Gruppenbild mit Affe vor tanzendem Hirn (Andreas Beck, ChorWerk Ruhr, v.)

Gruppenbild mit Affe vor tanzendem Hirn (Andreas Beck, ChorWerk Ruhr, v.)

© Foto: Thomas Jauk, Stage Picture
Musiktheaterkritik

Charmante Antithese

von Andreas Falentin

Philip Glass: Einstein on the Beach

Premiere: 23.04.2017
Oper Dortmund
Homepage: https://www.theaterdo.de

Regie: Kay Voges
Musikalische Leitung: Florian Helgath

Nach gut dreieinhalb Stunden rast das Dortmunder Publikum vor Freude, als habe es etwas geschenkt bekommen. Dabei muss es bei diesem besonderen Stück, zumal in dieser Aufführung, auf gleich mehreren Ebenen in Vorleistung gehen; es feiert also – auch und mit Recht – sich selbst. „Der musikalische Fluss des Stückes kann nicht unterbrochen werden“, heißt es im Programmheft und auf der Übertitelungsanlage. Jeder solle dann Pause machen, wenn er das Bedürfnis dazu habe. Ein bemerkenswertes Modell, das in Dortmund ad hoc unfallfrei funktioniert. Geschätzt ein Drittel des Publikums nimmt sein „Recht auf Pause“ nicht einmal in Anspruch. Was schon viel über den ungewöhnlichen Charakter und die außergewöhnliche Qualität der Aufführung sagt.

Philip Glass‘ 1976 uraufgeführte Oper, seine erste und die einzige, die nicht als Auftragsarbeit entstand, ist nach wie vor ein selten gespieltes Stück. Achim Freyer lud es 1984 in Stuttgart aufsehenerregend mit seiner individuellen Bildersprache auf. Ansonsten kennt man „Einstein on the Beach“ hauptsächlich von der Uraufführungsinszenierung, die Glass, der Regisseur Robert Wilson und die Choreographin Lucinda Childs alle Jubeljahre irgendwo wieder einstudieren, zuletzt 2011 in Paris und dann damit stets auf Tournee gehen, unter anderem 2014 nach Berlin.  Diese Aufführung war vor 40 Jahren ein fast revolutionäres ästhetisches Statement. Auf der Suche nach einer Alternative zur europäischen Musiktheaterkultur, zur seriellen Musik, spät- und nachromantischen Strömungen aber auch zu einem sich entwickelnden Regietheater, schrieben Glass und Wilson ein Stück, das ohne Handlung, gar ohne sinnvollen Inhalt auskommt, und ließen in ihrer ganz aufs Abstrakte ausgerichteten und choreographierten, von wenigen, großen, klinisch klar präsentierten Bildideen überwölbten Inszenierung kaum Gedanken an Inhalte zu.

Kay Voges versucht sich jetzt in Dortmund an einer charmanten Antithese. Die Bilder dazu gewinnt er mit dem exzeptionellen Lichtdesigner Stefan Schmidt und den Konzeptkünstlern Lars Ullrich und Mario Simon aus der Entstehungszeit, also den 70erJahren, sowie aus den Akttiteln („Train“, „Night Train“, „Spaceship“) und den mit der Titelfigur Albert Einstein verbundenen Assoziationen: Europa – Amerika, Relativität, Kernspaltung, Science Fiction. Pia Maria Mackert setzt die zehn handverlesenen Orchestersolisten auf ein fahrbares Podest auf der Bühne vor eine Leinwand, die sich in eine Hochbühne verwandeln kann. Dazu gibt es blockartige Perlenschnurvorhänge - sowas von 70er! -, die immer wieder vor das Orchester gezogen werden, sich drehen können, die Videoprojektionen fragmentieren und dem wahrlich überwältigendem Lichtdesign ungeahnte Möglichkeiten schaffen. Die Kostüme von Mona Ulrich setzen deutlich auf der Popkultur auf, zitieren Comics, B-Movies und Fernsehserien, sind aber nicht immer klar zuzuordnen. Andreas Beck etwa kommt im Primatenkostüm daher, zunächst im Anzug, später ‚nackt‘. Je nach kultureller Sozialisation denkt der Zuschauer an den „Planeten der Affen“, an ein Biest ohne Schöne oder an Kafkas „Bericht an eine Akademie“.

Dazu bedient das Kostüm jedoch auch eine dramaturgische Funktion. Beck verkörpert in gewisser Weise das alte, aus amerikanischer Sicht prähistorische Europa. Voges hat ihm Luckys Text aus „Warten auf Godot“ mitgegeben und Psychatrisches aus den 60erJahren. Auch in Europens Hochkultur stiftet nicht alles Sinn, scheint er uns sagen zu wollen – und unterläuft so elegant sowohl die Gerichtsbilder als auch die für Tanz vorgesehenen Passagen des Werks. Beck verbreitet sich sonor und im Hintergrund ereignen sich Monsterbilder. Ein Riesen-Gehirn tanzt auf der Stelle. Oder zwei Frauen ohne Haare lassen ihre weiten Gewänder in immer neuen Posen im Wind flattern und werden dabei in verschiedene Farben getaucht.

Es sind diese beiden Frauen, die Schauspielerinnen Eva Verena Müller und Bettina Lieder, die dem Abend von Anfang an die Richtung geben. Sie bemühen sich nicht um ausdrucksfreies Sprechen. Besonders Bettina Lieder probiert lustvoll Subtexte aus, die sie den vielen etliche Male zu wiederholen Passagen fast augenzwinkernd unterlegt. Dabei bleiben beide stets im Takt, in der Musik, greifen das Geflecht der Repetitionen nie an. Nach ihrem ersten Auftritt entledigen sie sich einer Zwangsjacke, ein durchaus symbolisches Bild. Dazu kommen die Sängerinnen Hasti Molavian und Ileana Matescu, kommen die umwerfenden Sänger vom ChorWerk Ruhr. Die tragen unsichtbare LED-Ketten an sich, die rhythmisch aufleuchten und das repetitive Prinzip verdeutlichen, widerspiegeln, gar verdoppeln, um seine Dominanz festzuschreiben und es nicht unter die Räder der Flut der sinnlichen Eindrücke geraten zu lassen. Mehrfach wechseln sie die Kostüme, werden immer abgedrehter ausstaffiert, zuletzt als eine Mischung aus Ben Gunn, dem Schiffbrüchigen von der „Schatzinsel“, und Plumperquatsch, dem Fernseh-Wassermann der 70er, scheinbar getaucht in pinke und blaue Lebensmittelfarbe. In dieser Inkarnation staksen die Choristen dann auch Konwitschny-like durchs Publikum, was genauso wenig nötig ist wie die irrwitzigen Begriffs- und Formelkaskaden auf der Übertitelungsanlage. Beides riecht nach verschämt sinnstiftender oder Unsinn behauptender Überdistanzierung und erweist sich als kontraproduktiv.

Das sind allerdings nur kleine Einwände gegen einen großen Abend, ein Fest der Sinne, von den 70ern inspiriert und ganz fest im Heute verankert, von Florian Helgath mit großer Selbstverständlichkeit musikalisch gestaltet und von einem kleinen Heer grandioser Theatertechniker in Einstein-Maske aus dem Orchestergraben heraus klanglich aufbereitet. Ein wie ein perfekt gebauter, nicht süchtig machender, aber ungeheuer gut wirkender Drogenrausch konstruiertes, durch etliche kulturelle Schichten tauchendes Happening, das mit einem wundervollen Ruhepunkt ausklingt. Andreas Beck nimmt seine Affenmaske ab und erzählt, im übersetzten Originaltext, sanft und sonor eine klitzekleine Liebesgeschichte. Einstein spielt in Gestalt des wunderbaren Önder Baloglu Geige, und die vielen, vielen bunten Lichter, Bilder und Klänge löschen langsam aus.