Und wenn sie tanzt...

Und wenn sie tanzt...

Eva Bernard, Bart Driessen und Elisabeth Ebeling (v.l.) in "Powder her Face" am Theater Aachen

© Foto: Will van Iersel
Musiktheaterkritik

Woyzeck von oben

von Andreas Falentin

Thomas Ades: Powder her Face

Premiere: 19.03.2017
Theater Aachen
Homepage: http://www.theateraachen.de

Regie: Ludger Engels
Musikalische Leitung: Justus Thorau

„Jeder Mensch ist ein Abgrund.“ Diesen tausendfach zitierten Satz aus Georg Büchners „Woyzeck“ kann man auch als Versuch der Selbstvergewisserung lesen. Das geschundene, wirtschaftlich und sozial unter den Rand gedrängte Individuum klammert sich mit dem ersten Wort daran, dass es doch irgendwie dazu gehört, zumindest was die dunklen Seiten anbelangt. Ähnliches reklamiert Thomas Ades in seiner 1994 uraufgeführten Oper für die Duchess of Argyll, auch sie historische Figur, auch sie verachtete Außenseiterin und ausgenutztes Opfer, wenn auch mit komplett anderen Voraussetzungen.

Ganz auf ihre Figur hat Ludger Engels seine Inszenierung am Theater Aachen zugeschnitten, spielt das Stück voller verzerrter Tanzmusik und ironischer Brechungen als Tragödie der Einsamkeit. Wie Woyzeck ist die Duchess, trotz großen Vermögens, lebensuntüchtig, ein individuelles Defizit, dass sie endgültig der allgemeinen Verachtung preisgibt. Ades gestaltet ihre Geschichte, deren Höhepunkt ihr zweiter Scheidungsprozess ist, der wohl bis heute größte Skandal der englischen Rechtsgeschichte. Engels nimmt die historischen Vorgänge als Inspiration. An einer Vermittlung der Chronologie hat er vergleichsweise wenig Interesse. Er verdoppelt seine Protagonistin durch die Schauspielerin Elisabeth Ebeling, die als alte Duchess fast schwerelos über die Bühne wandelt, zusieht und –hört, sanft und wehmütig lächelt, zärtlich bedauert, alles gleichzeitig betrachtet. Die bei Ades behaupteten Zeitsprünge verlieren so an Relevanz, verschwimmen ineinander. Wichtig ist einzig die Hauptfigur, der Eva Bernard mit bewegender Intensität Gestalt verleiht. Ihre Verlassenheit, ihr Wunsch nach Nähe, ihre Ferne von allen anderen schmerzt ungeheuer. Die Behandlung, die ihr durch ausnahmslos alle anderen zu Teil wird, macht wütend. Der Bassist Bart Driessen, die Sopranistin Jelena Rakic, der Tenor Patricio Arroyo tauchen geradezu graziös durch ihre vielen Rollen, verweisen mit ihren tänzerischen Bewegungen immer wieder auf die Musik und bündeln in ihrem Spiel einen fast stinkenden Mangel an Empathie der Duchess gegenüber. Der junge Kapellmeister Justus Thorau lässt das sinnlich und locker musizieren, was die Dringlichkeit eher steigert. Thorau hat hörbar Spaß an den vielen Zitaten und verzerrten Tanzrhythmen, auch an der ungewöhnlichen, von Klarinetten und Saxophonen dominierten Instrumentierung, die Streicher und Blech nur einfach besetzt, dafür aber Harfe, Akkordeon und viel Schlagwerk im Gepäck hat.

Drei Hotelräume hat Moritz Junge auf die Drehbühne gestellt. Im kleinen Salon mit altem Spiegel empfängt die Duchess, lässt sich interviewen und heimlich verspotten. In einer Suite sonnt sie sich im vergangenen Glanz. Hier wird auch das Gerichtsurteil gesprochen. Es lautet auf schuldig, wegen scheinbar erwiesenen Ehebruchs mit 88 Männern, teilweise belegt durch möglicherweise illegal in den Besitz des Gerichtes gelangte Polaroid-Fotos. Dass der Herzog vom Geld seiner Frau lebte, sie schlecht behandelte, zwang, seine Kinder aus erster Ehe aufzuziehen und selbst ständig fremdging, spielte keine Rolle. Bart Driessen setzt sich an den Schminktisch, weißt sich das Gesicht, setzt eine Perücke auf – und ist Richter. Die Szene wird so rational, so sachlich wie möglich exekutiert, ohne jedes Spektakel, ohne jede Standardgeste, eine unaufhaltsam rollende Kammertragödie, die im letzten Zimmer, das wohl in einer Absteige zu lokalisieren ist, ihren Höhepunkt findet. Es ist die berühmteste Szene dieses Stückes. Die Duchess gibt einem Zimmerkellner Geld, um ihn oral befriedigen zu dürfen. Engels inszeniert das fast traurig, in abgestandenster Atmosphäre. Das Vorher ist hier relevant, das Kämpfen gegen die eigene Sucht, dass sich in Stottern äußert, die Verzweiflung, die aus jedem Ton klingt, den Eva Bernard mit staunenswerter Selbstentäußerung präzise von sich gibt. Der Akt selber wird in die Tür verbannt – und die alte Duchess stellt sich davor. Düster und gewaltig ist der an diesem Abend aufgerissene Abgrund und doch, leider, das zeigen Ludger Engels und sein entfesseltes Ensemble, sehr menschlich.