"Zoroastre" als Nachbarschaftsduell an der Komischen Oper

"Zoroastre" als Nachbarschaftsduell an der Komischen Oper

© Foto: Monika Rittershaus
Musiktheaterkritik

Insektenklamotte

von Georg Kasch

Jean-Philippe Rameau: Zoroastre

Premiere: 18.06.2017
Komische Oper, Berlin
Homepage: https://www.komische-oper-berlin.de

Regie: Tobias Kratzer
Musikalische Leitung: Christian Curnyn

Das Leben in der Vorortsiedlung kann grausam sein. Links steht das Spießerglück, ein hell strahlendes Eigenheim, um das herum es grünt und blüht, rechts ein finstrer Proll-Bungalow mit zubetonierter Einfahrt. Dazwischen leuchtet ein kleiner Rasenfleck mit Butterblumen: Baktrien, das Reich, um das sich Zoroastre und Abramane erbittert streiten. Zur Ouvertüre packt Abramane seinen frisch gelieferten Maschendrahtzaun aus und schlägt das Rasenstück seinem Gelände zu. Als grundstücksstreiterfahrene Deutsche wissen wir: Das geht nicht gut aus.

So schlicht ist der Konflikt zwischen dem Religionsstifter Zoroastre (bei uns vor allem unter dem Namen Zarathustra bekannt) und dem Zauberer Abramane bei Regisseur Tobias Kratzer an der Berliner Komischen Oper. In Jean-Philippe Rameaus 1749 uraufgeführter und 1756 überarbeiteter Oper „Zoroastre“ geht es eigentlich um ein weltanschauliches Programm – die Freimaurer gegen das Finstre in der Welt. Dazu gehört das lange Hin und Her zwischen der hellen und der dunklen Macht, das Louis de Cahusacs Libretto ziemlich langatmig wirken lässt.

Rameaus Bühnenwerke werden nur selten gespielt: zu verzopft die Geschichten, zu akademisch seine Musik. Mit „Castor und Pollux“ hatte Barrie Kosky 2014 an der Komischen Oper streng und reduziert bewiesen, dass da was zu holen ist. Auch Kratzer kocht den Konflikt aufs Wesentliche ein: Öko-Bildungsbürger gegen Cowboystiefel-Held, die sich neben dem Stück Rasen auch um die Tussis auf High Heels streiten. Statt Gut und Böse gibt es hier nur Egoisten, die sich wegen Kleinigkeiten bis aufs Blut bekriegen.

Die Kleinigkeiten, das sind die Baktrier, das Volk. Hier: Ameisen, die auf dem umkämpften Quadratmeter Rasen leben. Videomacher Manuel Braun holt sie mit Wackelkamera und Bluescreen auf die große Leinwand, die sich immer wieder als Vorhang herabsenkt. Wie die Tiere sich zwischen Tortenresten und Cocktailschirmen amüsieren und von Zigarettenkippen erschlagen werden, hat durchaus Witz. Aber Kratzer verkleinert so den lebensbedrohlichen Zaunkrieg zur Insektenklamotte: Ist eine Ameise tot, erheben die anderen ihre Ärmchen zur putzigen Klagegeste.

Noch gravierender: In den Ameisenkostümen stecken die Chorsolisten der Komischen Oper, ihr Gesang wird live übertragen, und das bekommt weder der Abstimmung mit dem Dirigenten noch dem Klang. Dabei gehören die Chöre zu den Höhepunkten der Oper! Erst im vierten Akt, als sie Abramane mit herrlich komplex komponierten Racherufen anfeuern, drängeln sie sich in den Logen vorm Bühnenportal – ein bei aller Durchsichtigkeit fulminanter Klangrausch.

Überhaupt der vierte Akt: Da stacheln sich Abramane und Érinice, die Zoroastre hasst, weil der nicht sie, sondern ihre Schwester Amélite liebt, im Hillbillyheim gegenseitig zur Vergeltung auf. Endlich kommt auch Rameau auf Touren mit Arien, die den Namen verdient haben. Hier kann Thomas Dolié mit seinem markigen Bariton lässig auftrumpfen, zeigt aber auch die verletzliche Seite des Baumfällerhemd-Machos. Als einer der wenigen auf der Bühne wirkt er zudem nicht so, als kämpfe er gegen den Rhythmus des steifen Libretto-Französisch an. Nadja Mchantaf jagt als Érinice hexenhaft durch ihre herrlichen Hasskoloraturen. Mit der zu Rameaus Zeiten gebotenen Schicklichkeit hat das ebenso wenig zu tun wie mit historischer Aufführungspraxis. Aber dafür glühen endlich die Emotionen!

Die kommen bei den anderen zu kurz, weil Rameau und de Cahusac für Amélite blässliches Leiden oder freundliche Güte vorgesehen haben. Immerhin klingt das bei Katherine Watson allerliebst. Thomas Walker hingegen kämpft als Zoroastre nicht nur mit den Nachbarn, sondern auch mit den Verzierungen in unangenehm hoher Lage. Rameau ist kein Melodien-Held, sondern ein Komponist der gewagten Harmonien. Die kostet Dirigent Christian Curnyn mit dem Orchester der Komischen Oper lustvoll aus, je dissonanter, desto besser, und lockt jedes Fagottsolo wie ein zartes Pflänzchen hervor. Nur die Naturhörner bröckeln immer mal wieder weg.

Das passt zum durchwachsenen Gesamteindruck. Kratzer hat so viele durchaus kluge Ideen, wenn er aus König Oromasès einen Yogalehrer macht und aus den Nebenrollen Zopire und Narbanor ein schwules Paar, das opportunistisch immer da ist, wo es was zu holen gibt und den Konflikt verschärft, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen. Außerdem spielen die Sängerdarsteller alle derart überzeugend, wie man es an diesem Haus gewohnt ist. Am Grundproblem ändert es nichts: Wenn die Geschichte wirklich so banal ist, wie ein Video am Ende behauptet – da zerlegen zwei Babys ihre Spielzeughäuser –, dann muss man sie nicht drei Stunden lang erzählen.

 

 (Weitere Termine: 24. 28. Juni, 6., 8., 14. Juli)