Carl Maria von Webers „Oberon, König der Elfen“ bei den Münchner Opernfestspielen,

Carl Maria von Webers „Oberon, König der Elfen“ bei den Münchner Opernfestspielen,

© Foto: Wilfried Hösl
Musiktheaterkritik

Orient als Experiment

von Klaus Kalchschmid

Carl Maria von Weber: Oberon, König der Elfen

Premiere: 21.07.2017
Prinzregententheater, München
Homepage: https://www.staatsoper.de

Regie: Nikolaus Habjan
Musikalische Leitung: Ivor Bolton
Autor der Vorlage: James Robinson Planché

„Marcia maestoso“ steht kurz vor Schluss in der Partitur und Ivor Bolton lässt es mit dem Bayerischen Staatsorchester im leicht hochgefahrenen Orchestergraben des Prinzregententheaters so richtig bläserbetont scharf und eisig knallen. Passend zur Szene ist das, denn am Ende ging hier ein Experiment gründlich schief und die Protagonisten winken traumatisiert, vollgepumpt mit Medikamenten und elektro-schock-geschädigt in Slow Motion mitleiderregend lächelnd ins Publikum.

Oberon (mit feinem lyrischem Tenor und flexibler Sprechstimme: Julian Prégardien) ist hier kein zauberischer Elfenkönig, sondern Oberarzt einer Klinik, der in einem großangelegten Experiment die Liebesfähigkeit des Menschen testen will, während seine Kollegin und Frau Titania (reichlich zickig und leider mit starkem Akzent fast unverständlich sprechend: Alonya Abramowa) reichlich illusionslos ist. Zwei Männer – genannt Hüon von Bordeaux und Scherasmin, sein Begleiter – wurden zufällig die aktuellen Probanten, nachdem sie zu Beginn vergeblich ihre Plätze im realen Theater einnehmen wollten. Oberon schickt sie auf eine Reise in den Orient, zwei Frauen aus den Fängen „böser“ Araber zu befreien, um damit ihre Liebesfähigkeit zu testen. Das ist ganz ähnlich wie im Original von James Robinson Planché (deutsch: Theodor Hell), aber verlegt ins Heute.

Rezia hat ihren mutmaßlichen Retter Hüon schlafend herbeigeträumt. Und der steht auch bald vor ihr und knutscht sie nieder. Wie Annette Dasch und Brenden Gunnell nicht nur das mit herrlichem Mut zur Selbstparodie übertrieben artikulierend und gestikulierend spielen und singen, macht großen Spaß und passt perfekt zur Aktion der lebensgroßen, sehr charakteristischen Puppen, die von den drei Pucks – zugleich Mitarbeiter der Klinik (grandios: Manuela Linshalm, Daniel Frantisek Kamen, Sebastian Mock) gesprochen und gespielt werden. Allerlei Figuren stellen sie dar: Ein altes streitendes Ehepaar, drei Seeräuber – die später Hüon und Rezia entführen werden, und ganz am Ende Doppelgänger dieses hohen Paars, die den jeweils „echten“, lebendigen Menschen in die Verzweiflung und den Wahnsinn treiben. Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan gelingt es famos, die Klippen des Werks zu umschiffen und nimmt dennoch die gesprochenen Texte der „Romantischen Feenoper in drei Aufzügen“ von 1826 sehr ernst.

Die Bühne von Jakob Brossmann stellt einerseits ein zweistöckiges Labor mit allerlei Resopal-Holztüren im ersten Stock dar, gibt aber hinter den Wänden über Eck immer wieder als charmante, faltbare Pappkulissen eine orientalische Stadt mit dominierender Moschee und anderen Gebäuden wieder, wird zum Ozean mit täuschend echt schwimmenden bzw. schwebenden Fischen oder gibt riesige Wellen wie auf japanischen Holzstichen zwischen den Labor-Türen im Parterre frei. Anderes – wie das Schiff, auf dem Rezia und Hüon gen Griechenland reisen sollen – wird symbolisch dargestellt, ist eigentlich die Kommandozentrale von Ärzten und Personal. Elfen gibt es hier natürlich keine mehr, nur geklonte Menschen mit schwarzen Kurzhaar-Perücken in scheußlich wattierten weißen Kitteln wie aus einem Scifi-Horror-Film (Kostüme: Denise Heschl).

Ein bisschen Mozartsche „Entführung“ spielt in das Geschehen hinein, Shakespeares „Mittsommernachtstraum“, gewürzt mit einer Prise Prüfungs-Zinnober aus der „Zauberflöte“. Das ist im ersten Teil recht spannend, im zweiten – nachdem ein von Titania entfachter Seesturm Hüon und Rezia beinahe umgebracht hat, stagniert die Handlung etwas. Aber gerade dafür hat Weber seine tiefschürfendste Musik komponiert, beginnend mit der berühmten Ozean-Arie Rezias, über ihre todtraurige Cavatine (Nr. 18) und die virtuosen Arien Hüons bis hin zur Musik für das „niedere“ Paar Scherasmin (noch im Opernstudio, ab nächster Spielzeit im Ensemble: der junge, schon ausnehmend bühnenpräsente Johannes Kammler mit charaktervollem Bariton) und Fatime (die zauberhafte Rachael Wilson mit fein leuchtendem Sopran). Brenden Gunnell hat mit der hohen Tessitura und den jungheldischen Anforderungen des Hüon keinerlei Probleme, singt fast mühelos und mit feinem Glanz. Annette Dasch braucht etwas, um ihre Stimme zu finden, aber spielt von Anfang an mit herrlich übertriebenem Tragödinnen-Duktus. In ihrer anspruchsvollen Arie („Ozean! Du Ungeheuer!“) freilich gelingt ihr alles, wirkt sie mit ihrem schönen, üppig ausgreifenden Sopran ganz bei sich. Alle Anspannung scheint nun von ihr abgefallen. 

Ivor Bolton setzt mit dem Staatsorchester ganz auf Klarheit und trennscharfen Klang in Webers raffinierter, oftmals kammermusikalischer Partitur. Wenig Elfen-Duft lässt er zu, aber betont umso mehr die frühromantische Leuchtkraft der vielschichtigen Oper, die kaum schwache Takte enthält und leider dank der schwer zu realisierenden Handlung und eines vermeintlich schwachen Librettos leider selten gespielt wird. Die Münchner Aufführung – eine Koproduktion mit dem Theater an der Wien – stellt eine Ehrenrettung dar, augenzwinkend und mit viel liebe- und respektvoller Ironie.