Anna Netrebko (Aida) und Ekaterina Semenchuk (Amneris)

Anna Netrebko (Aida) und Ekaterina Semenchuk (Amneris)

© Foto: Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus
Musiktheaterkritik

Wo Licht ist, ist auch Schatten

von Joachim Lange

Giuseppe Verdi: Aida

Premiere: 06.08.2017
Salzburger Festspiele
Homepage: http://www.salzburgerfestspiele.at

Regie: Shirin Neshat
Musikalische Leitung: Riccardo Muti

So ist das bei den Salzburger Festspielen: Wenn Anna Netrebko singt, herrscht eine Art Ausnahmezustand, dann kommen sie alle, zahlen, was verlangt wird. Dabei sein ist alles. Es gehört zum Faszinierenden an diesen Festspielen, wie auch sein Publikum mitspielt. Schön, dass man das zwar erwähnen kann, aber nicht im Ernst rezensieren muss. Ein tatsächliches Schmankerl ist es aber, dass diese Festspiele eben Künstlerinnen wie Anna Netrebko zum Status eines Superstars verholfen haben, der dann auf die Festspiele zurückstrahlt. Als sie 2002 hier ihre Donna Anna sang, sorgte sie für einen Überraschungscoup. Heute muss man sie bewundern, wie professionell sie mit dem Erwartungsdruck umgeht, der auf ihr lastet, wenn sie auf der Bühne des Großen Festspielhauses mit einem Rollendebüt aufwartet.

Mit dem sie natürlich tatsächlich auch glänzt. Aida, die Königstochter, die sich in der Gefangenschaft in den Feldherren der Feinde verliebt, ihn zum Verrat verleitet und dann mit ihm in den Tod geht. Das ist eine der großen eindrucksvollen Verdi-Rollen, für die man Piani schweben lassen kann, den Abstieg in die Tiefe bewältigen muss, um unbeschadet wieder aufzutauchen und die große Emotion erblühen zu lassen. Das Privileg dieser Ausnahmesängerin ist es längst, sich auszusuchen, was sie wann singen will, weil es zum jeweiligen Stand ihrer Stimme, wenn man so will auch zur gestalterischen Reichweite, gerade am besten passt. Genau das macht Anna Netrebko. Sagt mal was ab – wie die Norma in London. Oder nimmt gar nicht erst an, wie die Elsa im nächsten Bayreuther "Lohengrin”. Was man nach ihrem Dresdner Probelauf nur bedauern kann, aber Deutsch ist nun mal nicht die Lieblingssprache der Austro-Russin. 

Ihre Aida – und das ist das wichtigste und beste an diesem Abend im Großen Festspielhaus – war beeindruckend, reiht sich würdig in die Reihe großer Interpretinnen ein, setzt voll auf die Vorzüge ihrer Stimme und vokalen Gestaltungsfähigkeit. (Sie ist klug genug, die Premiere nicht zusammen mit ihrem als Radames-Zweitbesetzung vorgesehenen Ehemann Yusif Eyvazov zu singen.)

Natürlich passte auch das Protagonisten-Ensemble: Francesco Meli ist ein kernig strahlender Radamès, Ekaterina Smenchuk hat die Kraft, ihr die Amneris als ernsthafte Konkurrentin um die Liebe dieses Mannes entgegenzusetzen. Und wenn Amonasro Luca Salsi zusammen mit seiner Tochter Aida versucht, Radames zum bewussten Seitenwechsel und einer gemeinsamen Flucht zu überreden, dann lodert auch die Leidenschaft in den Stimmen auf, die man gerne öfter gehört hätte. Verdis Aida-Musik bietet ja nicht nur den großen Triumphmarsch-Pomp mit den eigens dafür konstruierten Trompeten. Die sind bei den Wiener Philharmonikern und Riccado Muti (der bei Verdi ja sowas ist wie Thielemann bei Wagner) bestens aufgehoben. Dieses Spitzenorchester (das noch am Vormittag unter Andris Nelsons mit Schostakowitschs "Leningrader" Sinfonie faszinierte) kennt offensichtlich keine Grenzen bei seinen Klangzaubereien. 

Dennoch erinnerte dieser Abend auch daran, dass der Aida-Auftrag für Verdi der best bezahlte war und eine Haupt-und Staatsaktion verzieren sollte. Dass diese Oper zumindest ihrer der deutschen Rezepitonsgeschichte (von Hans Neuenfels bis Peter Konwitschny) auch mit Meilensteinen des ambitionierten, interpretierenden Musiktheaters verbunden ist, spielte an diesem Abend keine Rolle. Der neue Festspielintendant Markus Hinterhäuser ist mit dem Regieauftrag sein größtes Risiko eingegangen. Die aus dem Iran stammende und im New Yorker Exil lebende renommierte Fotografin und Videokünstlerin Shirn Neshat (ihr Film „Women without Men“ ist hochgelobt) hat noch nie Oper inszeniert. Was den Vorteil des unvoreingenommenen Blicks haben mag. Und alles, was es an Aida-Interpretation gibt, beiseite lassen kann. Sie kämpft aber gegen die Elefanten und Palmen am Nil, die selbst längst ein Klischee sind.

Freilich bleibt sie mit ihrem demonstrativen tabula rasa (vielleicht unabsichtlich?) in einer eigenen, unterkühlten Distanz zum Stück stecken. Irgendetwas stimmt nicht, wenn man sich die Elefanten und die Palmen (oder etwas adäquat Irritierendes) geradezu herbei wünscht in dieser sterilen Rumsteh- und Rumsitzorgie, die nur vom Schreiten der Diven mit ihren wehenden Gewändern unterbrochen wird. Immer schön an der Rampe, meist mit ausgebreiteten Armen. Man staunt, dass es das noch gibt. Obwohl: Wim Wenders hat das ja auch drauf; das durfte man erst kürzlich bei den Perlenfischern in Berlin neulich miterleben. Opern-Regisseur ist halt doch ein richtiger Beruf. Mit allem, was dazugehört. 

Auch die Balletteinlage der kleinen Truppe wirkt so aufgesetzt, wie die Stierschädel auf den Köpfen der Tänzer. Die Soldaten vermeiden schlendernd jeden Gleichschritt. Die Priester sehen aus wie orthodoxe Erzbischöfe mit langen Bärten. Sie verschwinden wie die Kardinäle zum Konklave in Christian Schmidts riesigem Kombi-Würfel. Der ist teilbar und von beiden Seiten nutzbar – als Kulisse und Tribüne für den Triumphmarsch, den es nur im Graben wirklich gibt. Auf der Bühne wird starr in guter Symmetrie gesessen. 

Am Ende ist der Würfel an einer Seite offen und erinnert an eine Styroporverpackung oder Kühlbox. Einmal werden die Gefangenen als übergroßes Video eingeblendet, macht das noch für sich genommen ästhetischen Effekt, wirken die Großaufnahmen der Priester eher albern. Der Wahrheitsfindung dient das alles nicht, szenisch bleibt der Abend irgendwas zwischen peinlich und ärgerlich. Man kann das nicht mal mit Oberammergau vergleichen. Da ist szenisch mehr los. Dabei steht Anna Netrebko nicht in dem Verdacht, nur in einem solchen Rahmen zur Hochform aufzulaufen. Sie kann auch anders, wenn die Regie entsprechende Vorschläge macht und nicht wie hier die Waffen streckt.

In Salzburg war bei den meisten bestimmt  schon vorher klar, dass am Ende gejubelt wird. Für die Aida im speziellen und für alle anderen auf der Bühne und im Graben war das auch in Ordnung.