Leider nur ein Drahtesel statt eines stattlichen Rosses: Ricardo Frenzel Baudisch und Judith Peres in einer Szene der Gießener "Im Weißen Rößl"-Inszenierung.

Leider nur ein Drahtesel statt eines stattlichen Rosses: Ricardo Frenzel Baudisch und Judith Peres in einer Szene der Gießener "Im Weißen Rößl"-Inszenierung.

© Foto: Rolf K. Wegst
Musiktheaterkritik

Galoppierende Gags

von Wilhelm Roth

Ralph Benatzky: Im weißen Rößl

Premiere: 31.10.2015
Stadttheater Gießen
Homepage: http://www.stadttheater-giessen.de

Regie: Thomas Goritzki
Musikalische Leitung: Florian Ziemen

Das Stadttheater Gießen hat wieder einmal eine Rarität im Spielplan, die Operette „Im weißen Rößl“ von Ralph Benatzky, uraufgeführt 1930. – Eine Rarität?? Ja! Denn Gießen verwendet die Originalpartitur, die erst vor einigen Jahren in Zagreb gefunden wurde, und nicht eine der vielen Bearbeitungen. Es gibt ja längst auch eine „historische Aufführungspraxis“ für die Operette. Das leichte Musiktheater der Weimarer Republik war, zumindest in Berlin, viel frecher und moderner als die Operette der bundesdeutschen fünfziger Jahre. Zu den Pionieren der Operetten-Wiederbelebung heute gehört Florian Ziemen, stellvetretender GMD in Gießen. Er hat schon an mehreren Bühnen, auch an der Komischen Oper in Berlin, Operetten in ihrer originalen Gestalt zu neuem Leben verholfen. Sein temperamentvolles Dirigat der „Rößl“-Partitur, die stark von Jazzelementen durchsetzt ist, hat der Gießener Aufführung ihren Drive gegeben.

Die perfekte Machart der Operette und die einfallsreiche Inszenierung von Thomas Goritzki verbinden sich zu einem höchst unterhaltsamen Theaterabend. Erstaunlich die szenisch-musikalische Geschlossenheit des Stücks, das ja nicht die Handschrift nur eines Autors/Komponisten trägt, auch wenn Ralph Benatzky genannt wird. Am Herstellungsprozess waren mehrere Personen beteiligt, drei am Libretto, vier Komponisten steuerten Texte und Lieder bei. Hauptverantwortlich war neben Benatzky auch Erik Charell, Intendant des Großen Schauspielhauses in Berlin, Auftraggeber des Werks und Regisseur der Uraufführung am 8. November 1930. Die vielen Köche verdarben in diesem Fall aber nicht den Brei, einige von ihnen stritten allerdings später um die Tantiemen.

Die Geschichte spielt an einem touristischen Sehnsuchtsort, Sankt Wolfgang im Salzkammergut. Die meisten Urlauber kommen aus Berlin, der immer grantige Geschäftsmann Giesecke und der elegante Rechtsanwalt Siedler. Eine auffallende Erscheinung ist der Fabrikantensohn Sigismund (Pascal Thomas), dem der bekannteste Hit gewidmet ist („Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist“). Ihm gefallen auch Männer, aber er landet schließlich doch im Hafen der Ehe. Bei den Einheimischen dominieren die Rößl-Wirtin Josepha (Judith Peres) und ihr Zahlkellner Leopold (Tomi Wendt), die lange brauchen, bis sie nach Missverständnissen und Streit endlich erkennen und bekennen, dass sie einander lieben. Das dritte Paar, das sich zum glücklichen Finale findet, ist die Tochter von Gieseke, die den Rechtsanwalt Siedler nimmt, einen Prozessgegner ihres Vaters, der deshalb zunächst gar nicht entzückt ist. Die Frauen sind emanzipiert oder sie werden es, der wohl bisexuelle Sigismund wird ein wenig karikiert, er nimmt sich selber auf die Schippe, aber nicht diffamniert. Solche Handlungselemente führten wohl dazu, dass die Operette, jedenfalls in dieser Form, im „Dritten Reich“ nicht gespielt wurde. Zudem waren mehrere der Autoren und Komponisten Juden.

Diese drei Liebesgeschichten allein sind nicht abendfüllend, sie sind letztlich vorhersehbar. Es ist die Machart, die das Publikum begeistert. Die Aufführung ist ein einziger Wirbel, alles ist in Bewegung, es wird getanzt, alles dreht sich, auch das Bühnenbild (Heiko Mönnich) mit einem an kubistische Architektur erinnernden Hotel "Zum Weißen Rößl". Es gibt Sprachwitze, auch Kalauer, und schöne surreale Gags, wenn bei einem Duett im Stall Kuhfladen vom Himmel fallen. Wenn doch einmal Sentimentalität droht, beim Auftritt des alten österreichischen Kaisers Franz Joseph, ist die rettende Ironie nicht fern. Und immer wieder Slapstick: beim Besteigen eines Berges, der nur aus einer großen Leiter besteht, oder beim Liebesgeturtel zwischen Sigismund und seiner schüchterne Zukünftigen im Familienbad, vor und in einer Umkleidekabine, die schließlich in der Erde verschwindet. So könnte man fortfahren, aber viele Szenen sind so raffiniert gebaut, dass sie durch eine umständliche Beschreibungnur ihren Witz verlören.