Nicolai Karnoslky, David Yim, Chor des Staatstheater Nürnberg

Nicolai Karnoslky, David Yim, Chor des Staatstheater Nürnberg

© Foto: Ludwig Olah
Musiktheaterkritik

Untergang an der Hüpfburg

von Dieter Stoll

Modest Mussorgski: Boris Godunow

Premiere: 01.10.2016
Staatstheater Nürnberg
Homepage: http://www.staatstheater-nuernberg.de

Regie: Peter Konwitschny
Musikalische Leitung: Marcus Bosch

Um das vorweg klarzustellen: Solch einen „Boris Godunow“ hat die Opernwelt wohl nie gesehen und dürfte ihn allenfalls noch in Lübeck und Göteborg, den Nürnberger Koproduktionspartnern, erleben. Erst wird der oberste Dämon des russischen Musiktheaters per Kasperlbühne zum Zaren ausgerufen, dann spielen seine Kinder Volksarmee mit Miniatur-Panzern,  ein „Blödsinniger“ (in poetischeren Zeiten nannte ihn der Programmzettel „Gottesnarr“) beschimpft den Herrscher als Kindsmörder und wird vom Bodyguard niedergeknallt, schließlich verkündet Boris die Abdankung an einer riesigen Hüpfburg und nimmt seinen Resturlaub. Das Gummi-Bauwerk lässt sogleich solidarisch die Luft ab  und bleibt dem staunenden Volk als leere Hülle der Macht überlassen. Na gut, wenn Peter Konwitschny mit wahlweise listigen oder lustigen Gedanken ein klassisches Werk durchwühlt, ist das dann doch alles noch sehr viel komplexer.

In Nürnberg, wo das Aufwühlen der russischen Seele bei der letzten Produktion von „Boris Godunow“ vor etlichen Jahrzehnten noch dreieinhalb elegische Stunden dauerte, wird die inzwischen weithin durchgesetzte Urfassung von 1869 gespielt. Darin geht Modest Mussorgski in schlanken 120 Minuten schnell zur Sache, lässt spröde kommentierende Klänge ohne säuselnde Umschreibung an der Standfestigkeit der singenden Figuren rütteln und stellt sein (sonst oft, in Nürnberg nicht) als „musikalisches Volksdrama“ etikettiertes Werk mit allen Brüchen in die Stürme der Weltgeschichte. Dass man sein Diktum von der „Entdeckung des Vergangenen im Gegenwärtigen“ auch umkehren kann, ist das unausgesprochene Konzept von Peter Konwitschny. Er entdeckt Gegenwart, wohin er auch blickt. Die Inszenierung setzt bei Perestroika an, zeigt „das Volk“ ikonenfrei im kombinierten Wodka- und Konsumrausch, schiebt Puschkin beiseite und holt sich Gogols „Nase“ samt Schostakowitschs Witterung für die Spurensicherung.

Im ersten Bild, dem gelenkten Wahlkampf, müssen die Massen von laufenden Endlos-Spruchbändern ihre Begeisterung für den Führer ablesen. Weil sie nicht doof sind, durchschauen sie das Spiel und die Szene zeigt, was sie von diesem Staatstheater halten: Auf Kaspers Stammsitz tritt die gesamte Obrigkeit aus Polizei und Politik auf ihre wahre Bedeutung geschrumpft in doppelter Ausführung an, jeder Sänger-Oberkörper hat seine eigene Klappmaul-Figur über die Hand gestülpt und hält sie vor die Stimme. Die Macht ist bloß ein aufgedonnerter Gnom. Den Menschen ist das egal, sie erfreuen sich open-air an Schnaps und anderen geistigen Werten, bejubeln ein Rockkonzert auf der Puppenbühne und staunen, wenn das offenbar mit Hausrecht zuschnappende Krokodil die Stars verschlingt. Schönes Gaga-Bild, muss man gelegentlich nochmal drüber nachdenken. Aus den Event-Trümmern erheben sich die weiteren Szenen, die Timo Dentler und Okarina Peter mit blühendem Sinn für Kontrastwirkung bauten. Bettelmönche werden zu Partisanen, die Wirtin schenkt Wein im Tetra Pak aus, die Dorfpolizei hat Gartenzwerg-Format und geht deshalb auf Knien.

Dann empfiehlt sich der Griff nach der Abonnenten-Sonnenbrille, denn im Zaren-Haushalt gleißt pures Gold in Solariums-Leuchtkraft von den Wänden. Papa Boris, alleinerziehend, hat für die Familienidylle mit Kindern etwas Hermelin über die Underwear geworfen und gerät in Existenzangst. Derweil tritt das Volk auf wie in einem etwas später entstandenen Kunstwerk die Ex-Gespielin von Goldfinger im letzten Lebensabschnitt, alles hochkarätig von Kopf bis Fuß. Aber sie überleben, treffen sich nach der Messe mit Shopping-Tüten (aha, verkaufsoffener Sonntag) an der Hüpfburg und blicken nicht mehr durch. Bojaren mit Laptop beschleunigen die Krise, der Zar legt die Krone weg und genießt die Rente. Vielleicht träumt er auch nur davon.

Konwitschny hat Mussorgsky entkernt und die Satire im Melodrama freigelegt. Das ist effektvoll, auf schräge Art unterhaltsam, aber eine drastische Verkleinerung des Originals. Zumal der Regisseur der Ausdruckskraft der Musik nicht traut und durch Maschinengewehr-Knattern ergänzt („verdammte Wichser“ steht im Übertitel) und pointiertere  Dissonanzen aus dem Orchestergraben mit kollektiven Migräne-Anfällen auf der Bühne illustriert. Es ist nicht die subtilste unter seinen vielen bemerkenswerten Arbeiten – und sie lässt auch Dirigent Marcus Bosch kaum Raum zur Entfaltung. Der ferne Klang einer eigenwilligen Mixtur aus Kopf und Seele kann trotz vieler Feinheiten im Detail den Durchbruch zur Magie kaum schaffen, wenn hinter jedem Blick die Fratze lauert. In diesem Rahmen leisten die Staatsphilharmonie und der große Chor tadellose Arbeit.

Der jung besetzte Nicolai Karnolsky in der Titelrolle ist nicht als röhrende Bass-Gewalt gefragt, er spielt und singt passgenau für die Inszenierung das Phantom der Macht in hochrespektabler Anmaßung. Im großen Ensemble keine großen Entdeckungen, aber kollektive Solidität mit Alexey Birkus, Tilmann Unger und Solgerd Isalv vornedran. Das Premierenpublikum war für die größte Überraschung des Abends gut: Der Beifall für den beispiellosen Boris wurde von keinerlei Widerspruch gestört. Regisseur und Dirigent waren davon offenbar auch überrascht, Konwitschny und Bosch klopften sich beim Verbeugen gegenseitig auf die Schulter.