Ksenia Leonidova (Clothilde), Hrachuhí Bassénz (Norma) und die Statisterie

Ksenia Leonidova (Clothilde), Hrachuhí Bassénz (Norma) und die Statisterie

© Foto: Jutta Missbach
Musiktheaterkritik

Liebeswahn mit Kuschel-Kindern

von Dieter Stoll

Vicenzo Bellini: Norma

Premiere: 13.05.2017
Staatstheater Nürnberg
Homepage: http://www.staatstheater-nuernberg.de

Regie: Stéphane Braunschweig
Musikalische Leitung: Marcus Bosch

Zunächst die Meldung für die Rubrik „Premieren-Abenteuer“, die diese Nürnberger Aufführung von Bellinis „Norma“ in den temporären Anekdoten-Adel hebt: Der für die Rolle des Doppel-Verführers Pollione gesetzte Tenor hatte nach einem Allergie-Schock quasi in der Garderobe die Stimme verloren, eine Alternative war nicht vorgesehen. Alles vorbei? Da meldete sich Ilker Arcayürek aus der lyrischen Fraktion, eigentlich bereit für die kleine Partie des Freundes Flavio, ließ den gen zur Verzweiflung tendierenden Intendanten wissen, dass er während der Proben gelegentlich mit Interesse in die Nachbar-Partitur geguckt hatte und bot an, sofort buchstäblich „vom Blatt“ zu singen. Musste nur noch seine Flavio-Zweitbesetzung mit dem Taxi herbeigeschafft und der verstummte Kollege David Yim in mimische Playback-Grundstellung gebracht werden. Das Experiment mit Notenständer verlief annähernd unfallfrei, der hochrespektable Sponti-Interpret Arcayürek ist jetzt im einstweiligen Helden-Status. Die Gesamt-Produktion war allerdings deutlich weniger mutig.

Diese Story von der hochoffiziell jungfräulichen Hohepriesterin, die mit ihrem inzwischen anderweitig orientierten heimlichen Geliebten bereits zwei Kinder zur Welt brachte und sie nun aus Rache umbringen will, weil der ungetreue Römer ein jüngeres Priesterinnen-Modell erwählte, ist selbst in Opern-Dimensionen ziemlich starker Tobak. Oder doch die steilstmögliche Steigerung von irrational ausufernden Gefühlen, wie sie eben nur in der speziellen Kunstform fassbar werden? Wer Vincenzo Bellinis in mancherlei Beziehung sagenhaftes Werk „Norma“, wo anno 1831 mit dem hilfreich distanzierenden Salto rückwärts ins Gallien der vorchristlichen Zeit auch gleich die latenten Glaubwürdigkeitsprobleme übersprungen wurden, heute im Spielplan ansetzt, hat noch ein paar Sorgen mehr.

Der Verweis auf die Unerreichbarkeit der Legende Callas in der Titelpartie – geschenkt! Aber was soll eine Neuinszenierung erzählen, wenn die Gallier in ihrer Lauerstellung zum Kampf gegen die Römer nur Hintergrund-Geräusch für eine fatale Privat-Affäre bleiben, die „musikdramatische Rührung“ als oberste Priorität des Komponisten nicht mehr sakrosankt ist und der Hinweis auf die Handlung als Folie für Spiegelungen höherer Werte mächtig irrlichtert? In makellosen Stimmungen baden, wie das Robert Wilson vor einigen Jahren machte, wollte der französische Regie-Star Stéphane Braunschweig 2015 in Paris das Werk jedenfalls nicht, auch wenn er das Dramaturgen-Gewölk vom „Drama einer modernen Frau“ ähnlich uninteressant fand. Seine Produktion, die in Nürnberg nach zwei Stationen in Frankreich schon ihr drittes Ensemble erlebt, ist sichtlich das Ergebnis intellektueller Unterkühlung, wo Emotionen eher Gesprächsstoff als Gefahrenquellen sind. Er hat es offenbar bemerkt und das Pendel auch in die theatralische  Gegenrichtung ausschlagen lassen. Das macht es schlimmer.

Dass der Regisseur, der sich mit einem hermetischen, erst zum abschließenden Kriegsgeheul geöffneten Bunker-Raum für Untergrundkämpfer selbst die karge Bühne mit Treppenstufen und Schwing-Wand baute, statt des vorchristlichen Jahrhunderts lieber jüngere Vergangenheit spätbürgerlich kostümierter und im Kult ihres Glaubens zeitlos verfangener Figuren zeigt, ist nachvollziehbar. Hier kann er den Gottesdienst-Hain, wo die theologisch gärtnernde Norma mit der Sichel in der Hand das göttliche Kriegssignal erwartet, als Bonsai-Ersatz auf den Souffleurkasten stellen und in raffinierter Ausleuchtung zum riesigen Schatten wachsen oder wieder verlöschen lassen. Metapher in der Metapher, ein wenig an die ineinander verschachtelten Matrjoschka-Puppen erinnernd. Das große Tableau, in dem bei Bellini jeder Sänger seinen sicheren Parkplatz in Arien- und Duett-Nähe hat, ergänzt die Regie mit den denkbar gegensätzlichsten Mitteln. Während der Chor auf Kommando in choreographische Stilisierung verfällt (die Männer recken rhythmisch die Fäuste, die Frauen wedeln im Takt mit dem Kleid), haben die beiden gesangsfreien, aber vielbeschäftigten Kinder mit ausführlicher Herzerwärmung buchstäblich alle Hände voll zu tun. Für sie wird auf grauer Bühne sogar ein Doppelbett mit knallrotem Hintergrund hereingefahren, auf dem sie furchtsam an der  Decke klammern, aber vor allem jederzeit griffbereit für Kuschel-Einsätze an Mamas Seite sind. Eine seltsame Spreizung zwischen Kunstfertigkeit und Kitsch, die sich da beim Versuch von Konventionsvermeidung breit macht.

Unter Opernfreunden ist die Meinung, dass bei Bellinis „Norma“ sowieso die Titelrolle über Alles oder Nichts entscheidet, wohl weiterhin mehrheitsfähig. Da kann Nürnberg mit seiner in vielen Donizetti- und Rossini-Schlachten bewährten Sopranistin Hrachuhí Bassénz punkten. Sie eroberte sich grade zwischen Gelsenkirchen und Tel Aviv diese fordernde Traumpartie und hat sie nun in allen artistischen Details im Griff. Leuchtende Gesangslinien, wunderbare Zwischentöne, imposante Aufschwünge. Nur zur magischen Durchschlagskraft, zur Tragödien-Autorität von der großen Geste bis zur überirdischen Fallhöhe der hochfahrenden Stimme kann das nicht führen, wenn die Personen-Regie (oder anteilig vielleicht auch die szenische Einstudierung durch Braunschweig-Assistent Georges Gagneré) in der antiken Wucht eines Aufstands gegen die Moral bloß den Heiratsschwindel zu Lasten einer Religionslehrerin findet. Diese Norma ist nicht wütend, nur ärgerlich – die Furie mag sich Bassénz selbst nicht abnehmen, was in vorbeihuschenden Momenten gar wie ein Konzept wirkt. Schade, es könnte doch so überwältigend grotesk sein, wenn zwei befreundete Priesterinnen (Ilda Aldrian als solide Amts-Partnerin und Nebenbuhlerin) im fein austarierten Duett unwissentlich verständnisvoll vor bestens informiertem Publikum den gleichen Sündenfall beichten. Stéphane Braunschweig mag solche Komplikationen nicht aufgreifen, er interessiert sich mehr für die geregelte Übergabe der Kinder an den Opa und Diskretion am Scheiterhaufen.

Dabei kann GMD Marcus Bosch am Pult durchaus verdeutlichen, wieso seit einiger Zeit profilierte Dirigenten ihre Lust auf diesen Bellini entdecken. Zwischen kampflustig scheppernder Dramatik und himmlisch abhebenden Gefühlen gibt es da viel zu regeln, zu verbinden und schimmern zu lassen. Mit der grade auch am „Ring“-Zyklus arbeitenden Staatsphilharmonie gelingen im Kontrastprogramm schwebende Kostbarkeiten, mit deren Abglanz die Szene überblendet wird. Naja, beinahe…