Die Königin der Nacht (Sen Guo) in vollem Ornat, das die Kostümbildnerin Silke Willrett für sie entworfen hat: Szene aus Tatjana Gürbacas Züricher "Zauberflöten"-Inszenierung.

Die Königin der Nacht (Sen Guo) in vollem Ornat, das die Kostümbildnerin Silke Willrett für sie entworfen hat: Szene aus Tatjana Gürbacas Züricher "Zauberflöten"-Inszenierung.

© Foto: Hans Jörg Michel
Musiktheaterkritik

Verzettelt

von Detlef Brandenburg

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Zauberflöte

Premiere: 07.12.2014
Opernhaus Zürich
Homepage: http://www.opernhaus.ch

Regie: Tatjana Gürbaca
Musikalische Leitung: Cornelius Meister

Tatjana Gürbaca hat ja nicht Unrecht, wenn sie im Interview auf der Homepage des Züricher Opernhauses sagt, es gehe in der Zauberflöte „um alles“. Das liegt auch daran, dass Wolfgang Amadeus Mozart und Emanuel Schikaneder sich bei dieser nach Effekten gierenden, um keine Sentenz verlegenen und geschichtsphilosophisch aufgeladenen Märchenoper um Eindeutigkeit und Konsequenz einen Teufel geschert haben. Die „Zauberflöte“ ist auf faszinierende Weise vieldeutig, ambivalent, unbekümmert, originell. Die Frage ist nur: Muss deshalb die Regie genau so originell sein, muss auch sie „alles“ wollen? Die Besichtigung der auf interessante Weise zerfahrenen Züricher „Zauberflöten“-Inszenierung legt es nahe, diese Frage eher zu verneinen. Tatjana Gürbaca hat viele Ideen, gute und weniger gute. Die weniger guten wirken etwas gesucht; und die guten nimmt die Regisseurin zu wenig ernst.

Ein offenes Haus. Der Bühnenbildner Klaus Grünberg hat es ersonnen. Auf quadratischem Grundriss und ohne Dach wird es von der Drehbühne um und herumgekreiselt, in dünnen mehrstöckigen Giebelwänden klaffen offene Fensterhöhlen, auch die Türen schließen nicht, die hellen Außenwände zeigen Tapetenmuster. Vor jeder der vier Fassaden steht ein kahles Beckett-Bäumchen, auch sonst liegt viel Totholz herum. Hühner flattern, Lagerfeuer kokeln. Das offene Haus wird von seltsamen Gestalten in Silke Willretts pittoresken Kostümen bewohnt: Ein zartes Mädel in Weiß wird schon während der Ouvertüre von einem haarigen Faun verschleppt, später werden wir in den beiden Pamina und Monostatos wiedererkennen. Drei bärtige, nomadenhaft ausstaffierte Walküren erlegen eine unsichtbare Schlange, eine pummelige Koloraturkönigin trägt eine rote Krone oder ein blausilbern glitzerndes Flügelkostüm, ein Zopfträger in Streifenshorts macht seine Spekulationen mit Vögeln. Und das tierebezähmende Flötenspiel bringt gar eine ganze Chorusline musikbeseelter Küchenschaben zum Tanzen. Es liegt eine kunstvolle Verwahrlosung über dieser Puppenstube, das bizarre Personal hat etwas von einer Hippiekommune. Dies ist das Reich der Königin der Nacht.

Wenn dann Sarastros Mannschaft das Regiment übernimmt, lauter Biedermänner in heutigem Alltags-Zivil, dann wird erst mal aufgeräumt. Das Chaos ist aufgebraucht, es war die schönste Zeit. Nun aber rückt ein Kammerjägerkommando an, das Totholz wird mit lautem Gerumpel entsorgt, mit Zementbottich und Backsteinen werden die Lagerfeuer zu Grillplätzen umgebaut, man schwingt den Pinsel und die Kelle. Ein bisschen sieht das aus, als ob eine Provinzliedertafel ihr Vereinsheim renovierte. Da müssen die Tier-Mensch-Hippie-Hausbesetzer natürlich raus, nur zwei von ihnen bekommen die Chance zur Bewährung: Pamina und Leporello – und außerdem noch ein Prinz. Der aber hat sowieso nie zur Kommune gehört und ist darum der Anpassungsfähigste von allen: Tamino.

Spießer gegen Chaoten: So – oder so ähnlich – könnte man die Geschichte erzählen, die an dem Abend auf der Bühne spielt. Aber da Tatjana Gürbaca sich ganz offenbar gegen „die Geschichte“ entschieden hat, überlagert sie die eine durch viele andere. Sie erzählt von Sarastro als berechnendem Manipulator des Machterhalts; von der Degeneration der Liebe in Zeiten kleinbürgerlicher Triebkontrolle; oder vom ganzkörperbehaarten Monostatos, womit sie auch alle Untiefen politischer Blackfacing-Unkorrektheiten elegant umgeht. Dass ausgerechnet dieser Faun dann aus Frust über seine unerfüllte Liebe zu Pamina zum linken philosophischen Phrasendrescher mutiert – nun ja. In den Theatermitteln wird permanent der desillusionierende Bruch gesucht – was allerdings die durchschlagende Beliebigkeit von Klaus Grünbergs Videos nicht wirklich legitimieren kann. All das ist ein Feuerwerk an Einfällen, aber sie stehen immer nur für sich selbst, verweisen auf nichts. Es geht um alles. Aber es wird aus nichts etwas gemacht.

Bleibt der Trost, dass man durch das lebendige Bühnengeschehen gut unterhalten wird. In dieser Mischung aus effektvoller Episode und fehlender Konsequenz ähnelt die Inszenierung dem Dirigat von Cornelius Meister. Im hochgefahrenen Graben sitzt das Orchestra La Scintilla, ein aus Instrumentalisten der Züricher Oper gebildetes historisches Ensemble, und in der Tat dirigiert Cornelius Meister „historisch informiert“: er sucht die Gegensätze in Tempo und Dynamik, lässt es gelegentlich richtig krachen, nimmt sich dann wieder ganz zurück, bremst einige Nummern bis zum Zeitlupentempo aus. Das klingt im einzelnen klasse, aber den musikalischen Entwicklungen bricht Meister damit das Rückgrat. Solche zugespitzte Kontrastdramaturgie kann bei einer Barockoper gut funktionieren; die organischeren, weitgreifenden Prozesse der Klassik aber lassen sich so nicht erschließen.

Leider ist auch über die Sängerbesetzung nur Mittelmäßiges zu berichten.Mauro Peter verfügt über einen sehr satt klingenden lyrischen Tenor mit sehr guter Registermischung in der Höhe, aber für den Tamino ist die Stimme arg schwer, sie klang bei der Premiere auch leicht belegt. Auch Ruben Droles wuchtiger Bassbariton ist trotz seiner stimmschauspielerischen Verve eine Nummer zu groß für den Papageno. Mari Eriksmoen ist als Pamina eine charmante Bühnenerscheinung und phrasiert wunderschön, aber der Stimme fehlen der klare Fokus und die lyrische Linie, das Piano klingt oft dünn und flackernd. Christof Fischesser ist ein markanter, herber Sarastro, aber ohne sonores Volumen in der Tiefe. Sen Guo flötet die Koloraturen der Königin der Nacht mit geradezu sensationeller Klarheit und Attacke, aber zur Charakterisierung dieser leidenschaftlichen Frau ist ihr Sopran zu leicht, zu lyrisch. Alle anderen Partien waren ordentlich – die „Drei Knaben“ des Tölzer Knabenchores aber waren ein Ereignis. Sie hatten mehr musikalische Impulsivität und Stilsicherheit als mancher erwachsene Kollege.

Am Ende viel Beifall für die Musiker und neben Zustimmung ein bisschen Buh fürs Regieteam. Es war ja auch kein misslungener, aber ein in vielem doch enttäuschend halbherziger Abend.