Am Anfang war ein Mord: Günter Papendell in der Titelpartie und Alexey Antonov als Komtur in Herbert Fritschs "Don Giovanni"-Inszenierung an der Komischen Oper Berlin.

Am Anfang war ein Mord: Günter Papendell in der Titelpartie und Alexey Antonov als Komtur in Herbert Fritschs "Don Giovanni"-Inszenierung an der Komischen Oper Berlin.

© Foto: Monika Rittershaus
Musiktheaterkritik

Der Vater der Klamotte

von Detlef Brandenburg

Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni

Premiere: 30.11.2014
Komische Oper Berlin
Homepage: http://www.komische-oper-berlin.de/

Regie: Herbert Fritsch
Musikalische Leitung: Henrik Nánási

Da sind sie wieder: die kunterbunten Herbert-Fritsch-Figuren in den Kostümen von Victoria Behr, die sich benehmen, als habe sich der Comic Strip mit der Pop Art verbündet, um Buster Keaton beim Slapstick Konkurrenz zu machen. Don Giovanni ist ein Blonder Otto-Waalkes-Scheitel über einer Batman-Joker-Visage und einem Torero-Outfit in Violett mit flirrenden Federepauletten (so viel Spanien muss sein); Leporello ein schwarzer Arlecchino mit roten Handschuhen (das „dramma“ ist bekanntlich „giocoso“); Donna Anna eine Wuchtbrumme von einem Trauerkloß in kirchlichem Violett (die Dame ist schließlich tugendsam bis zur Dauerdepression); und Donna Elvira eine Frau wie eine Stichflamme in Knallgelb mit blutig geschminkten Augen, Zerlina ein Püppchen in Weiß wie ein Hochzeitstortenaufsatz, Don Ottavio ein hängemundwinkliger Sauertopf in Apricot-Couture mit Hape-Kerkeling-Schönlingsschopf … Die Figuren aus Mozarts „Don Giovanni“ sind damit auf einen Blick entschlüsselt. Der Rest ergibt sich aus ihren Kollisionen.

Und dabei entzündet Fritsch, amtierender Herbergsvater der höheren Theaterklamotte, wieder sein bestechend präzises Feuerwerk des Klamauks. Da wird gehoppelt, hektisiert und gefuchtelt, man stolpert miteinander und übereinander und gegeneinander, da werden die Intervalle und Gesangs-Koloraturen pantomimisch verulkt und die musikalischen Ausdruckgesten parodiert, und immer mal wieder bricht ein schreiender, quietschender, im Takt der Musik kopfwackelnder Chor über die Bühne herein. Ja, Fritsch lässt es richtig krachen. Und doch kann man ihm eines nicht vorwerfen: dass sein Catch-as-catch-can der musikalischen Komik völlig am Werk vorbeiginge. Wenn Günter Papendells Zappel-Don-Giovanni ein ums andere Mal den Degen nicht in die, nun ja, Scheide bekommt und sich beim Versuch dazu in wilden Pirouetten vertorkelt, dann hat das durchaus seine Wahrheit. Mozarts Verführer leidet ja wirklich, was den Erfolg bei Frauen angeht, unter einer zwei Akte währenden Ladehemmung. Donna Elvira ist tatsächlich eine wahre Powerfrau und Donna Anna im Vergleich dazu eine Trauertrantüte. Und Don Ottavio ist als Liebhaber derart entsagungsvoll, dass er nicht nur diese Donna Anna, sondern definitiv jede potentielle Braut erotisch nachhaltig narkotisieren könnte.

Und es ist nicht etwa ein Manko, sondern Ausweis der künstlerischen Konsequenz dieses Abends an der Komischen Oper Berlin, dass das Prinzip der überbordenden Komik bis in die Musik hinein durchgehalten wird. Ja, auch im Singen wird stimmchargiert, dass die Bühnenwände wackeln (die hier die offenen Brandmauern des Bühnenhauses sind, in die Fritsch leidglich ein paar Staffeln geblümter Monster-Stores eingehängt hat, die sich beizeiten bewegen wie Kamerablenden). Es wird überzeichnet und dabei auch mal gekreischt, gegrunzt, melodische Fremdkörper werden eingeschmuggelt, die Rezitative werden für musikalische Zitatkarikaturen und sprachliche Kalauer genutzt. Und dass der Abend medias in res einsetzt, nämlich gleich mit Leporellos Auftrittsarie, ist ein schöner Nanu?-Effekt – zumal die Ouvertüre nach Don Ottavios Racheschwur nachgeliefert wird. Sogar Henrik Nánási, der GMD der komischen Oper, hat sein Dirigat der repetitiven Hektik der Regie angepasst – auch wenn er die Spannung dabei nicht immer aufrechterhalten und rhythmische Wackeleien nicht immer verhindern kann.

Das alles hat also Hand und Fuß, ist hochprofessionell und mit genauem Gefühl für Timing und Effekte gemacht. Und das Premierenpublikum hat die Sänger und Fritsch, der sich zum Schlussapplaus aus eben der Versenkung emporfahren ließ, in der Giovanni zuvor verschwunden war, ausgiebig gefeiert (ein paar obligatorische Buhs stimulierten den Jubel nur noch mehr). Aber leider geht es dieser ganzen schrillen Mozart-Pop-Travestie vor allem – um sich selbst. Fritsch entstellt die Figuren zur Kenntlichkeit, zweifellos. Aber was da kenntlich wird, scheint ihn gar nicht weiter zu interessieren. Er bekennt sich zu nichts, er will nichts, er macht nichts draus. Und so amüsiert man sich auf die Länge des weit über dreistündigen Abends dann doch auf eine etwas fade Weise. Einmal, nach der Pause, gibt es einige Momente, in denen es noch mal wirklich spannend wird. Da hat man den Eindruck, jetzt führe Fritsch den Abend in die pure Anarchie, in die völlige Auflösung. Aber dann erzählt er die Geschichte doch brav bis fast zu Ende, nur den Schlusschor lässt er weg. Er kann viel. Aber er traut sich wenig.

Und das lustige Stimmchargieren kann keine Ausrede dafür sein, Partien so schwach zu besetzen wie Erika Roos als Donna Anna, deren Sopran zu groß, zu schrill, zu wenig lyrisch für diese anspruchsvolle Partie ist. Jens Larsen ist natürlich ein Bühnenereignis XXL, aber seine Stimme ist für den Leporello zu schwerfällig, zu wuchtig und seine Artikulation rhythmisch alles andere als präzise. Alma Sadé ist eine papierdünne, wässerige Zerlina ohne vokalen Charme. Nicole Chevalier als Elvira ist eine Bühnenfurie der Extraklasse, aber auch ihre Stimme ist für die Partie eigentlich zu dramatisch, zu grell. Dass es auch in so einer Inszenierung anders geht, zeigt der darstellerisch wie vokal umwerfend agile, dunkel und edel timbrierte, geradezu stimmakrobatisch artikulierende Günter Papendell als Don Giovanni. Und zumindest in seinen beiden Arien, „Il mio tesoro“ aus der Prager Fassung und „Dalla sua pace“ aus der Wiener, zeigte auch Adrian Strooper als Don Ottavio akzeptable vokale Kultur.

Wenn man diesen Abend statt mit Fritschs eigenen Schauspiel-, Crossover- und inzwischen ja auch zahlreichen Musiktheater-Inszenierungen mal mit Arbeiten anderer Regisseure vergleichen will, fallen einem Achim Freyers teils poetische, teils ebenfalls poppige Kunstfiguren ein, Andrzej Worons durchchoreographierte Tanz- und Hektik-Defilees – oder die „Zauberflöte“, die der Hausherr der Komischen Oper, Barrie Kosky, gemeinsam mit dem Animationsduo Suzanne Andrade und Paul Barritt hier inszeniert hatte. Diese „Zauberflöte“ war weiß Gott auch ein amüsantes Spektakel. Aber sie hatte auf ihre Weise auch viel Poesie – und Emanuel Schikaneders Vorstadt-Maschinentheater-Spektakel ist nun mal was anderes als Da Pontes Dramma giocoso. Ja, man amüsierte sich prächtig. Aber man amüsierte sich auf Kosten von Mozarts „Don Giovanni“.

Aber es gab doch noch etwas Einmaliges an diesem Abend, und zwar bereits bevor die Ouvertüre nicht gespielt wurde. Barrie Kosky spendete Dank an „unseren Klausi“, wie er den gerade noch Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit nach alter Berliner Kumpelsitte nannte. „Er hat für unsere drei Opernhäuser gekämpft wie ein Löwe. Wir würden nicht hier sein ohne ihn.“ Da hat er vermutlich sogar Recht. Und wann hätte man es je erlebt, dass ein Berliner Opernintendant Anlass hatte, sich bei einem Berliner Bürgermeister für die Kulturpolitik zu bedanken?!