Jens Ostendorf als Zeno und der grandios mitspielende Dirigent Titus Engel

Jens Ostendorf als Zeno und der grandios mitspielende Dirigent Titus Engel

© Foto: Hans Jörg Michel
Musiktheaterkritik

Weine nicht, tingle

von Detlef Brandenburg

Michael Wertmüller: Weine nicht, singe

Premiere: 20.09.2015 (Uraufführung)
Hamburgische Staatsoper
Homepage: http://www.staatsoper-hamburg.de

Regie: Jette Steckel
Musikalische Leitung: Titus Engel
Autor der Vorlage: Dea Loher

„Weine nicht, singe“. Tja, wenn das immer so leicht wäre. Und was ist das auch für eine seltsame Parole angesichts der Themen, die Michael Wertmüllers neues Musiktheater nach einem Text von Dea Loher – uraufgeführt quasi als Satyrspiel der neuen Musik in der opera stabile nach der großen Trojaner-Tragödie im Großen Haus der Staatsoper Hamburg – da verhandelt? Wer das Stück gelesen hat, ist auch nicht viel klüger. Allerdings wird dort die Formel vom „Schießen und Weinen“ zitiert, die das zwiespältige Selbstverständnis der israelischen Armee benennt: der Verteidiger, der weint, weil er schießen muss – und damit nur sich selbst, aber nicht seinen Gegner als Opfer sehen kann. Statt zu weinen also singen, um solche Perversionen des Selbstverständnisses anzuklagen? Und so vielleicht endlich aus den Zwängen der Gewalteskalation herauszukommen?

Jedenfalls handelt Dea Lohers Text, der „in der Levante“ spielt, „in einer Zeit, die vor vielen Jahren begann und noch immer andauert“, von Eskalation: Einst waren Aki und Oona, obwohl verfeindeten Gruppen angehörend (Loher lässt offen, von welchen Konflikten genau die Rede ist), ein Paar. Aki zog in eine andere Stadt, um in einer Werkstatt das Geld für ein gemeinsames Leben zu verdienen. Aber dann kam der Krieg, die Grenze wurde geschlossen und das Paar getrennt. Oona wartete. Aber Aki kam nicht. Und als Oona das Warten zu lang wurde, da stürzte sie sich von einem hohen Haus. Viele Jahre später und zu Beginn des Stückes taucht Aki bei Oonas Familie wieder auf: beim alten und etwas wunderlichen Zeno, seinem Sohn Ron, dessen Frau Altai und deren Tochter Mira, ein kleines aufbegehrendes Mädchen, das in einer komplizierten Zeit nach der richtigen Haltung sucht. Dreimal hatte Aki versucht, die Grenze zu überwinden und zu Oona zurückzukehren. Dreimal wurde Aki gefasst und bestraft. Und jetzt, wo er es geschafft hat, noch immer unter Lebensgefahr, jetzt ist die einstige Geliebte tot. Damit, dass daran keiner Schuld trägt, kann sich die kleine, aufrechte Mira absolut nicht abfinden. Hat Aki Oona etwa nicht verlassen?! Ist er etwa nicht viel zu spät zurückgekehrt?! Mira will Aki strafen – und verrät ihn …

Bis dahin ist Dea Lohers Text von kluger Ambivalenz. Genau die Tatsache, dass die kleine Mira im Bewusstsein radikalen moralisch „richtigen“ Handelns die erneute Eskalation auslöst, zeigt, wie vertrackt die Dinge liegen. Nur schüttelt die Autorin dann leider noch eine völlig überflüssige pathetische Trumpfkarte aus dem Ärmel, weil sich nämlich herausstellt, dass Mira in Wahrheit Akis und Oonas Tochter ist und sie also den eigenen Vater ans Messer geliefert hat. Aber zum Glück ist „Weine nicht, singe“ ja kein Theaterstück, sondern ein Text für Musiktheater. Und der eklektizistische Soundtrack mit seinen artifiziellen Gesangspartien, den der zwischen E und U, Jazz und strengem Neue-Musik-Satz phantasievoll swingende Schweizer Komponist Michael Wertmüller dazu geschrieben hat, zielt hörbar weniger auf die pathetischen Aspekte des Textes als vielmehr auf die spielerischen. Sowohl Aki wie auch der alte Zeno beispielsweise spielen Hammondorgel – also bereichert Wertmüller das seriöse Streichtrio mit Klarinette um eine rockig röhrende Hammond B-3, ein wuchtiges Drum Set und einen E-Bass. Immer wieder bekommen Lohers Textkaskaden etwas tänzerisch Trudelndes – also pulsiert hier ein permanenter musikalischer Drive, der aus tragischer Verwicklung einen rhythmisch teils ganz schön vertrackten Vaudeville macht. Diese Musik will weder Avantgarde sein noch Tradition klug zitieren. Sie will einfach nur funktionieren. Und das tut sie!

Tut es auch dank Jette Steckels so blitzgescheiter wie sensibler Inszenierung. Sie hütet sich, in die Realismusfalle zu tappen und zieht stattdessen ein turbulentes Tingeltangel-Sinn-Spiel mit Commedia-Clowns in Pauline Hüners weiß-bunt-gepunkteten Kostümen ab – das aber so klug, dass dem Ernst des Themas nicht der mindeste Abbruch geschieht. Der Bühnenbildner Florian Lösche hebt in der düsteren opera stabile die Grenzen zwischen Auditorium und Bühne auf, die Darsteller toben und stolpern mitten durch die auf schwarzen Klötzen sitzenden Zuschauer. Von der Decke hängt eine strahlenförmige Stroboskop-Lichtinstallation für die dramatisch-musikalischen Knalleffekte, die auch Jette Steckel immer wieder setzt. Die Figuren agieren nach einer genauen, dabei ziemlich turbulenten Choreographie, die die Konfrontationen in agile Körperaktion umsetzt.

Grandios sind die beiden Schauspieler im Ensemble: Tina Keserovic, die die kleine Mira als kratzkehlige Kratzbürste mit der unbedingten Sehnsucht nach der einfachen Wahrheit in unbändiger Power hinfetzt; und Josef Ostendorf, ein gebrochener Patriarch von der raumgreifenden Dominanz eines Bernhhard’schen Bruscon, fett thronend in seinem elektrischen Rollstuhl, sehend geworden durch drei Granatsplitter in seinem Hirn und wunderlich geworden durch die Einsicht, dass sein Sehen vor der kalten Macht des Faktischen versagt. Aber auch Holger Falks Aki, Jürgen Sachers Ron und Ruth Rosenfelds Altai, denen Wertmüller hochexaltierte Gesangspartien mit beträchtlichen artifiziellen Herausforderungen geschrieben hat, extreme Intervalle und Registerwechsel, bizarre Koloraturen, bei den Männern dauernder Wechsel zwischen Bruststimme und Falsett – auch sie machen ihre Sache glänzend. Einer aber ist eine Klasse für sich: der musikalische Leiter Titus Engel, der alle Akteure sowie die vier E-Instrumentalisten vom Ensemble Resonanz und die drei U-Jazzer der Formation Steamboat Switzerland sicher durch Wertmüllers halsbrecherische rhythmische Stromschnellen geleitet und dabei auch noch mit den Darstellern agiert und tanzt wie ein dirigierender Derwisch. Alle Achtung!

So also ist aus Dea Lohers nachdenklichem Stück mit leichtem Hang zur Betulichkeit ein turbulenter Totentanz geworden: kein Großereignis der neuen Musik, aber dafür richtig gutes, vitales Musiktheater. Weine nicht, tingle! – es muss nicht immer tränentriefender Ernst sein, wenn es um bitterernste Themen geht, schon gar nicht auf dem Theater. Die Uraufführung wurde mit gewaltigem Jubel quittiert.