Ensembleszene

Ensembleszene

© Foto: Salzburger Festspiele / Ruth Walz
Musiktheaterkritik

Aus der Mottenkiste

von Georg Rudiger

Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte

Premiere: 29.07.2016
Salzburger Festspiele
Homepage: http://www.salzburgerfestspiele.at

Regie: Sven-Eric Bechtolf
Musikalische Leitung: Ottavio Dantone

Vor dem Spiel ist nach dem Spiel, dachte sich wohl Sven-Eric Bechtolf, als er seine olle „Così fan tutte“ von 2013 aus dem Keller holte. Zun Abschied als Interimsintendant der Salzburger Festspiele präsentiert er seinen in den letzten Jahren entstandenen, wenig glorreichen Da-Ponte-Zyklus in Gänze. Der „Così“ wollte er nochmals eine zweite Chance geben. Bis auf Martina Janková als Despina wurden alle Partien neu besetzt. Statt der Wiener Philharmoniker sitzt nun das Mozarteumorchester Salzburg unter der Leitung von Ottavio Dantone (statt Christoph Eschenbach 2013) im Graben. Auch szenisch wurde die Produktion völlig überarbeitet (Kostüme: Mark Bouman) und vom kleinen Haus für Mozart in die Felsenreitschule gehievt. Dass der Regisseur damit nicht nur das Kammerspiel auf der riesigen Bühne opfert, sondern auch insgesamt szenisch vom Regen in die Traufe kommt, überrascht in all seiner Einfältigkeit dann doch.

Statt des Designer-Gewächshauses von Rolf Glittenberg hat Bechtolf selbst die Felsenreitschule mit Kerzen, antiken Stühlen und ein paar gemalten Landschaftspanoramen wie für einen Museumserlebnistag dekoriert. Auch die Kostüme sind historisch, und zwei alte Kutschen wurden in die Ecke gekarrt. Die als Albaner verkleideten Ferrando und Guglielmo tragen natürlich Pluderhose, Schnurrbart und Turban. Mozart in Originalkostümen – das ist doch mal ein echt innovativer Ansatz für das wichtigste Opernfestival der Welt. Was den Abend dann aber wirklich szenisch unerträglich macht, sind die ausgebreiteten Opernklischees in Sachen Mimik und Gestik sowie das Frauenbild, das hinter Bechtolfs Inszenierung steht. Mozart erzählt von Vertrauensverlust, emotionaler Erschütterung und weiblichem Selbstbewusstsein. Bechtolf hingegen zeigt Fiordiligi und Dorabella als naive Dummchen, die sich gerne im Stuhl grämen oder auch gleich in Ohnmacht fallen. Ferrando und Guglielmo rollen mit den Augen und klamauken sich durch den altbackenen Abend. Oper aus der Mottenkiste.

Musikalisch hat sich der Relaunch schon eher gelohnt. Das Mozarteumorchester zeigt unter der Leitung von Ottavio Dantone die Zwischentöne der Partitur auf. Die Phrasierungen sind sprechend, die Bläsersoli edel, vielleicht eine Spur zu dominant im Verhältnis zum Gesamtklang. Auch fehlt das letzte Feuer beim Musizieren, was auch an den häufig gemächlichen Tempi liegt. Aber die Salzburger verfügen über eine hohe Klangkultur und modellieren die Details. Auch die Neubesetzung hat der Produktion gut getan. Michael Volle ist als kraftvoller, aber immer geschmeidig bleibender Don Alfonso Herr des Geschehens. Dass sich der begnadete Sängerdarsteller szenisch zum Affen machen muss, schmerzt dann aber doch. Mit dem ebenmäßigen, warmen Mezzo von Angela Brower und dem auch in der Tiefe tragfähigen, kraftvollen, nie forcierten Sopran von Julia Kleiter sind die Partien von Dorabella und Fiordiligi ausgezeichnet besetzt. Mauro Peters Ferrando hat viel Licht und gegen Ende auch ein wenig Schatten. Alessio Arduini ist ein eher dezenter Guglielmo mit Luft nach oben. Und Martina Janková bringt als Despina auch szenisch zumindest ein bisschen Leben in die Bude. Die großen Ensembles werden zu musikalischen Höhepunkten, da sich hier die Stimmen auch mit dem Orchester ausgezeichnet mischen.

Den Schluss der Oper versucht Bechtolf noch zu dramatisieren, wenn zum vermeintlichen Happy End die Protagonisten in alle Richtungen von der Bühne rennen. Aber das nimmt man ihm nach dieser biederen „Così fan tutte“ einfach nicht mehr ab.