Kristof Van Boven, Benny Claessens und Peter Laib in "Alpsegen" an den Münchner Kammerspielen.

Kristof Van Boven, Benny Claessens und Peter Laib in "Alpsegen" an den Münchner Kammerspielen.

Schauspielkritik

Gestrandet an der Nachtseite Münchens

von Anne Fritsch

Feridun Zaimoglu, Günter Senkel: Alpsegen

Premiere: 15.04.2011 (Uraufführung)
Münchner Kammerspiele, München
Homepage: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Regie: Sebastian Nübling

Es ist – wenn überhaupt – ein düsterer Segen, der über ihnen liegt. Über all den Gestalten, die Feridun Zaimoglu und Günter Senkel in ihrem Stück „Alpsegen“ durch ein München schicken, in dem es nie wirklich hell werden mag, in dem die Nacht den Tag sticht, in dem finstere Mythen der Realität die Schau stehlen. Zu dumpfen Tubaklängen lässt Sebastian Nübling, der die Uraufführung an den Kammerspielen inszeniert, sie alle auf Knien durch den Bühnenraum rutschen, beten und bitten, bis sie den Zuschauern vor die Füße purzeln, einer nach dem anderen noch einmal abstürzt. Es ist nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal sein. Das sieht man ihnen und dem Raum an, in dem sie gestrandet sind: Muriel Gerstner hat einen kahlen, staubigen Festsaal auf die Bühne gebaut. Ein bisschen verlassenes Hofbräuhaus, ein bisschen Residenz, ein bisschen Noblesse von gestern. Oder vorgestern.

Es ist ein Blick von außen, den sowohl die Autoren als auch das Produktionsteam über die bayerische Landeshauptstadt schweifen lassen. Zaimoglu und Senkel lassen sich im Fönsturm von Figuren wie der Mondhellen, der Wäscherin an der Furt oder der langen Agnes in eine alpenländische Mythenwelt hinunterziehen, die kaum ein Eingeborener bis in den hintersten Winkel erforscht hat. Ihnen stellen sie die realen Bewohner und Besucher der Stadt gegenüber: die abgeklärte Wirtin, ihre trunkenen Gäste, den Familienvater, der gerne mit dem italienischen Eisverkäufer Flavio ein Liebeswochenende verbringen würde, seine Hemmungen aber nicht ablegen kann, und seinen Sohn, der den Vater im Auftrag der Mutter finden soll – und in der Großstadt ganz eigenen Verlockungen erliegt.

„Alpsegen“ ist ein sperriger Text, ein Fremdkörper in der Heimat, ein Konvolut aus Themen und Motiven, die nicht zusammen gehören, nicht zusammen wollen. Es ist ein Text, den man sich an keinem anderen Theater als eben diesen holländisch-münchnerischen Kammerspielen unter Johan Simons vorstellen kann und will. Denn was Nübling mit seinem fantastischen Ensemble daraus zaubert, ist ein Ausflug in die Nachtseite dieser Stadt, ist ein irrlichterndes und faszinierendes Erlebnis, das einen trotz all seiner Rätsel und Wirren in seinen Bann zieht, sich in die Seele frisst.