Die erste Inszenierung des Engländers Robert Icke in Deutschland: Die "Orestie"

Die erste Inszenierung des Engländers Robert Icke in Deutschland: Die "Orestie"

© Foto: Matthias Horn
Schauspielkritik

Fernes Leid

von Detlev Baur

Robert Icke nach Aischylos: Orestie

Premiere: 17.11.2018 (Deutschsprachige Erstaufführung)
Schauspiel Stuttgart
Homepage: https://www.schauspiel-stuttgart.de

Regie: Robert Icke
Vorlage: Aischylos: Die Orestie

Der Anfang ist furios; mit großer Genauigkeit im Timing und mit einem intensiv spielenden Ensemble zeigt der englische Regisseur Robert Icke in diesem Remake seiner Londoner „Orestie“-Inszenierung von 2015 die drastische Tragik im Hause der Atriden. Klytaimnestra (Sylvana Krappatsch) und Agamemnon (Matthias Leja) sind zunächst einmal die Eltern von Elektra, Orest und der kleinen Iphigenie. Beim Abendessen verbinden sich Familienritual, Gottesdienst und Familienglück sowie kleine Reibereien zwischen den Generationen zu einem fast perfekten Glück. Doch wirken der Herrscher und seine Frau von Beginn an auch schwer belastet. Bei einem Auftritt im Fernsehen – durch den Raubvogel als Wappen, das bei der Live-Aufnahme auf zwei Bildschirme am Bühnenportal neben dem Staatsmann eingeblendet ist, mag man an den syrischen Gewaltherrscher der Gegenwart denken – wird deutlich, dass ein Krieg bevorsteht, das Familienglück bedroht ist.

Hildegard Bechtler (Bühne und Kostüme) hat eine weite, halbrunde Apsis aus Backstein auf die Bühne gestellt. In diesem religiös und antik anmutenden Raum ist durch zwei hintereinander gelagerte Glasfronten mit großen Schiebetüren ein modernes Heim integriert. Hinter der zweiten Glaswand steht eine große Badewanne altargleich vor dem alten Stein. Die kleine Iphigenie im gelben Kleid (in der Premiere von der beeindruckend klar spielenden Aniko Sophie Huber gespielt) wird jedoch vom angekratzten Familien- und Staatsoberhaupt vor den Glasscheiben zur Strecke gebracht, ganz zivilisiert, unter medizinischer und juristischer Anleitung auf dem Schoß des Papas durch einschläfernde Medikamente. Auch diese Szene wird live gefilmt, dennoch schauen alle Augen direkt auf die Akteure. Hier wird fast unerträglich klar gezeigt, dass die Familie an diesem Kindstod und Mord zerbrechen muss; dass der Vater der Mörder im Auftrag des Staates ist, macht die bevorstehenden Katastrophen völlig unausweichlich. Sprachlich ist die Textfassung (in der Übersetzung von Ulrike Syha) gut gelungen. Damit ist die Vorgeschichte der „Orestie“ nicht nur erzählt, sondern unglaublich atmosphärisch gezeigt. Alles Weitere in der knapp vier stündigen Inszenierung folgt daraus – und ist leider nur noch ein zunehmend verblassender Widerschein der Familientragödie.

Zum Auftakt des zweiten Teils, des Beginns der Trilogie des Aischylos, gibt es noch einmal eine Fernsehszene, die gar nicht so sehr zum Blick auf Bildschirme und die Projektion auf die Türe in der Mitte der Glaswand einlädt, sondern die Verbindung von Herrscherfamilie und Öffentlichkeit in unsere Gegenwart transportiert. Klytaimnestra begrüßt den müden Helden und Gatten mit von Trauer getrübten Worten, Agamemnon versucht öffentlich Haltung zu wahren. Der Mord an ihm und seiner Kriegsbeute Kassandra - Therese Dörr trägt ein gelbes Kleid, das an Iphigenie erinnert – läuft eher geschäftsmäßig und automatisch ab. Aigisth tritt erst später auf, von Matthias Leja gespielt und von Tochter Elektra (Anne-Marie Lux) als Vater angesehen; auch Iphigenie geistert immer wieder über die Bühne. Der tote Agamemnon mutiert beinah zum Vater Hamlets, der rächende Gerechtigkeit fordert. Im Zentrum steht nun auch der Hamlet-gleich verwirrte Orest (Peer Oscar Musinowski); von Anfang an tauchten er und die Psychotherapeutin (Marietta Meguid) vorne auf der Bühne auf und rahmen das Spiel als therapeutischen Rückblick des Patienten. Und nun spielt der Sohn des Hauses sich selbst, wird vom hysterischen Patienten zum Muttermörder und schließlich zum Angeklagten eines Gerichtsprozesses im Finale, dem dritten Teil dieser „Orestie“. Das ist dramaturgisch nicht sonderlich schlüssig, wenn die Ärztin zur Anklägerin wird, aber auch darstellerisch geht Musinowski die Präzision der Darsteller aus den ersten Szenen ab. Auch Michael Stiller als Menelaos und Felix Strobel als Berater Talthybios sind in den Szenen um den Tod Iphigenies herum wesentlich überzeugender als später in der Rolle von Verteidigern vor einem dubiosen Gericht mit Richterin Athene (Therese Dörr) hinter Glasscheiben. Paula Skorupa erledigt die eher undankbare Aufgabe Filmerin, Gerichtsdienerin und Pausenansagerin und somit eine Art Chorersatz zu sein, mit Bravour, indem sie eine bedeutungsvolle Ruhe in ihr Spiel legt. Das Publikum wird schließlich zur Abstimmung über den Mörder Orest gebeten; diese Öffnung des anfangs hermetischen Spiels, ist, wenn auch über das strikte Timing der zwei Pausen eine Publikumsbeteiligung schon angedeutet wird, nicht sonderlich überzeugend. Orest ist am Ende freigesprochen, wird aber vor dem Bild der toten Familie womöglich von sich aus noch den Freitod wählen.

Über die zunächst grandios inszenierte Familientragödie hinaus hat diese „Orestie“ wenig zu erzählen über den Stand unseres Gemeinwesens. Die Einsicht des Chores, dass Tun, Leiden und Lernen zusammengehören in dieser Welt, wird zwar immer wieder von Familienmitgliedern geäußert, über das Konstatieren einer verzwickten persönlichen Situation führt das aber nicht hinaus.