Inbegriff heißer Opernliebe: Sänger in Unterwäsche – hier Jomante Slezaite als Giulietta und Eduard Martynyuk als Romeo am Theater Erfurt.

Inbegriff heißer Opernliebe: Sänger in Unterwäsche – hier Jomante Slezaite als Giulietta und Eduard Martynyuk als Romeo am Theater Erfurt.

© Foto: Lutz Edelhoff
Musiktheaterkritik

Im Internat der brennenden Herzen

von Detlef Brandenburg

Riccardo Zandonai: Giulietta e Romeo

Premiere: 08.04.2017
Theater Erfurt
Homepage: http://www.theater-erfurt.de

Regie: Guy Montavon
Musikalische Leitung: Myron Michailidis
Autor der Vorlage: William Shakespeare

An der Musik lag es bestimmt nicht, dass es Riccardo Zandonais „Giulietta e Romeo“ nie zur gesetzten Repertoireoper bringen konnte. Der 1883 in Rovereto geborene, hochbegabte Komponist arbeitete sich empor zu den Auserwählten im Umfeld des in Italien allmächtigen Ricordi-Verlages, Pietor Mascagni unterrichtete ihn, Arrigo Boito förderte ihn, Giacomo Puccini schätzte ihn. Er gehörte damit zu einer Generation, die sich mit der Puccini-Nachfolge schwer tat und letztlich nicht herausfand aus einem mehr oder minder raffinierten Traditionalismus. „Giulietta e Romeo“ klingt tatsächlich wie später Puccini, also wie „Turandot“: Kraftvoll und lakonisch schlägt hier schicksalhafte Dramatik zu, die gleich mit der Eingangsdissonanz erschütternd anklingt. Fast brutal sind die Konflikte gezeichnet, und selbst die Liebesduette geraten über weite Strecken weniger lyrisch-innig als vielmehr pathetisch-bekenntnishaft. Daneben gibt es auch hier impressionistisch gezeichnetes Kolorit, das sich aber natürlich nicht aus chinesischer Exotik speist, sondern aus zarten, von Flöten, Harfe und auch mal Gitarre hingetupften Mittelalter-Anklängen an die Zeit der Handlung.

Zandonai hat da fleißig aufgesammelt, was um 1920, als er „Giulietta e Romeo“ komponierte, so am Wegesrand der Musikgeschichte zu finden war. Und er hat daraus einen klanglich raffinierten, äußerst effektvollen Soundtrack gemacht, dem man gerne zuhört, und der vielleicht sogar noch ein bisschen moderner klingen könnte, wenn man ihn nicht ganz so delikat und schwelgend interpretierte, wie das am Theater Efurt der griechische Gastdirigent Myron Michailidis tat, der im Hauptberuf das Saloniki Nationalorchester leitet und daneben viel international unterwegs ist. Er betonte in flexibler Agogik, fein ausbalanciertem Mischklang und mit viel Sinn für Atmosphäre den süffigen und damit eher traditionellen Aspekt dieser Musik und weniger das montagehaft Konstruierte von Zandonais Ekletkizsimus.

Das Prinzip Montage trifft auch den Umgang mit der Vorlage ganz gut, den das Libretto – wenig pfleglich – pflegt. Als Autor gilt Arturo Rossato, dem aber die Kollegen Giuseppe Adami und der mit Zandonai befreundete Nicola d’Atri immer mal wieder in die Suppe spuckten und sich darüber auch in die Wolle bekamen. Am Ende ist ein Text herausgekommen, der sich weit von der Shakespeare-Vorlage entfernt und vor allem dadurch auffällt, dass er gleich mehrere wichtige dramaturgische Scharniere aus der Handlung ausbaut. Was bleibt, ist eine Folge effektvoller dramatischer oder lyrischer Situationen von mehr oder minder großer Bedeutung für den Handlungsverlauf – fast entsteht Eindruck einer gezielten Dekonstruktion, die ganz bewusst auf die Omnipräsenz des Romeo-und Julia-Mythos baut und diesen auf ein auf Stationendrama reduziert, hinter dem die Vorlage nur mehr als Folie durchschimmern soll.

Damit wäre die Struktur fast interessanter als die vielerzählte Geschichte selbst, was für einen an der Postmoderne unserer Tage geschulten Regisseur ja eine interessante Vorlage sein könnte. Aber am Theater Erfurt nimmt Intendant Guy Montavon diese in seiner Inszenierung nicht auf, sondern greift zum bewährten Mittel der historischen und sozialen Travestie. Statt im spätmittelalterlichen Verona siedelt er die Geschichte um 1900 an, statt unter italienischen Adeligen spielt sie in einem Internat. Wofür zwei gute Gründe sprechen: So ein Internat der brennenden Herzen ist in der Tat ein plausibler Ort für exzessive Gruppenrivalitäten und pubertären Liebesüberschwang. Und das Zeitkolorit verweist auf die Entstehungszeit der Oper. Nur kommt dieses Kolorit leider nicht präzise zur Geltung, weder in Francesco Calcagninis Bühnenbild (eine hohe Halle mit schiefertafelschwarzen, weiß beschrifteten Wandfeldern und einer riesigen zeigerlosen Sekundenuhr inmitten) noch in Frauke Langers Kostümen (graue Allerwelts-Internatsanzüge) und schon gar nicht in Montavons stereotyper Personenführung. Dass der dritte Akt laut Übertitelungsanlage „30 Jahre später“ spielt, gibt zwar Gelegenheit, im effektvollen Sturmritt-Intermezzo per Video die Bomberflotten des Zweiten Weltkriegs über die Bühne fliegen zu lassen. Aber das hat kaum Bezug zur Handlung und wirkt deshalb aufgesetzt, ja fast wie eine Denunziation von Zandonais Eskapismus, der sich in der Zeit des heraufdämmernden Italo-Faschismus an einer alten Geschichte delektierte. Aber das ist kein Konzept, das sind Regieeinfälle, im Einzelnen auch gute. Aber sie werden nicht ausgearbeitet.

Immerhin: Es sieht schön aus und hat Atmosphäre und sorgt damit, ebenso wie das Dirigat, für ungetrübten Musikgenuss, zu dem auch die Sänger viel beitragen. Der ukrainische Tenor Eduard Martynyuk als Gast in Erfurt bringt für den Romeo ein schönes dunkles Timbre mit, das im Furor heldisch strahlt, während die zarte Liebeslyrik bei ihm etwas beengt klingt. Und die litauische Sopranistin Jamanté Slezaité, ebenfalls ein international weitgereister Gast, ist eine im Timbre herbe, eher dramatische als mädchenhafte, sehr empathische Julia. Immerhin der Tebaldo ist aus dem Ensemble besetzt, der südafrikanische Bariton Siyabulela Ntlale gibt der Partie ein ausgesprochen kultiviertes vokales Profil und der Figur die schauspielerisch stärkste Charakterisierung auf dieser Bühne. Auch der spät auftretende, aber exponierte Cantatore, dessen Lied Romeo die Nachricht von Julias vermeintlichem Ableben bringt (einer der typischen reißerischen Effekte dieser Oper), ist mit dem koreanischen Haustenor Won Whi Choi auf hohem Niveau besetzt, seine Ensemblekollegin Margrethe Fredheim aus Norwegen ist eine ansprechende, lyrisch-lebendige Isabella, Vazgen Gazaryan ein sattelfester Ausrufer.

So gab es für das Premierenpublikum jede Menge Grund zur Zufriedenheit, was seinen Ausdruck im ebenso anhaltenden wie enthusiastischen Beifall für alle Beteiligten fand.