Musiktheaterkritik

Hölderlin verpisst sich

von Tobias Gerosa

Peter Ruzicka: Hölderlin - Eine Expedition

Premiere: 30.05.2015
Theater Basel
Homepage: http://www.theater-basel.ch

Regie: Vera Nemirova
Musikalische Leitung: Peter Ruzicka

Ein seltsamer Abend: George Delnon beendet seine Basler Intendanz mit Peter Ruzickas „Hölderlin“ mutig. Aber das Opernglück, das er am Anfang seiner Direktion hatte, kehrt nicht zurück. Die letzte Premiere lässt das Publikum ratlos zurück.

Von Rap-CDs und Filmen kennt man Warnaufkleber. Mit einer Livetheaterversion davon beginnt dieser Musiktheaterabend. Ein Regisseur (Christian Heller) stolpert durchs Publikum zum Regiepult in den ersten Parkettreihen und erzählt, in sein Handy natürlich, wie er sich in die Musik habe einhören müssen, wie er mit dem Text kämpfe – die Warnung ist ausgesprochen. Schon stöckelt Frau K. dazu, mit tollen Ideen, wieviel Bruttowohnfläche aus den zigtausend Kubikmetern des Theaters zu zaubern sei. In ihrem Schlepptau schon die Abbruch- und Bauarbeiter. Aber da sind doch noch die 13 Sänger F1 bis F6 und M1 bis M7, die auf ihre Probe warten? Sie warten eben. Der Regisseur spricht seine Regieanweisung, das Sinfonieorchester Basel setzt ein, als würde es zu einem Film spielen: Stimmungsmittel und Begleitung.

Denn die Inszenierung von Vera Nemirova („Konzept und Regie“ heißt’s im Programm) zieht sehr viel Aufmerksamkeit auf sich. Sie hat dem Stück, das 2008 in Berlin unter unguten Voraussetzungen eines Zerwürfnisses zwischen dem Komponisten und Dirigenten einer- und des Librettisten und Regisseurs andererseits uraufgeführt wurde, eine neue Rahmenhandlung unterlegt. Und das notabene mit dem Komponisten am Dirigentenpult. Sie nutzt die Theater-auf-dem-Theater-Situation, um dem stückwerk- und fragmenthaften Text Peter Mussbachs einen konkreten Rahmen zu geben. Denn es geht in vier nahtlos aneinandergehängten Akten um alles hier, um eine Utopie nach einer ganz grossen Katastrophe, um die menschlichen Ur-Fragen, um die Möglichkeit, das Leben nochmals anfangen zu können.

Die Katastrophe ist hier die Theaterschließung zugunsten einer weiteren Ladenpassage, die Handlung der Kampf dagegen und die Ratlosigkeit, dass das nicht gelingt und was darauf folgt. Das bietet reichliche Spielangebote. Man gibt Wagner für die Investorenversammlung, demonstriert mit „je suis Hölderlin“-Transparenten und spielt der Unterhaltungsgesellschaft, die lieber Boulevardnachrichten reinzieht, die Theatergeschichte um die Ohren. Es funktioniert. Zum wilden Blutgeschmiere und der mehrfachen Vergewaltigung verlassen einige reale Zuschauer das Theater.

Auch der Trick mit dem Regisseur außerhalb der Bühne funktioniert soweit. Er spricht Regieanweisungen und viele der Hölderlin-Texte, so viel Monodram war selten in der Oper. Warum die Immobilienexpertin (Claudia Jahn) irgendwann auch in diesen Ton verfällt, bleibt allerdings rätselhaft wie auch viel des Geschehens auf der Bühne. Irgendwann wird das Theater gesprengt. Dahinter taucht der bis dahin unsichtbare Chor in Togen auf, die Sänger kostümieren sich als olympische Götter (Bühne und Kostüme, ein aufwändiger Mix: Heike Scheele) Goldblitz und Dreizack statt Straßenslang. Schließlich hat der Schluss auch noch eine grosse Gesangspartie zu bieten: Empedokles, dessen Chance, musikalisch hervorzutreten, Thomas C. Bauer mit seinem metallisch-hellen Bariton prägnant nutzt und in den Ätna springt. Der rote Vorhang wird ihm gleich nachgeworfen, das Theater in effigie entsorgt.

Ob der Verstückelung und textlichen Verrätselung des Stücks und der Regiepranke tritt die Musik über die ganze Aufführung weit zurück, „Musiktheater“  meint hier nicht gleichberechtigte Teile. Ruzickas Musik legt einen Boden (oft mit lange liegenden Tönen) und scheint die Ausbrüche auf der Bühne zu begleiten. Praktisch doppelt die Regie, was die Musik etwa auch mit Zitaten aus der Musikgeschichte vorgibt, aber die Wirkung ist die Umgekehrte. So entsteht das Paradox einer gleichzeitig über- wie unterkomplexen szenischen Umsetzung, die am Schluss mit einem Kinder- und Großmutterauftritt auch noch in Kitschverdacht gerät. Die Musik (auch am Schluss: Eine lange, einfache Unisono-Melodie der Streicher) kommt dagegen nicht an.

Ruzicka bezeichnet das Stück im Untertitel als „Expedition“. Wohin führt sie? Nemirova macht viele Angebote. Die Musik läuft irgendwie nebenher. Ein seltsamer Abend.