Musiktheaterkritik

Repertoire-Erweiterung: Zwei Opern-Einakter in München

von Wolf-Dieter Peter

Maurice Ravel / Alexander Zemlinsky: L'enfant et les sortilèges / Der Zwerg

Premiere: 27.02.2011
Bayerische Staatsoper, München
Homepage: http://www.bayerische.staatsoper.de

Regie: Grzegorz Jarzyna
Musikalische Leitung: Kent Nagano

„Endlich eine Repertoire-Erweiterung“ konnte sich der Opernfreund im Vorfeld freuen. „Das Kind und der Zauberspuk – L’Enfant et les sortilèges“, Maurice Ravels musikalisch raffiniert-zarte „Lyrische Phantasie“ und Alexander Zemlinsky emotionsgeladenes „tragisches Märchen“ vom hässlich verwachsenen Zwerg, der sich noch nie gesehen hat, deshalb auch als Geburtstagsgeschenk an eine unerträglich verwöhnte Prinzessin von allen Spiegeln ferngehalten werden soll, aber als er sich doch sieht, tot zusammenbricht – beide Werke stellen reizvoll „Anderes“ als die übliche Opernkost dar.

GMD Kent Nagano wird außerdem eine tiefe interpretatorische Beziehung zu dieser Musik vom Beginn des 20.Jahrhunderts nachgesagt. Etwas davon war speziell im impressionistischen Flirren, im feinen Gespinst der Natur- und Tierstimmen von Ravels „L’Enfant“ zu hören. Doch so gut das Staatsorchester auch spielte: Schnell war auch zu hören, dass das intime Werk in ein kleineres Haus wie das Gärtnerplatztheater gehört, im Großraum des Nationaltheaters allzu zart, bald fast zerbrechlich und blutleer wirkte. Die bombastische Klangopulenz von Zemlinsky gelang dann besser, doch da minderte der leere Aufwand des Bühnengeschehens abermals die Wirkung: Kurzer Beifall ohne Buh, doch abermals eine Staatsopernpremiere, die zu keinem zweiten Besuch anregt oder gar verführt.

Wiederum war zu erleben, dass die Intendanz ein bislang eher durch spektakulär abseitige Projekte aufgefallenes Youngster-Team aus Polen gleich auf Staatsopernniveau „in die Vollen“ gehen ließ – und die Dramaturgie des Hauses abermals nicht zügelnd erkennbar wurde. Ravels widerborstiges Kind will nicht lernen, bekommt Hausarrest und tobt seine kindliche Wut an Einrichtung und Haustieren aus. Doch es muss erleben, dass Dinge wie Tiere samt zerrissener Märchenbuchprinzessin plötzlich lebendig werden, ihr Schmerz sicht- und hörbar wird. Als sich alle schließlich an dem in den Garten geflohenen Kind rächen wollen, hilft das nun seine Fehler erkennende Kind einem verwundeten Tier. Seine Wandlung wird belohnt: mit „Mama!“ stürzt es selig in die Arme der Mutter. Kindeswut, singende Möbel, tanzendes Porzellan und viele, viele Tiere – ein Bravo den Werkstätten und der Maskenbildnerei! – all das erschlug das polnische Bühnenteam um Regisseur Grzegorz Jarzyna mit einem hinzuerfundenen, alles dominierenden Film-Team, einem Bühnenbild in einem bühnenbreiten Roll-Container und einer bühnenbreiten Projektionsleinwand darüber. Darauf lief zusätzlich die gleichsam „inszenierte“ Handlung aus dem Container asynchron, dann auch mit teils anderen Blickwinkeln. Also: aktionistisches Film-Team, originale Spielhandlung, Filmbild (samt Bildstörungen, gewollt oder ungewollt?) und Übertitel – all das erschlug das feine Gespinst des Werkes.

Viel leerer Aufwand mit drei historischen Straßenkreuzer-Cabrios aus den USA und schrill-schräge Kostümopulenz für die Garten-Party des Hofstaats um die verwöhnte Prinzessin auf der Zemlinsky-Bühne – bis hin zu Reifröcken der Hofdamen mit Innenbeleuchtung! Aber niemand schien sich an dem katastrophalen Fehler zu stören, dass der Hintergrundgarten durch vier transparente Spiegelwände abgetrennt war, der „Zwerg“ also gleich bei Eintreffen sein Spiegelbild sehen konnte. Absurderweise war dann das Verstecken eines kleinen Handspiegels betulich inszeniert – und zur Abtötung der realitätsblinden Liebe des Zwergs zur Prinzessin mussten es dann gleich fünf große Rollspiegel sein, die zur Selbsterkenntnis und zum Todesschock führen. Die dramaturgisch verschwurbelte Neudeutung gipfelte darin, dass der „Zwerg“ als schlanker, figürlich fescher „Normalo“ im schwarzen Anzug über dem weißen T-Shirt auftrat. Doch eine Umdeutung zu „Sensibler Humanist scheitert in Freak-Szene“ hätte einen Meisterregisseur verlangt. Der war nicht zu erleben. Statt Theaterhandwerk gab es Arrangements.

Der Zwerg von John Daszak hatte mit der immer wieder geforderten obersten Terz der Tenorlage hörbar Mühe, so gut er artikulierte und sich um Gestaltung mühte. Die beide Werke verbindende Prinzessin von Camilla Tilling klang gut. Am besten gelang der kleinen Tara Erraught Ravels ungebärdiges Kind. Braucht es dazu einen eigenen „Casting-Direktor“? Inmitten der desaströsen Finanzsituation der übrigen Theaterszene war abermals zu erleben, wie in der finanziell gut ausgestatteten Bayerischen Staatsoper leerer Aufwand um Nebensächlichkeiten inszeniert wird, statt die Kerninhalte unbekannter Werke zum zentralen, sinnlich-emotionalen Erlebnis zu machen.