Szene aus dem Braunschweiger Sciarrino-Weill-Doppelabend

Szene aus dem Braunschweiger Sciarrino-Weill-Doppelabend

© Foto: Thomas M. Jauk
Musiktheaterkritik

Über die Macht des Gesetzes

von Andreas Berger

Salvatore Sciarrino/Kurt Weill: La porta della legge/Die sieben Todsünden

Premiere: 12.01.2018
Staatstheater Braunschweig
Homepage: http://staatstheater-braunschweig.de

Regie: Aniara Amos
Musikalische Leitung: Alexis Agrafiotis/Iván López Reynoso

Zwei kurze Stücke über die Macht des Gesetzes hat Aniara Amos jetzt für das Staatstheater Braunschweig in eigenen Bühnenbildern inszeniert: Salvatore Sciarrinos “La Porta della Legge” auf Kafkas Legende “Vor dem Gesetz” und Kurt Weills Gesellschaftssatire “Die sieben Todsünden der Kleinbürger” auf einen Text Bertolt Brechts. Das erste Stück wird bestimmt vom letzten Röcheln vor der Ewigkeit, wie Sciarrino selbst seine Musik charakterisiert hat. Irgendwo brummt es in den tiefen Streichern, mal sirrt es in höchsten Lagen, Flöten werden von allen Seiten beblasen, Blech tonlos durchatmet. Piano, pianissimo, nie forte. Selten stimmt etwas zu einer musikalischen Geste zusammen. Die Worte werden gestammelt, wiederholt bis zur Erschöpfung. Menschheitsdrama, Götterdämmerung war schon, nun gibt es nur noch den Sterbenden vor dem Tor des Gesetzes, Endlosschleife vorm Jüngsten Gericht.

Sciarrinos Musik ist Musikverweigerung, ist Versiegen im Tonwerden, Verblassen im Aufscheinen. Vielleicht ist sie dadurch wahre Musik, sie macht einem nichts vor. Sie ist nicht aufregend. Weder begeistert sie und steckt einen an mit Leidenschaft, noch schreckt sie auf oder ärgert. Eher ermüdet sie in ihrer unkonkreten, nie recht Gestalt werdenden Undeutlichkeit, zieht einen langsam hinab in die Lethargie und Widerstandslosigkeit. Wir stehen am Ende des Lebenskampfes, der Klang alter Feste, Lieben und Triebe ist verweht, kaum ahnbar im fragmentierten Aufseufzen der Instrumente.

Das Staatsorchester gibt sich unter Alexis Agrafiotis’ umsichtigem Dirigat diszipliniert diesem Klangexperiment hin. Kräftiger schon intoniert Maximilian Krummen mit klangreinem Bariton als Mann auf der Bühne seine Erinnerung an das letzte Gespräch mit dem Türhüter. Wie er ein Leben lang Einlass begehrte. Wie es nun mit seinem Tod geschlossen wird, da dieses Gesetz offenbar nur für ihn aufgestellt, vielleicht sein eigenes Gewissen war. Franz Kafka hatte das ungleich lapidarer und klarer aufgezeichnet. Bei Sciarrino wird es nicht auf der Bühne erlebt, sondern vom Sänger als Bericht gegeben, quasi als letzte Botschaft eines Sterbenden.

Und er lässt dasselbe in einer zweiten Runde nochmal von einem Countertenor rezitieren, als Zeichen für die ewige Wiederkehr des Gleichen, das Gesetz erdrückt jeden. Iván López Reynoso gestaltet die Partie mit wunderbar klarem, parlandohaft artikuliertem Ton. In der Braunschweiger Inszenierung klingt sie aus dem Off, während Krummen noch einmal den Mann mimt. Als schwebten seine Gedanken nun im Raum, seien zur entpersonalisierten Botschaft geworden.

Dafür hat Amos durch Hinzufügen einer (stumm bleibenden) Frau (Maike Goldbach) das Jüngste Gericht mit dem Sündenfall rückgekoppelt. So ringt der Mann mehr mit der Frau als mit dem Türhüter (Ernesto Morillo), der aus dem Fenster seine Kommentare abgibt. Sie liegen auch mal übereinander, alles aber wie in Trance und Erinnerung, nicht real gespielt. Vorzüglich passen dazu die surrealen Videobilder von Thomas Zipf im Stile Max Ernsts und des Dada, auf denen eine Frau auf der Weltkugel schwebt, ein Radler abhebt, und ein Nackter sein Geschlecht wechselt, das als geflügelter Phallus davonfliegt.

Sciarrinos Sterbeszene wird so optisch aufgeladen mit den Erinnerungen eines Lebens oder des Lebens an sich, das dann – entgegen Kafkas Erzählung – offenbar doch nicht vor dem Gesetzestor vergeudet worden war, freilich vor dem Gesetz verantwortet werden muss. Insofern bleibt der warnende Schrecken aus, das Quälende der Wiederholung fügt sich dem Wissen der Unausweichlichkeit. 

Und dagegen setzt Bertolt Brecht im zweiten Stück des Abends sein Ausrufezeichen. „Nutze die Jugend nicht, denn sie vergeht“, schmettert die altkluge Anna zu Kurt Weills verdächtigem Marschrhythmus die falsche Kleinbürgermoral heraus. Sie predigt den entsagungsvollen Gleichschritt im Hamsterrad des kapitalistischen Systems, während gutmütige Menschen, die wie ihre Schwester ihren Gefühlen, Liebe, kleinen Genüssen und Zuneigung folgen wollen, einst „zitternd im Nichts vor verschlossenem Tor“ stehen würden. Irrtum, denn vor verschlossenem Tor steht Kafkas Mann ja auch, obwohl er sich ständig den Gesetzen der Bürokratie, der Religion oder des Marktes anbiedert, wie Brecht entlarvt, denn nur den Kleinbürgern sind diese Gesetze aufgestellt, damit sich die Großen umso ungenierter dem Luxus hingeben können. Mit dem gesungenen Ballett „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“ will er die Leute zur Einsicht bringen und zu trotziger Solidarisierung aufrufen.

Die ist auch bitter nötig, betrachtet man die Altenpflegesituation in Amos‘ grauem, kubistisch geschnittenem Bühnenbild. Die Eltern der Familie (Matthias Stier, Ernesto Morillo) hat’s schon im Skeletttrikot unter den grünen Rasen gebracht, der dickbäuchige Bruder (Mike Garling) und sein inkontinenter Kollege (Vincenzo Neri) werden von der grauen Maus Anna II gepflegt. Nana Dzidziguri spielt sie anrührend als zittriges Hausmütterchen am Besen, das sich aufopfert und dazu noch die dreisten Ermahnungen zur Enthaltsamkeit ihrer karrieresüchtigen Schwester Anna I anhören muss. Einmal nur steht sie auf dem Tisch mit erhobenen Händen wie im Rampenlicht, ansonsten muss sie vom Ruhm der Schwester zehren (die vielleicht ihre eigene Vergangenheit verkörpert). Natürlich erringt sie weder Triumph noch Lohn, wie der zynische Text verheißt. Sie fegt noch, als sich der Vorhang schließt.

Dagegen spreizt sich Anna I als Siegerin am Tisch. Sie ist bei Brecht die Managerin, die ihre Schwester (im Wortsinn) tanzen lässt und nach den Gesetzen des Marktes verbiegt. Bei Amos ist sie als die aus dem grauen Braque-Gemälde gefallene bunte Gitarre gekleidet und profitiert bis zum Kotzen von dem Luxus, den sie ihrer Schwester als Todsünden verbietet. Carolin Löffler bietet dabei die ganze Bandbreite der Diseuse auf, ist herrlich kraftvoll, auch mal schneidend im Ton, variiert gekonnt zwischen Gesang und Singsprechsentenzen. Gehörig aggressiv, aber gleichfalls nicht glücklich. Das Gesetz ist nicht fürs Menschenwohl gemacht. Am besten, sie machen sich selber welche.

Iván López Reynoso, jetzt als Dirigent, treibt das Staatsorchester mit Lust und Drive durch Weills eingängige Melodien. Das klingt nach der prominenten musikalischen Sackgasse Sciarrinos wie ein Befreiungsschlag, als jubelten die Instrumente, sich in den oft karikatural zugespitzten Populärformen auszutoben. Hier mit Tanz und Pop-Art Brechts zerstörerischen Ritt durch den amerikanischen Traum auch optisch explodieren zu lassen, versagt sich Amos leider. Sie knallt uns die graue Altenheimfaust entgegen. Passt vom Sinn her, lässt das lebenspralle Stück aber unattraktiv aussehen. Dagegen kommt Sciarrinos weniger attraktive Musik in Amos‘ Installation hilfreich lebendiger über. So bekommt der Abend einen spröden Reiz.