Noch ist die BLACKBOX nicht geschlossen.

Noch ist die BLACKBOX nicht geschlossen.

Daniel Berger und Isis Krüger in "format BLACKBOX" im Keller des Freien Werkstatt Theaters

© Foto: Meyer Originals
Musiktheaterkritik

Analytisches Zerrbild

von Andreas Falentin

Sergej Maingardt / Rosi Ulrich: format BLACKBOX

Premiere: 18.02.2016 (Uraufführung)
Freies Werkstatt Theater, Köln
Homepage: http://www.freies-werkstatt-theater.de/

Vom Einlass an wird eine Aura der Fremdbestimmung etabliert. Einige Zuschauer werden, trotz „freier Platzwahl“ im Keller des Freien Werkstatt Theaters, herausgepickt und auf bestimmte Plätze dirigiert. Durch einen Mittelgang unterbrochene Sechserstuhlreihen sind von zwei Seiten auf eine Mitte hin ausgerichtet. Die Sitzanordnung lässt an ein Flugzeug denken. Die ersten Minuten der Performance bedienen dieses Bild. Die Mitte wird geschlossen und dient von zwei Seiten als Projektionsfläche. Der Zuschauer ist tatsächlich in die Titel gebende Blackbox eingesperrt. Über die Projektionsfläche flimmern Buchstaben, Wörter, Zahlen, bunte, graphische Formen, Schlieren wie der Output einer gewaltigen sich selbst dienenden Maschine. Dazu die Musik von Sergej Maingardt, eine Partitur für sechs elektronisch verfremdete, überformte Instrumente und bewegte Alufolie zwischen Pattern, Geräusch und Krach. Sie konturiert den Raum und gibt dem kurzen Abend rhythmische und dynamische Struktur. Und sie verstärkt das ohnehin vorhandene Unbehagen und die Überflutung mit widerständigen, störrischen auch verstörenden Reizen.

Da hinein setzt die Autorin und Dramaturgin Rosi Ulrich, sozusagen das Gehirn und Kreativzentrum von theater-51grad, rationell gebaute fragmentarische Erzählungen, die Orientierung geben und als Erklärungen und Vertiefungen dienen – fast wie im epischen Theater. Ein Mann will seine Mutter besuchen und glaubt, das nur zu können, indem er seine Identität verschleiert. Die neben ihm sitzende Frau hat, offenbar zu medizinischen Zwecken, einen implantierbaren, den Menschen auslesenden, aus der Ferne auslesbaren Chip erfunden und sorgt sich nun um dessen Verwendung. Wir sehen Ängste, Träume und Visionen. In einer Werbeveranstaltung bietet der Pilot seinen Passagieren einen „digitalen Analysten“ zum Kauf an, der durch sekundenschnelle Käufe und Verkäufe sensationell erfolgreiche Wertpapiergeschäfte tätigen könne, weil er auf Daten zurückgreifen könne, die allein ihm zur Verfügung stünden.

Reize, Strukturen und Inhalte fließen auf allen theatralischen Ebenen ineinander. Sie geben kein homogenes Bild, wirken auch mal kurz beliebig oder versponnen, verlangen aber in jedem Moment eine Haltung vom Zuschauer. Wir sind aufgefordert, uns zu fragen, wieviel Gegenwartsanalyse in dieser so künstlich wie kunstvoll in die Zukunft gedachten ersten Musiktheaterproduktion von theater-51grad steckt. Du musst dein Leben ändern! Musst du wirklich?

„format blackbox“ ist eine merkwürdig stringente Anti-Utopie, die, obwohl sie keinerlei dokumentarisches Material verwendet, mit dem Aufklärungs- und Veränderungsfuror und der Sachlichkeit eines Rechercheprojektes daherkommt, ein fast klassisch ins Monströse getriebenes Zerrbild der Informationsgesellschaft, dessen Qualität sich auch darin äußert, dass das Publikum am Ende erst mal – still ist.