Truffaldino (Daniel Kluge), Die Köchin (Matthew Anchel) und der Prinz (Elmar Gilbertsson)

Truffaldino (Daniel Kluge), Die Köchin (Matthew Anchel) und der Prinz (Elmar Gilbertsson)

© Foto: Matthias Baus
Musiktheaterkritik

Orange Desert

von Klaus Kalchschmid

Sergej Prokofjew: Die Liebe zu drei Orangen

Premiere: 02.12.2018
Staatsoper Stuttgart
Homepage: https://www.oper-stuttgart.de

Regie: Axel Ranisch
Musikalische Leitung: Alejo Pérez

Einen ganzen Abend lang überblendete Axel Ranisch Sergej Prokofjews „Liebe zu drei Orangen“ (der Artikel fehlt, um den Silben des Russischen zu entsprechen) über einen Königssohn, der vom „hypochondritischen Schleim“, sprich seiner Melancholie, die ihm das Lachen vergällt hat, geheilt werden soll, mit der Optik eines historischen, freilich fiktiven Videospiels aus den frühen 1990er Jahren. Der Regisseur nennt es in Anspielung auf die Handlung der Oper, die weite Teile in der Wüste spielt, „Orange Desert III“ und zieht die extravagante Situationskomik in jeder Szene immer noch eine kleine Drehung der Schraube weiter an oder liefert herrlich verrückte Begründungen für das schon im Original märchenhaft versponnene Geschehen.

Am Ende läuft das Ganze zum großen Finale auf: Der kleine Lockenkopf Serjoscha, wie der Kosename für Sergej lautet (Ben Knotz), den man immer wieder per Video vor dem PC sitzen sah, ist plötzlich durch Intervention der bösen Fee Fata Morgana (Carole Wilson) zwischen die Fronten seines eigenen Spiels geraten und versucht nun – mit Hilfe seines Vaters am Joystick – nicht nur sich, sondern auch das Leben seiner Protagonisten zu retten. Da wirbeln plötzlich alle wie ferngesteuert über die Bühne und das Chaos ist perfekt. Der Abend bekommt so eine schöne Brisanz, denn Ranisch traut auch dem Happy Ending nicht so recht: Warum erklärt der Prinz ausgerechnet Nanetta, dem dritten Mädchen, das aus einer Orange, hier einem Flugobjekt, entsprungen ist, und beinahe in der Wüste verdursten muss, die große Liebe? Dabei wurde sie doch vom Zauberer Celio (mit langer, weißer Haarpracht wie aus „Herr der Ringe“ entsprungen: Michael Ebbecke) mit Geld prostituiert und gebiert am Ende – eine Orange!

Bühnenbildnerin Saskia Wunsch hat auf die Bühne eine Art gestrandeter Dampfer mit Schornstein (und Rutsche!) gebaut, in dessen Schiffs-Bauch man gelegentlich sehen kann, und Till Nowak schuf dazu eine gleichermaßen entzückend altmodisch verpixelte Computeranimation. So gelingt es fulminant, die verschiedenen Ebenen von Theater- und Videospiel, Tragödie und Komödie, Ernst und Spaß virtuos zu verschränken, wozu auch die knatschbunten, originell ausgeflippten Kostüme von Bettina Werner und Claudia Irro einen entscheidenden Beitrag leisten. Weil (Film-)Regisseur Ranisch aber auch witzig und fantasievoll (Personen-)Regie führen kann, sieht vieles nach Commedia dell’arte des 21. Jahrhunderts aus, wird der König (sonor bassstimmig sich Gehör verschaffend: Goran Juric) gleich zu Beginn wie ein Märchen-Herrscher eingekleidet, sieht Leander, der Premierminister (herrlich fies: Shigeo Ishino), aus, als wäre er einer Science-Fiction-Serie entsprungen, scheint Pantalone (Johannes Kammler) in einen Topf mit oranger Farbe gefallen zu sein. Die drei entzückend singenden Prinzessinen (Aytaj Shikhalizade, Fiorella Hincapié, Esther Dierkes) tragen Haarpracht wie im alten Ägypten, Matthew Anchel ist mit warmem Bass als so gar nicht bedrohliche Köchin ein zart tuntiges Prackl, während ein dünner Schlacks von Zeremonienmeister (der blutjunge Tenor Christopher Sokolowski) aus einer Charles-Dickens-Verfilmung stammen könnte. Das perfekte Komödien-Paar geben freilich zwei weitere Tenöre ab: Elmar Gilbertsson als tüteliger Prinz, der großartig spielt, er wäre eine Mischung aus Mensch und Marionette, und Daniel Kluge als sein ängstlicher Diener Truffaldino.

Aber was wäre eine „Liebe zu drei Orangen“ ohne das sich permanent vorlaut und prägnant einmischende oder antreibende Orchester, das anfangs gegenüber der Komödien-Handlung wie ein aggressives Gegengift wirkt, im zweiten Teil aber immer mehr mit dem absurden Geschehen sich vermischt und jeder szenischen Volte noch eine instrumentale aufsetzt. Unter Alejo Pérez hat das Staatsorchester Stuttgart hörbar Spaß am temporeichen, nie zur Ruhe kommenden Geschehen, ist – wie der Staatsopernchor Stuttgart – mit Feuereifer bei der Sache und mischt höchst lebendig in jedem Moment der Oper mit, als säßen die Musiker auf der Bühne zwischen den Darstellern.