Szene aus der Uraufführung von Sarah Nemtsovs neuer Oper "Sacifice" in Halle im Bühnenbild von Sebastian Hannak und der Regie von Florian Lutz

Szene aus der Uraufführung von Sarah Nemtsovs neuer Oper "Sacifice" in Halle im Bühnenbild von Sebastian Hannak und der Regie von Florian Lutz

© Foto: Falk Wenzel
Musiktheaterkritik

Das Grundrauschen einer Welt voller Gewalt und Fragen

von Joachim Lange

Sarah Nemtsov: Sacrifice

Premiere: 05.03.2017 (Uraufführung)
Oper Halle
Homepage: www.buehnen-halle.de

Regie: Florian Lutz
Musikalische Leitung: Michael Wendeberg
Autor der Vorlage: Dirk Laucke

Das Vorhaben ist kühn gedacht und seine Umsetzung eine gewaltige Kunstanstrengung: Die neue Leitung des Opernhauses in Halle hat gleich für ihre erste Spielzeit bei der Komponistin Sarah Nemtsov (37) und dem Autor Dirk Laucke die vieraktige, ziemlich groß geratene Oper „Sacrifice“ in Auftrag gegeben. Intendant Florian Lutz hat die Uraufführung jetzt inszeniert: wieder in der Raumbühne Heterotopia von Sebastian Hannak, in der schon der „Fliegende Holländer“ an Land ging, wo das Ballett den Funken überspringen ließ und wo der „Wut“-Text von Elfriede Jelinek zum Theaterereignis wurde! Und wieder, wie bei „Wut“, mit den Zuschauern auf der höchst sinnvoll rotierenden Drehbühne, einem überbauten Zuschauerraum samt gipfelfernem zweitem Rang sowie der Hinter- und Nebenbühne als Spielfläche.

Faszinierend an dieser ungewöhnlichen Raumsituation ist in diesem Fall allein schon, dass das Orchester sichtbar über dem eigentlichen Graben platziert ist. Michael Wendeberg leitet die Staatskapelle nicht nur mit faszinierender Präzision, sondern koordiniert überdies den komplexen Raumklang, zu dem eine ganze Palette an Geräuschen und Klängen jenseits des klassischen Orchesterklangs hinzukommt. Da wird gequietscht und geraschelt, da wird ein Stück Styropor zum Streichinstrument, dazu kommen jede Menge elektronische Einspielungen. Die Musiker fremdeln kein bisschen mit den neuen Tönen, sondern erweisen sich als souveräne Alleskönner.

So entsteht eine Art von globalisiertem und beklemmendem Welttheater mit mehreren Schauplätzen und Situationen. Deren Zusammenhang stellt sich weniger durch den Text her, der zum größten Teil in den Untergrund gegangen ist und nur ab und zu mal an die Oberfläche blubbert. Im Gesamtkunstwerk spielen die konkreten Worte von Dirk Laucke, der ja in Halle einst mit seinem Ultra-Projekt am Thalia für Furore gesorgt hatte, nicht die erste Geige. Und da, wo er in den Vordergrund tritt, wie bei den Diskursszenen der Kriegsreporter (Nils Thorben Bartling, Sybille Kress, Frank Schilcher) vor Ort über die Schamlosigkeit von Bildern, bleibt er eher schwach. Zur exklusiven Minderheit der Werke, in denen Wort und Musik einander auf Augenhöhe begegnen, gehört Sacrifice jedenfalls nicht. Hier dominiert vor allem der Klangrausch, den Nemtsov entfesselt und der die Assoziationsräume öffnet in die brandaktuelle Geschichte.
 
In der geht es um nicht weniger als den Dschihad und die Faszination, die diese Flucht aus der Wirklichkeit und dem Leben offenbar auch auf junge Mädchen, z.B. aus Sangerhausen, ausübt. Und zwar nicht nur, weil sie die Möglichkeit bietet, zu provozieren und zu revoltieren, sondern weil sie einen Weg suggeriert, auf dem man tatsächlich aus der rational erklärbaren, komfortabel ausgestatteten Welt, in der das Leben so oder so allemal über die Faszination des Todes triumphiert, aussteigen kann; den man für den Eingang ins Paradies halten kann; und auf dem man zu Mördern werden kann. Jana und Henny ziehen tatsächlich los. Mit einem alten Ford. Sie begegnen dem Flüchtling Azuz, der in der Ferne des zweiten Ranges auftaucht, wo ihm die Worte für das Grauen, dem er gerade entflieht, fehlen, und der bei den beiden Mädels auf der Kühlerhaube landet. Diese gegenläufigen Bewegungen machen Marie Friederike Schöder und Tehila Goldstein auf der einen und Gerd Vogel auf der anderen Seite vor allem mit viel leuchtendem Vokaliseneifer über dem Klanggrundrauschen mit seinen immer wieder einschlagenden Salven eher emotional als im Wortsinn nachvollziehbar.

Auch die Ratlosigkeit der Elterngeneration, hier der Frau und des Mannes, wird vor allem emotional und durchs (klein)bürgerliche Ambiente vermittelt. Anke Bernd ist als streng dreinblickende, die Deutschlandfahne bügelnde, verzweifelt nach einer „Alternative“ suchende Mutter in Hochform. Vladislav Solodyagin empfängt mit Friedenstaube auf dem T-Shirt und mit offenen Armen die auftauchenden Flüchtlinge daheim. Florian Lutz hat klare Bilder bei der Hand. Wenn oben mit einer Fahnen-Auswahl wie bei Pegida in Dresden vor einem aufgehenden Sonnenzeichen entlangmarschiert wird, ist das beklemmend. So wie auch die eingespielten Videos (effektvoll: Konrad Kästner), die wohl Drohnen-Einsätze wiedergeben. Und doch tun weder die Autoren noch der Regisseur so, als wären sie schlauer als die Zuschauer im Saal. Und das gehört auf die Habenseite der Produktion.

Es ist keineswegs nur Koketterie oder ein bloßer (bei all dem Ernst hochwillkommener) selbstreferentieller Witz, wenn die Komponistin via Einblendung irgendwann ihre Ratlosigkeit zu Protokoll gibt. Was kann man tun? Was kann ich tun? So fragt sie. Und lässt ihre faszinierende, raumfüllende, keine Ausflucht zulassende, nirgends Harmonie, Schönheit oder gar wohlfeile Antworten vortäuschede Tonspur des Grundrauschens einer Welt voller Gewalt und voller Fragen immer weiterlaufen. Irgendwann hat man das Gefühl, dass sie nicht mehr so recht herausfindet aus ihrer Selbst- und Zeitbefragung. Zwei Stunden ohne Pause und ohne nennenswertes Atemholen in einem emotionalen Dauererregungszustand: das muss man erstmal durchhalten! Weniger wäre da viel mehr gewesen. Aber ein Wohlfühlabend zum Seele baumeln lassen will und soll es eh nicht sein. Ein Musiktheatererlebnis der Extraklasse ist es.