Esther Dierkes (Josephe Asteron),  Dominic Große (Jeronimo) und Sachiko Hara (Philipp) in der Uraufführung von Toshio Hosokawas neuer Oper „Erdbeben. Träume“.

Esther Dierkes (Josephe Asteron), Dominic Große (Jeronimo) und Sachiko Hara (Philipp) in der Uraufführung von Toshio Hosokawas neuer Oper „Erdbeben. Träume“.

© Foto: A. T. Schaefer
Musiktheaterkritik

Trauerarbeit

von Klaus Kalchschmid

Toshio Hosokawa: Erdbeben. Träume

Premiere: 01.07.2018 (Uraufführung)
Oper Stuttgart
Homepage: https://www.oper-stuttgart.de

Regie: Jossi Wieler/Sergio Morabito
Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling
Autor der Vorlage: Henrich von Kleist

Was für eine unmittelbar berührende, fein schillernde und doch magisch monochrome Traum-Musik: Da offenbart ein Paar über schwebenden Klängen und beunruhigend ruhevoll seinem Sohn, dass er nicht ihr leibliches Kind sei; im Hintergrund singt ein Chor aus dem Off sanft Tröstendes und formuliert zugleich die Aufforderung: „Alles Verschüttete aufspüren…“ Am Ende kehrt diese Musik beinahe wörtlich zu diesem großartigen Anfang zurück und die Handlung bleibt erneut stehen. Sie bezieht sich nur vage das Handlungsgerüst übernehmend auf Heinrich von Kleists großartig dichte, ergreifend tragische Novelle „Das Erdbeben in Chili“ und läuft gleichsam als Rückblende in den Augen des Sohns namens Philipp ab.

Auch zwischendurch hört man immer (Orchester-)Musik wie fern von dieser Welt, und das nicht nur in mehr oder minder ausgedehnten Zwischenspielen, die auf unterschiedlichste Weise zusammenfassen, überleiten, vorwegnehmen. In große Streicher-Flächen und -Glissandi webt Hosokawa oft kaum merklich aufscheinende kleine melodische Wendungen, macht den Klang da für Momente ganz menschlich und verletzlich, aber auch betörend schön. Wenn – selten – Blechbläser dreinfahren, dann tun sie es mit apokalyptischer Dringlichkeit. Einem langsam und leise sich aufbauenden, erst am Ende tektonisch geschichtetem Orchesterstück gelingt die Imagination eines Erdbebens mit Tsunami; es macht hörbar, wie sich das Meer zurückzieht, wie trügerische Stille, ja Stillstand entsteht, bevor ganz allmählich das Grauen seinen Lauf nimmt.

Nur einmal, bei der Hetzrede des Wachmanns Pedrillo (Torsten Hoffmann) an die Menge mittels Megaphon, in der er nach der Katastrophe die Schuldigen für das Erdbeben sucht – da wird Hosokawa unangenehm plakativ, Posaunen in den Proszeniumslogen eingeschlossen, und mit erhobenem Zeigefinger geht auch noch das Licht im Zuschauerraum an. Dieser Moment soll wohl den blutrünstigen Mob der Erzählung kennzeichnen, der bald für vierfachen Totschlag verantwortlich ist: an den Eltern Philipps und zweimal versehentlich. Das erste Mal an Juan, am Sohn von Jeronimo und Josephe, sowie an Constanze, der jüngeren Schwester von Elvire. Aber er sprengt den immer wieder durchscheinenden Requiem-Charakter der Musik und ist damit eher aufdringliche Störung als produktive Irritation, so wie auch der Text die Intensität und tragische Fallhöhe Kleists vermissen lässt, von der Dichte und Qualität seiner Sprache ganz abgesehen.

Da steuert aber auch die Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito – des scheidenden Leitungsduos der Oper Stuttgart, dem das Haus sieben ausgesprochen ertrag- und erfolgreiche Jahre verdankt – nicht gegen. Im Gegenteil: Eher verstärkt die Regie das Ostentative dieses Moments sogar, wie sie überhaupt dem Abend eine sehr konkret realistische Fassung gibt. Die zeigt sich vor allem in der Führung des hier vielbeschäftigten und in jeder Hinsicht hervorragenden Chors der Stuttgarter Staatsoper, den Anna Viebrock in erlesen bunte Hässlichkeit eingekleidet hat. Diese Meute – darunter auch ein (überflüssiger) „Chor sadistischer Knaben“ unter Führung eines Countertenors (Benjamin Williamson) – geriert sich schon mal als Katastrophen-Touristenhorde. Sie bevölkert ein Bühnenbild (ebenfalls Anna Viebrock) aus Versatzstücken, die  auf reale Verwüstungen in Fukushima verweisen: ein teilweise durchgebrochener Holz-Fussboden, nackte Betonwände, eine Fußgänger-Brücke oder ein surrealer Licht-Strom-Mast. Diese Elemente verschieben sich immer wieder vertikal gegeneinander, als sei die Erde in Bewegung.

Wenn Hosokawa den etwas geschwätzigen, manchmal bemüht artifiziellen, manchmal auch banalen Text von Marcel Beyer (der schon mal vom „Bierbike mit acht singenden Strohwitwen“ faselt) nur sprechen lässt, dann wird er akustisch verstärkt, was ein Ungleichgewicht zum viel leiseren und weniger direkten Ton des gesungenen Worts herstellt. Nach  „Vision of Lear“ (1998), „Hanjo“ (2004), „Matsukaze“ (2011) und dem ebenfalls schon Erdbeben und Tsunami thematisierenden Musiktheater „Stilles Meer“ (2016) komponiert der Japaner die Gesangslinien in seiner fünften Oper jedoch in ebenso schlichter, harmonisch wie melodisch zwingender Diktion. Daher enttäuschen die gesprochenen Passagen umso mehr, zumal sich wenig erschließt, warum und wann gerade gesungen oder gesprochen wird.

Großartig die Sänger: Das überlebende Paar Elvire (mit großer Strahlkraft: Sophie Marilley) und Fernando (Bariton André Morsch als Fels in der Brandung) überzeugt ebenso wie Josephe (mit lyrischer Emphase: Esther Dierkes) und ihr geliebter Privatlehrer Jeronimo (mit hellem, fast verletzlich klingenden Bariton: Dominic Große), deren Schicksal ihr kleiner Sohn (Sachiko Hara) den ganzen Abend erinnert. Dennoch ist Hauptakteur des Abends das phänomenal „sprechende“ Orchester. Und man möchte immer wieder die Augen schließen, um sich ganz auf die Differenziertheit konzentrieren zu können, mit der Sylvain Cambreling und das Staatsorchester Stuttgart alle Feinheiten der Partitur auffächern und mal intensiv, mal intim pastellfarben leuchten lassen.