Ensembleszene

Ensembleszene

© Foto: Saarländisches Staatstheater/Martin Kaufhold
Musiktheaterkritik

Heimat radikal

von Klaus Kalchschmid

Gioachino Rossini: Guillaume Tell

Premiere: 10.09.2017
Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken
Homepage: https://www.staatstheater.saarland

Regie: Roland Schwab
Musikalische Leitung: Sébastien Rouland

Die erste Premiere des neuen Intendanten Bodo Busse, der in Coburg sieben Jahre eine glückliche Hand hatte, sollte etwas Besonderes und Programmatisches sein: Unmittelbar an der Grenze (weshalb es neben deutschen auch französische Obertitel gibt) die französische Oper eines italienischen Komponisten über den Nationalhelden der Schweiz, die unter der Besatzung der Habsburger leidet. Rossinis „Guillaume Tell“ erwies sich als ebenso mutiger wie gelungener Einstand: dank eines neuen, jungen Ensembles, eines großartigen, spielfreudigen Chors und eines Orchesters, das unter Sébastien Rouland herrlich federnd und luzide, mit Wärme, aber auch Verve spielen. In großen Steigerungwellen konnte es sich auch immer wieder langsam und unerbittlich aufbäumen, wie am Ende in der orgiastisch beschworenen „Apotheose der Schweiz“. Da legen die gerade eben mit Waffen versorgen Frauen dieselben allmählich nieder und schauen mit Tell in der Mitte geblendet ins Publikum als sähen sie da in eine Zukunft, von der sie nicht wissen, was sie mit sich bringt. Roland Schwabs spannende, im Verlauf der Oper immer dichtere Inszenierung machte diesen Einstand im frappierend schlichten, aber in raffinierter Beleuchtung höchst variablen Einheits-Bühnenbild von Piero Vinciguerra auf der Drehbühne und mit den exzellenten, zwischen Tradition und Heute changierenden Kostümen (Gabriele Rupprecht) endgültig zu einem beglückenden Abend, der unter die Haut ging.

Die vier Stunden des Originals waren so geschickt um eine Stunde gekürzt, dass man außer der Arie des Jeremy, dem Sohn Tells, eigentlich nichts vermisste. Selbst Teile der Ballettmusik gab es, genutzt für eine quälend ausgespielte Szene bösartigster Demütigung, bei der ein junges Mädchen von den Schergen der Besatzer gedemütigt und gezwungen wird, nicht nur in klobigen Stiefeln sich um sich selbst zu drehen. Sie muss auch noch die Armen, in Stiefel gepresst, wie gekreuzigt ausgestreckt halten, während die Männer sie berühren, immer näher kommen und einer sie schließlich zu vergewaltigen sucht, das alles mit überlebensgroßen Schatten der Protagonisten ins Dämonische verfremdet. Dieser Moment im dritten Akt gehört zu den stärksten des an beeindruckenden Szenen nicht armen Abends, etwa wenn Tell kurze Zeit später vor dem erzwungenen Schuss auf den Apfel, den sein Sohn auf dem Kopf trägt, sein einziges Arioso singt. Dazu begleitet ihn ein Solo-Cello auf der Bühne, während Schwab prekären Subtext inszeniert: Gessler, der brutale Landvogt (hier beim prägnanten japanischen Bass Hiroshi Matsui Gesicht und Physis des nordkoreanischen Diktators nicht unähnlich), hört mit seinen Schergen – darunter der lustvoll dreckige Geilheit versprühende Angelos Samartzis als Rodolphe – verzückt sich wiegend mit geschlossenen Augen der Musik zu, bevor er mit dem letzten Ton den Cellisten erschießt.

In solchen Momenten ist der Abend auf höchstem szenisch-musikalischen Niveau, wie er auch den Rütli-Schwur der Schweizer, die sich die nackte Brust mit schwarzer Tarnfarbe imprägnieren, als gemeinschaftliche Versicherung eines obskuren Männerbunds zeigt. Die Kerle stehen dazu stolz auf der Schmalseite einer Art Halfpipe, die aus Brettern montiert ist und sich nach oben reckt wie die Hälfte eines leicht konisch in sich gedrehten Schiffsbugs. Je nach Stellung dieser vielfältig begehbaren Bühnenskulptur zum Zuschauerraum und je nach Lichteinfall (etwa durch die Ritzen der Bretter) verändern sich Raum und Atmospäre grundlegend: von der gefährdeten Heimeligkeit der Apfelschnitze zum Einkochen vorbereitenden Bürger vor einer dreifachen Hochzeit, die der fanatisch seine geknechteten Landsleute aufwiegelnde Tell gleich zu Beginn sprengt, über latente Bedrohung (wenn die Figuren unter den Brettern hindurchkriechen müssen) bis hin zu schauriger Eiseskälte im Gegenlicht: Stets sagt dieser Raum mit Ausrufezeichen, dass alles ganz böse enden könnte.

Roland Schwab nimmt der berühmten, in verschiedenste Teile gegliederten Ouvertüre den Nimbus des Wunschkonzerts, indem er in einem die ganze Bühne füllenden Film die einander widerstrebenden Gefühle Tells in einer gekachelten Gefängniszelle zeigt. Sie reichen von stiller, depressiver Verzweiflung bis zur höchsten (Auto-)Aggression. Zentraler Moment ist der Augenblick, wenn Tells Talisman – die Postkarte, auf der (s)eine Familie über den Vierwaldstätter See schaut – immer näher an die Kamera rückt und schließlich vom Schwarzweiß in intensives (Sehnsucht-)Blau übergeht. Peter Schöne ist dieser ungewöhnlich besetzte Tell: ein hagerer, junger Mann mit schönem, feinem Kavaliersbariton, der gerade durch diese vermeintliche Sanftheit in Stimme und Statur im aggressiven Spiel als Fanatiker umso gefährlicher wirkt.

Anfangs wegen seiner Liebe zur habsburgischen Prinzessin Mathilde von Tell und Walter Fürst (charismatisch in einer kleinen Partie: Guillaume Antoine) beargwöhnt, öffnet die Ermordung seines Vaters (Markus Jaursch) die Augen Arnold Melchthals. Mit Sungmin Song steht als Arnold ein junger koreanischer Tenor auf der Bühne, der seine erste solistische Rolle auf der Bühne darstellt und dann gleich eine, die zu den schwierigsten seines Fachs gehört – nicht zuletzt durch die exorbitante Höhe, die immer wieder von ihm gefordert wird. Song wirft sich auch darstellerisch mit Feuereifer in die Partie des jungen Liebenden und bedingungslosen Kämpfers. Und das eben nicht als tenore di grazia, also als typischer leichter Rossini-Tenor, sondern als ein Sänger, dessen schöne, farbenreiche Stimme bereits groß ist, eine sichere Mittellage und Durchschlagskraft besitzt. Im berückenden Piano klingt sie derzeit fast noch schöner als im Fortissimo. Kommt hinzu, dass sein Französisch selbst für Muttersprachler erstaunlich authentisch klingt. Auf seinen Mozart (Tamino, Ferrando) dürfen sich die Saarbrücker freuen, ebenso wie auf weitere Partien Pauliina Linnosaaris. Die junge Finnin verschmilzt als Mathilde ein exquisit schillerndes Timbre mit Beweglichkeit, Höhensicherheit und feiner Ausdruckskraft, auch im Darstellerischen: was für ein schönes Paar innerhalb eines vielversprechenden jungen Ensembles!