Szene aus Walter Braunfels Oper "Der Traum ein Leben"

Szene aus Walter Braunfels Oper "Der Traum ein Leben"

© Foto: Barbara Aumüller
Musiktheaterkritik

Riesenwerk, noch zu entdecken

von Andreas Falentin

Walter Braunfels: Der Traum ein Leben

Premiere: 30.03.2014
Theater Bonn
Homepage: http://www.theater-bonn.de/

Regie: Jürgen R. Weber
Musikalische Leitung: Will Humburg
Autor der Vorlage: Franz Grillparzer

Braunfels, einer der erfolgreichsten deutschen Opernkomponisten der 20er Jahre, schrieb das Stück, nachdem die Nazis ihn als Rektor der Kölner Musikhochschule abgesetzt und seine Musik aus Opernhäusern und Konzertsälen verbannt hatten. In der Inneren Emigration komponierte er mit „Verkündigung“ und den 2008 von Christoph Schlingensief in Berlin so erfolgreich wiederentdeckten „Johanna“ – Szenen groß dimensionierte, geistliche Werke – und, von 1934-37, „Der Traum, ein Leben“. Hierfür vertonte er ein 1834 uraufgeführtes Drama Franz Grillparzers (in vierhebig klingelnden Trochäen!) nahezu wörtlich.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Rustan, der ein „einfaches Landleben“ mit Cousine und Onkel führt und ach so gerne ein Held wäre. Von seinem Sklaven Zanga angestachelt, zieht er nach Samarkand, gewinnt Schlachten, heiratet eine Prinzessin und verstrickt sich aus Machtgier in diverse Kapitalverbrechen. Er erwacht. Alles war ein Traum. Er wird seine Cousine heiraten und auf dem Land bleiben.

Durch die wörtliche Vertonung erscheint das Libretto außerordentlich weitschweifig. Der Eindruck wird in der Bonner Aufführung, dadurch verstärkt, dass Jürgen R. Weber das Vorspiel – wie das Nachspiel – nicht im eigentlichen Sinne inszeniert. Er lässt die Figuren in heutiger, schwarzer Alltagskleidung auftreten. Die Kusine hat einen Klavierauszug dabei. Was sie damit will, bleibt undurchschaubar wie die vorbeigetragenen Symbole oder das Bemalen der Wände. Als Rustan auf sein fliegendes Bett steigt, beginnt der Traum und damit auch endlich die Bühnenaktion. Hierfür hat Hank Irwin Kittel einen Raum gebaut, der Kunstrichtungen der 20er Jahre – Expressionismus, Kubismus, die Ästhetik eines Rudolf Steiner – vermengt und, vor allem durch Kristopher Krempfs Kostüme, mit heutiger Fantasy-Ästhetik aufpeppt. Hier gelingen spannende, aus der Musik entwickelte, ins Surreale verzerrte Bilder. Leider bleibt vieles auch am Boden, hält sich zu nah am sicheren Erzählen, an Grillparzers kleinteiligen, sich oft selber paraphrasierenden Text.

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Bonn die anspruchsvolle Hauptrolle nicht adäquat besetzen kann. Endrik Wottrich hat seine einstmals flexible Zwischenfachstimme zum monochromen Heldentenor überzüchtet. Seine jugendliche Unsicherheit, seine Verfehlungen und Sehnsüchte finden in der farblosen, stimmlichen Gestaltung keinen Niederschlag. So wird der Bösewicht Zanga, in Gestalt des souverän singenden und spielenden Mark Morouse, zum Sympathieträger. Und das Stück kippt aus dem Gleichgewicht.

Dabei ist es musikalisch ein wirkliches Großereignis, eine frühe postmoderne Oper der Sonderklasse. Braunfels beherrschte die musikalischen Stile seiner Zeit offenbar sämtlich meisterhaft. Da klingt die Prinzessin im ersten Akt wie liebevoll ironisierter Strauss, im zweiten wie abgespeckter Mahler. Schroff und kantig ist diese Musik und trotzdem geschmeidig, angeführt von den je dreifach besetzten Holzbläsern, überbordend von Instrumentierungseffekten mit Celesta oder Blockflöte und von theatralischen Einfällen. Eine Nebenfigur singt nicht, sondern skandiert lakonisch, von unruhigem, fast schreiendem Schlagwerk begleitet. Eine andere, gespielt von Graham Clark, Harry Kupfers Bayreuther Loge, ist stumm, gibt nur Geräusche von sich, endet aber mit einem gewaltigen, zweisilbigen Heldentenorausbruch. Eine dritte, die präsente Anjara I. Bartz, ist Mittelpunkt einer faszinierend tänzerischen, wie Operette klingenden Einlegeszene. Es gibt viel expressive Deklamation, große Bögen für die Prinzessin, die Manuela Uhl gewohnt sicher und vibratoarm singt, und wenige reizvolle, immer kurze Ensembles. Grandioser musikalischer Höhepunkt sind das große Chortableau im zweiten und der kurze Männerchor im Schlussakt, beides fast schockierend schöne Musik.

Dass man all das hören kann, ist dem hervorragenden Bonner Opernchor wie dem sehr diszipliniert und mit viel Klangfantasie agierenden Beethovenorchester zuzuschreiben. Will Humburg hat das unbekannte, noch auf den ‚richtigen‘ Regisseur wartende Riesenwerk wahrhaft musikalisch durchdrungen, dirigiert es durchsichtig, dynamisch und vor allem eminent theatralisch.