Die Walküren (v.l.: Regina Richter, Veronika Lee, Kathrin Zukowski) als indigene Bognschützinnen im "Ring" - Projekt der Kölner Kinderoper

Die Walküren (v.l.: Regina Richter, Veronika Lee, Kathrin Zukowski) als indigene Bognschützinnen im "Ring" - Projekt der Kölner Kinderoper

© Foto: Paul Leclaire
Musiktheaterkritik

Zu wenig? Zu viel?

von Andreas Falentin

Richard Wagner: Die Walküre

Premiere: 21.10.2018
Oper Köln
Homepage: http://www.oper.koeln/de/

Regie: Brigitta Gillessen
Musikalische Leitung: Rainer Mühlbach

In der letzten Spielzeit hat Jay Scheib in Wuppertal einen Akt – den dritten – aus der „Götterdämmerung“ herausgebrochen und diesen mit Heiner Goebbels‘ „Surrogate Cities“ verschränkt. In Wien hat Tatjana Gürbaca den kompletten Ring in drei Tagen neu erfunden, ausschließlich mit musikalischem Originalmaterial, aber radikal aus der Sicht dreier Protagonisten. Und der Dirigent Kent Nagano arbeitet mit dem Orchester Concerto Köln zur Zeit in einem Langzeitprojekt daran, durch das Forschen nach authentischem, historischem Klang einen neuen Blick auf das Werk des Bayreuther Meisters zu gewinnen.

Es tut sich also etwas mit dem Werk Richard Wagners. Seine Musikdramen scheinen endlich gestaltbares Material für die Visionen nachschaffender Künstler zu werden. In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick auf ein aktuelles Projekt der Oper Köln. Hier schraubt man zurzeit an einem „Ring für Kinder“. Vier Teile soll er haben wie das Original, aber zielgruppengerecht sein, vor allem in der Länge, was bedeutet: höchstens 75 Minuten pro Vorstellung. So haben sich also die Regisseurin Brigitta Gillessen, der Dirigent Rainer Mühlbach und der Arrangeur Stefan Behrisch an eine Fassung für kleines Orchester gemacht, die in der gegebenen Kürze der Dauer Wagners Dramaturgie dennoch so komplett wie möglich erfüllen soll, also großes Welttheater für kleine Menschen sein will.

Das gelang letztes Jahr mit dem „Rheingold“ überraschend gut. Der manchmal fast heitere Konversationston, der Auftritt von Pittoreskem wie Riesen, Rheintöchtern und Nibelungen, vor allem aber die eher kleinteilige Struktur und die noch überschaubare Originallänge des Stückes kamen dem Vorhaben entgegen. In der jetzt zur Premiere gebrachten „Walküre“ sind die Probleme erheblich größer. Weil hier statt Göttern Menschen und damit Identifikationsfiguren im Vordergrund stehen. Mit starken, immer stärker werdenden Leidenschaften. Weil Wagner hier bewusst mit Zeit arbeitet. Besonders im zweiten Akt führen vier fast ausufernd lange Duett-Anläufe zu einer kurzen und ungeheuer kraftvollen Explosion. Und weil die Musik hier, im Gegensatz zum „Rheingold“, viel öfter auf eigenen, sinfonischen Wegen dramatische Vorgänge gestaltet.

Es ist der Kölner Produktion anzumerken, wie sehr das Kreativ-Team um den großen Bogen kämpft. Immer wieder werden gesprochene Passagen eingeführt und Wagners Texte modernisiert, um die Handlung verständlich zu machen und voranzutreiben. Dafür wird der musikalische Fluss weitgehend geopfert. Zumindest nimmt es der erfahrene Wagner-Hörer so wahr. Die Kinder hingegen eher nicht, glaubt man ihrem stillen gebannten Zuhören und ihrem heftigen Applaus am Schluss. Gillessen und Mühlbach haben keine szenischen Blöcke herausgeschnitten, sondern sind sozusagen mit der Nagelschere an das gewaltige Werk gegangen: hier 16 Takte, dort nur acht oder vier, manchmal nur eine einzige Phrase. Und Stefan Behrisch legt in den besten Momenten seiner virtuosen Arrangements die Tiefenstrukturen dieser Musik offen und schafft es auch manchmal, gerade am Ende des zweiten und zu Beginn des dritten Aktes, die Klangballungen und Gestaltungsspielräume eines original großen Wagner-Orchesters trefflich zu simulieren. Viel besser kann man das wohl nicht machen.

Und doch regen sich Zweifel. Wird nicht doch zu unzweideutig, zu linear, zu unreflektiert erzählt? Gerade für junge Menschen? Dass Wagners fast obsessiven Welt- und Mensch-Erlösungsphantasien etwa neben einer gesellschaftlichen immer auch eine libidinöse Komponente innewohnt, kommt schlicht nicht vor. Siegmund und Sieglinde sind glaubhaft Geschwister, aber leidenschaftlich verboten Liebende in keinem Moment. Die Handlung verliert den Motivationskern, den auch die Musik nicht liefern darf, weil gerade das letzte Drittel des ersten Aktes ein Flickenteppich ist. Die vielen Schnitte gestatten keine wahrnehmbare Entwicklung des Klanges.

Inszenatorisch ist diese „Walküre“ ausgezeichnetes Handwerk. Die Figuren werden stringent bewegt, die Möglichkeiten, die Christof Cremers Bühne bietet, vom Schattenspiel bis zum Feuerzauber, werden innovativ genutzt. Es fehlt der Mut zum Experiment, zum phantasievollen, nicht (nur) illustrativen Einsatz theatraler Mittel. Zu viel bleibt schlicht „Oper“, und das manchmal sogar eine Spur unbeholfen.

Rainer Mühlbach und seine in kleiner Big-Band-Größe angetretene Kombo musiziert hervorragend. Besonders vom Marimbaphon kommen hübsche Klangelemente. Young Woo Kim als Siegmund und Yunus Scharinger als Hunding zeigen stark beeindruckendes, noch ein wenig unbehauenes Stimmmaterial. Umgekehrt der Eindruck bei Insik Choi als Wotan und besonders Jessica Stavros als Brünnhilde: Ausdrucks- vor allem ausstrahlungsstarke Interpreten, die Gänsehautmomente schaffen – und deren Stimmentwicklung dennoch hoffen lässt, dass sie die Originalversionen ihrer Rollen noch einige Jahre liegen lassen. Musikalisch Kundiges, darstellerisch ein wenig Braves kommt von Sieglinde (Claudia Rohrbach) und Fricka, deren Interpretin Regina Richter auch eine der drei als wilde, indigene Bogenschützinnen angelegten, tatsächlich grandios singenden Walküren ist.

Fazit: dieser „kleine“ Kölner „Ring“ ist ein ungewöhnliches Projekt, dass sensibel mit seiner Vorlage umgeht und dem für die weiteren Teile eine vergleichbare musikalische und handwerkliche Qualität zu wünschen ist. Und etwas mehr Esprit. Man darf dem jungen Publikum ruhig ein wenig mehr zutrauen.