Szene aus "Deutsches Miserere" von Paul Dessau an der Oper Leipzig

Szene aus "Deutsches Miserere" von Paul Dessau an der Oper Leipzig

© Foto: Andreas Birkigt
Musiktheaterkritik

Platte Illustration eines Oratoriums

von Joachim Lange

Paul Dessau: Deutsches Miserere

Premiere: 11.02.2011
Oper Leipzig
Homepage: http://www.oper-leipzig.de

Regie: Dietrich Hilsdorf
Musikalische Leitung: Alejo Pérez

Dieses (selbst-) anklagende Oratorium, das im amerikanischen Exil zwischen 1943 und 47 entstand, war für Deutschland gedacht. Aber dort war es nach dem Krieg nicht willkommen. Im Westen, weil man sich von den beiden linken Emigranten Brecht und Dessau nicht die eigene Schuld vorhalten lassen wollte. Aber auch im Osten scheiterte Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny 1951 mit einem Uraufführungsplan, weil die beiden in die Schusslinie der Formalismusdebatte geraten waren. Selbst konzertant erklang es in der DDR erst 1966, im Westen gar erst 1989. Dietrich Hilsdorf hat jetzt die szenische Erstaufführung nachgereicht. Die musikalische Seite war beim Gewandhausorchester unter Alejo Pérez, dem exzellenten Chor und den Solisten in den besten Händen. Man spürte, was Brecht (an politischer Lyrik und den fragmentarischen Texten der Kriegsfibel) und Dessau (mit seiner an Filmmusikerfahrung und engagierter Moderne geschulten Komposition) an Wut, Scham, Verzweiflung und Entschlossenheit zum Andersmachen hier ausdrücken wollten.

Hilsdorf setzt auf eine historisierende Atmosphäre und ein erstaunlich plattes Illustrieren. Mit einem stummen Aufmarsch des Chores über einen Steg, in Dieter Richters Bühnenraum zwischen Bunker und Werkhalle. Mit der Personifizierung von Brechts bleicher Mutter Deutschland. Mit rollenden Eisenwagen, aufmarschierenden Kindersoldaten, einem Soldatensarg, der chronologisch mit allen deutschen Fahnen bedeckt wird, einem leichenfleddernden Schäferhund und mit Folter- und Erschießungsszenen. Auch mit grotesker Zuspitzung, wie bei Göring und Goebbels, und (halbherzigen) Verfremdungsversuchen durch ein flackerndes, Revue- Bühnenportal oder eine die Kinder(soldaten) fotografierende Oma. Der szenische Brückenschlag in die Gegenwart freilich wird zu einem intellektuellen und ästhetischen Kurzschluss. Da wird Afghanistan zum Kreuzzug der Germanen, da ist die Mutter jetzt eine vollverschleierte Frau, die ihr getötetes Kind hereinfährt und da taucht hinten das deutsche Bundeskabinett für eine routinierte Kranzniederlegung auf. Mit einem Schäuble-Darsteller, dessen Rollstuhl an den Schienen scheitert, als geschmacklos zynischer Lachnummer.