der „Roaring Twenties“ stürzt. Als „kleiner Totentanz für präpariertes Klavier“ hat das flott inszenierte Stück Revuecharakter (am Piano: Manfred Sasse), wenn es Lieder der Zeit zu Gehör bringt. Die Figuren, darunter auch Persönlichkeiten, wie Maler George Grosz, Nachtklubsängerin Kiki de Montparnasse oder Boxer Max Schmeling, setzen dem Krieg und der wirtschaftlicher Krise ihre Lebensfreude entgegen.

Sabrina vor der Sielhorst überzeugt als Sängerin wie auch als exaltierte Schauspielerin oder trockene Sekretärin. Monika Hess-Zanger mimt die gealterte Betti und lässt sich in einer herrlichen Groteske als einfältiger Oberoffizier zum Narren halten. Sven Heiß amüsiert als tumber Galeriebesucher und Nachwuchsschauspielerin Claudia Kainberger nimmt sowohl als pfiffiger Airportboy wie auch als Bettis schnippische Nichte für sich ein.

Sämtliche Darsteller verkörpern spielfreudig bis zu vier Rollen. Der fliegende Wechsel fordert dem Publikum einige Konzentration ab, zumal das Stück dramaturgisch zwischen den Zeiten springt. Fred Flechtheim alias Bernd Reheuser, um den sich alles dreht, bleibt davon unberührt, und so gelingt ein eindrucksvolles, anrührendes Stück um eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte, die man so bisher nicht kannte.