Jana Schulz (sowie projiziert: Daniel Pataky) in "Charlotte Salomon" am Theater Bielefeld

Jana Schulz (sowie projiziert: Daniel Pataky) in "Charlotte Salomon" am Theater Bielefeld

© Foto: Bettina Stöß
Musiktheaterkritik

Markante Zuspitzung

von Regine Müller

Marc-André Dalbavie: Charlotte Salomon

Premiere: 14.01.2017 (Deutsche Erstaufführung)
Theater Bielefeld
Homepage: https://theater-bielefeld.de

Regie: Mizgin Bilmen
Musikalische Leitung: Alexander Kalajdzic

Als Marc-André Dalbavies Oper „Charlotte Salomon“ bei den Salzburger Festspielen 2014 das Licht der Musiktheater-Welt erblickte, waren die Rahmenbedingungen scheinbar optimal: Der große Luc Bondy, dessen letzte große Opernarbeit diese Uraufführung werden sollte, führte nicht nur Regie, sondern griff auch in die Konzeption ein, indem er für das Auftragswerk ein neues Libretto und die Aufspaltung der Hauptrolle in eine Sängerin und eine Schauspielerin empfahl. Die imposante Felsenreitschule bot den Rahmen, den Bühnenbildner Johannes Schütz mit einer fast 50 Meter breiten, nebeneinander liegenden Zimmerflucht in edel-kalter Eleganz möblierte. Am Pult des famosen Mozarteum-Orchesters stand der Komponist höchstselbst, das handverlesene Sängerensemble ließ keinen Wunsch offen, und das doppelte Charlottchen – die französische Mezzosopranistin Marianne Cebrassa und die mit somnambulem Understatement spielende Johanna Wokalek – war in seiner Ambivalenz ein verblüffendes Gespann. Bondy inszenierte das Kammerspiel behutsam, wie mit dem Silberstift. Presse und Publikum waren zufrieden, aber ach!, das feine Kammerspiel blieb seltsam unverbindlich und allzu gepflegt hinter seiner dramatischen und politisch hoch brisanten Geschichte zurück.

Warum das so sein musste, wird nun bei der deutschen Erstaufführung des Werks in Bielefeld deutlich. Denn das Stadttheater am Niederwall (kein riesiges Haus) lässt „Charlotte Salomon“ das sein, was es tatsächlich ist: Ein Kammerspiel. Das zwar nach wie vor seine Schwächen und Längen hat aber in Bielefeld einen ungleich größeren Sog entfaltet als im glamourösen Salzburg.

Der Stoff von „Charlotte Salomon“ scheint nach einer Ver-Operung förmlich zu schreien: Denn Musik und Gesang sind integraler Bestandteil des Stoffs. Die Namen gebende Charlotte Salomon hat es wirklich gegeben: Sie wurde 1917 in Berlin in eine jüdische Familie hinein geboren, die in Charlottenburg zur Elite des Kulturbürgertums zählte. Doch das Gespenst der Depression verdunkelt die Familiengeschichte, denn bei den Salomons häufen sich die (verdeckten) Suizide. Charlottes Mutter springt aus dem Fenster, dem Mädchen aber wird erzählt, dass sie an einer Grippe starb. Der Vater heiratet daraufhin die Sängerin Paula Lindberg, die von Charlotte tief verehrt wird. Ihren künstlerischen Neigungen geht Charlotte mit einem Kunststudium nach, doch 1937 muss sie als Jüdin die Kunsthochschule verlassen. 1939 emigriert sie nach Südfrankreich, wo bereits ihre Großeltern leben. Die Großmutter ahnt das nahende Unheil – und springt unter dem Zwang des Familienmusters aus dem Fenster.

Charlotte beginnt nun, die erlittenen Grenzerfahrungen künstlerisch in ihrer ganz eigenen Sprache zu verarbeiten. Wie besessen schreibt und malt sie expressive Gouachen in mediterran inspirierter Farbleuchtkraft, in denen sie nur leicht verfremdet und mit den Stilmitteln des Comics ihr Schicksal erzählt. Es entsteht ein Buch als Bilder-Autobiographie mit dem Titel „Leben? Oder Theater?“, das sie im Untertitel als „Singespiel“ bezeichnet. 1943 wird sie denunziert und verhaftet, nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie noch am Ankunftstag ins Gas muss. Ihre kraftvolle Bilder-Serie findet sich heute im Jüdischen Museum Amsterdam, 2012 wurde sie bei der Kasseler Documenta gezeigt. 2015 widmeten sich Choerographin Bridget Breiner und Kompinistin Michelle DiBucci der Künstlerin und ihrem Werk in einem Ballett am Musiktheater im Revier: „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“.

Komponist Marc-André Dalbavie ist der Schule der französischen Spektralisten zuzurechnen und lässt über zweieinhalb Stunden überwiegend verträgliche, oft tonal sich anschmiegende und nur selten schroff aufbegehrende Klänge ertönen. Allenfalls eine dunkle Grundierung, die sich hin und wieder wummernd verdichtet, zollt den Gräueln der Zeit zögernd Tribut. Ansonsten wird im ersten Teil des Abends – in Bielefeld gibt es eine Pause – fröhlich zitiert: Bizets „Habanera“, die gregorianische „Dies Irae“-Sequenz, Bachs „Bist Du bei mir“, mit enervierender Penetranz auch Webers Jungfernkranz-Chor aus dem „Freischütz“, Volkslieder und – mit der gleichen Beiläufigkeit – das Horst-Wessel-Lied. Seltsam folgenlos dröhnt die Nazi-Kampfparole aus grob intonierenden, wie alkoholisiert klingenden Männerkehlen, doch es verstört kaum. Es bleibt Zitat. Das mag an der noblen und geschmacksneutralen musikalischen Umgebung liegen, wo sich Flötenketten zierlich umeinander schlingen, Harfen Glitzerfolie ausbreiten, und der groß besetzte Apparat sich nur selten aufbäumt. Nichts gegen die Grundeinsicht, Musik als Speicher des emotionalen Gedächtnisses in der Rückschau der Charlotte Salomon möglichst authentisch einzusetzen, doch Dalbavie setzt den Zitaten zu wenig Eigenes entgegen, geschweige denn, dass aus alt und neu eine elektrisierende Reibung entstünde. Ohnehin krankt das ganze Projekt an formalen Schwächen, denn Librettistin Barbara Honigmann hat an die originalen Salomon-Sätze Zitate von Kant, Brecht und Rilke montiert, was sprachlich holpert und überschlau sein will, aber streckenweise belehrend wirkt.

Dennoch gelingt es der Bielefelder Aufführung, das Material zu verdichten und markant zuzuspitzen. Das gelingt dem Team von Regisseurin Mizgin Bilmen durch einen ungemein zupackenden Zugriff: Alexander Djurkov Hotter verpasst den Figuren Kostüme, die mit den grobem Strich und breiten Pinsel expressionistischer Malerei gestaltet sind, ebenso hart graben sich geschminkte Konturen und Kontraste in die Gesichter.

Cleo Niemeyers hat auf die Bühne eine kahle Konstruktion aus nackten Brettern, Treppen und Geländern gebaut, die Drehbühne hält diesen funktionalen Raum in ständiger Bewegung, die Akteure gehen, rennen, kriechen durch ihn hindurch und erzeugen so eine nervöse Grundspannung, die immer wieder mit dem Einfrieren der Bilder kontrastiert und damit verstärkt wird. Zwei Videokameras filmen live Gesichter und Situationen in Nahaufnahme, hinzu kommen vorproduzierte Videos, die das Geschehen brechen; alle Bewegtbilder werden auf den Gazevorhang projiziert, der Bühne und Publikum trennt. Aber auch auf die Rückwand werden Bilder projiziert, unter anderem Ausschnitte aus jenen Gouachen, die in Südfrankreich entstanden, aber auch Textzitate aus Salomons Werk, die dem Ganzen das Raue, Unversöhnliche einer skizzenartig hin geworfenen einer Graphic Novel verleihen. Die Härte und Grausamkeit der damaligen Zeit, die in Bondys fein ziselierter Version kaum spürbar wurde, bricht hier durch die Zuspitzung der Regie unbarmherzig herein.

Womöglich war Bondy näher an Dalbavie, aber Mizgin Bilmen – übrigens Opern-Debüttantin! – verleiht „Charlotte Salomon“ in Bielefeld eine ungleich höhere Brisanz und Spannung als in Salzburg. Alexander Kalajdzic dirigiert die komplexe Partitur mit größter Umsicht und hält die Eruptionen klug im Zaum, Jana Schulz spielt Charlotte Salomon im weißen, mit Farbe bekleckerten Maler-Kittelchen mit heller, empfindsam aufgerauter Stimme, in der stets das Fragezeichen einer elementaren Verstörung mitschwingt. Hasti Molavian meistert trotz angesagter Grippe-Folgen den enormen Ambitus der Mezzo-Alter-Ego-Partie der Charlotte Kann mit Bravour und angenehm weichem Timbre, Nohad Becker gibt Charlottes Stiefmutter Paulinka erdige Alt-Töne, Daniel Pataky stattet den Luftikus Amadeus Daberlohn mit lyrischen Tenor-Farben aus. Alle anderen formieren sich zu einer geschlossenen Ensembleleistung.