Einsamkeit mit Crah-Test-Dummy: Salome Kammer in Salvatore Sciarrinos Musiktheater "Lohengrin".

Einsamkeit mit Crah-Test-Dummy: Salome Kammer in Salvatore Sciarrinos Musiktheater "Lohengrin".

© Foto: Andreas J. Etter
Musiktheaterkritik

Die Frau in Weiß

von Detlef Brandenburg

Salvatore Sciarrino: Lohengrin

Premiere: 25.01.2014
Oldenburgisches Staatstheater
Homepage: http://www.staatstheater.de

Regie: Thomas Fiedler
Musikalische Leitung: Yval Zorn
Autor der Vorlage: Jules Laforgue

Am Ende singt die Dame im weißen Cocktailkleid mit elegantem Kapuzenschal ein schlichtes Lied: friedliche Provinz, saubere Wäsche, heile Welt. Doch da wissen wir Zuschauer längst, dass die Bewohnerin dieser schicken Glitzer- und Glamourwelt mit Spiegelwänden, Plexiglasstühlen, Metalltischchen und Topfpflanzen schweren Schaden an ihrer Seele genommen hat. Wer oder was genau ihr dieses Unheil angetan hat, wissen wir allerdings nicht. Aber genau das ist eine Stärke von Thomas Fiedlers Inszenierung in der Ausstattung von Christian Wiehle, die in der Exerzierhalle, einer Außenspielstätte des Oldenburgischen Staatstheaters, Salvatore Sciarrinos „Lohengrin“ auf die Bühne gebracht haben.

Immerhin: Lohengrin, das wäre ein Anhaltspunkt. Es ist allerdings nicht der Wagnersche Schwanenritter, auf den sich Sciarrino, der italienische Komponist der feinen Seelengespinste, bezieht, sondern eine impressionistische Erzählung des Stéphane-Mallarmé-Zeitgenossen Jules Laforgue. Eine „Unsichtbare Handlung für Solistin, Instrumente und Stimme“ nennt Sciarrino das rund 50-minütige Werk im Untertitel, und was hier vor allem handelt, ist in der Tat nicht sichtbar, sondern muss im Hören erforscht werden: die eigentümlich Lautmalerei des Kammerorchesters und der Sopranistin, die sich gleichsam aus Naturlauten herausschält, ein Wispern und Krächzen und Klopfen und Zirpen, das sich bisweilen zu klangvoller Verdichtung steigert, aber ohne sich je zu so etwas wie einer „Melodie“ zu verdichten. Unangefochten im Mittelpunkt dieses Geschehens steht die Sängerin Salome Kammer mit ihrer grandiosen stimmartistischen Vokalperformance aus Hecheln, Glucksen, Schnalzen, Lachen, Husten Krächzen – ein Psychogramm als Lautmalerei an der Grenze zwischen naturalistischem Wahnsinn und artistischer Verfremdung.

Lohengrin also – das weiße Kissen (Cuscino) wird der einsamen, mondänen Frau zum Schwan (Cigno), was im Italienischen auch sprachlich naheliegt. Auch auf der Bühne ist für ein ausgestopftes Exemplar gesorgt, das allerdings schon etwas mottenzerfressen wirkt. Die Geschichte, die die Frau umtreibt, scheint lange her zu sein. Oder dient ihr die Rolle der Elsa nur als Maske für etwas anderes, das sie einst traumatisierte? Lohengrin, so klagt sie, habe sie erst vor den Anklägern errettet und dann als Frau verschmäht. Oder war es umgekehrt: Erst wurde sie von ihrem Geliebten verschmäht, dann wurde sie angeklagt? In dieser Reihenfolge jedenfalls thematisiert Sciarrino die Geschichte, die sich dem Zuschauer aus den hingehauchten und -gehaspelten Wort- und Satzfetzen der Sängerin nur andeutungsweise erschließt. Und die Crash-Test-Dummy-Gliederpuppe, die ihr am chromblitzenden Gartentischchen den Ritter ersetzen muss, hat keinen Kopf mehr. Ist das die Rachephantasie einer Verschmähten? Oder hat sie sich womöglich tatsächlich an einem desinteressierten Liebhaber gerächt? War das der Grund für Anklage?

Thomas Fiedlers Inszenierung eröffnet Assoziationsräume, in denen diese und andere Geschichten ihren Ort haben könnten. Und Salome Kammer performt diese geheimnisvolle Frau wirklich klasse. Ihr Spiel mit den Mikrophonen evoziert einen Hauch von Showstar-Atmosphäre, hilft aber auch, die verschiedenen Rollen, die sie einnimmt, zu unterscheiden. Dabei bleiben alle ihre Aktionen präzise abgezirkelt, auch daraus bezieht die Inszenierung ihre Spannung. Bemerkenswert ist zudem die Akkuratesse des Orchesters und der drei männlichen Vokalsolisten Volker Röhnert, Alwin Kölblinger und Henry Kiichli unter dem Dirigenten Yval Zorn. Am Ende großer Beifall für einen kleinen Oldenburger Opernabend.