"Gefährliche Liebschaften" am Gärtnerplatztheater

"Gefährliche Liebschaften" am Gärtnerplatztheater

Anna Montanaro, Ensemble

© Foto: Thomas Dashuber
Musiktheaterkritik

Tödliche Liebes-Macht-Spiele

von Klaus Kalchschmid

Marc Schubring: Gefährliche Liebschaften

Premiere: 22.02.2015 (Uraufführung)
Gärtnerplatztheater, München
Homepage: http://gaertnerplatztheater.de

Regie: Josef E. Köpplinger
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz
Autor der Vorlage: Choderlos de Laclos

Auch wer den berühmten, skandalumwitterten und immer wieder verbotenen Briefroman „Les Liaisons dangereuses“ von Choderlos de Laclos, der 1782 erstmals erschien, nicht gelesen hat, kennt wohl eine seiner berühmten Verfilmungen. Deren erste, eine moderne Adaption in Schwarzweiß, stammt aus dem Jahr 1959 (mit Jeanne Moreau und Gérard Philipe). Ihr sollten bis jetzt acht weitere folgen, darunter 1988 der opulente Kostümfilm von Stephen Frears mit John Malkowitsch und Glenn Close. Auch eine Oper von Conrad Susa (1994) nach den „Gefährlichen Liebschaften“ gibt es schon. Nun folgte ein Musical, das vom Ensemble des Gärtnerplatztheaters passenderweise im Rokoko-Juwel des Cuvilliéstheater uraufgeführt wurde, wo auch das Residenztheater gerade die Bühnenversion von Christopher Hampton spielt.

Hier wie dort – und vor allem in Heiner Müllers Zwei-Personen-Stück „Quartett“, ebenfalls eine brillante Adaption des Romans – stehen die zwei Drahtzieher der mannigfaltigen Intrigen im Mittelpunkt: der berüchtigte Schürzenjäger Vicomte de Valmont und die Marquise de Merteuil, die – einst mit Valmont ein Paar – nach außen einen tadellosen Ruf genießt. Um sich an ihrem ehemaligen Geliebten, dem Comte de Gercourt, zu rächen, soll Valmont dessen Verlobte Cécile verführen (die heimlich den jungen Danceny liebt), um den Bräutigam zum Gespött der Pariser Gesellschaft zu machen. Doch Valmont stellt sich zunächst lieber die weitaus schwierigere Aufgabe, die tugendsame Präsidentengattin Madame de Tourvel zu seiner Geliebten zu machen, was ihm mit viel verlogener Raffinesse am Ende auch gelingt. Doch den „Preis“ dafür, erneut die Gunst der Merteuil zu erlangen, verweigert diese. Da kommt es zur beiderseitigen „Kriegserklärung“, die Valmonts Tod im Duell und die gesellschaftliche Ächtung der Madame de Merteuil zur Folge hat. Denn  der Vicomte hat dafür gesorgt, dass ihre Briefe – und damit die Machenschaften der beiden – öffentlich werden.

Wolfgang Adenberg, von dem Buch und Liedtexte stammen, destillierte aus dieser bitterbösen Vorlage ein musikdramaturgisch hervorragend gebautes Musical, das sich schon gegen Ende des ersten Akts zuspitzt und gegen Ende immer mehr Fahrt aufnimmt. Marc Schubring komponierte eine, von Frank Hollmann exzellent instrumentierte Musik dazu, die stetig dramatischer und dissonanter wird. Dabei beginnt das Ganze bewusst gefällig (szenisch allerdings mit einem durchaus realistischen Koitus), um der Süße immer mehr musikalisches Gift beizumischen, was das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter Andreas Kowalewitz mit der richtigen Mischung aus musikalischer Dramatik und präzisem Musical-Ton spielt. 

Tolle Solo-Nummern gibt es für ebenso tolle Sängerdarsteller wie Anna Montanaro (Marquise de Merteuil), die ihr Credo in zwei fulminanten „Arien“ kundtut („Siegen oder Untergeh’n“ und „Liebe macht uns schwach“), den am Ende des ersten Akts größenwahnsinnig gewordenen Valmont alias Armin Kahl („Allmächtig“) oder die zutiefst tragische Figur der Madame de Tourvel (Julia Klotz), deren „Stark wie der Tod ist die Liebe“ ebenfalls Kult werden könnte. Dagegen fehlt den Nummern für Cécile (Anja Haeseli) und Chevalier de Danceny (Florian Peters) naturgemäß etwas die Fallhöhe, was die Leistung der beiden freilich nicht schmälert. Auch das Dutzend Nebenrollen – darunter Gärtnerplatz-Legende Gisela Ehrensperger – macht seine Sache in den verschiedensten Partien hervorragend. 

Ein großer, verstellbarer Spiegel wie im Bordell dominiert die fast leere, schwarze Bühne von Rainer Sinell, begrenzt von farbigen Linien aus Licht, und gibt immer wieder von oben den Blick frei auf das Geschehen in und um ein unterschiedlich beleuchtetes Rechteck und die rapide ineinander fließenden Szenen, die sich auf der Drehbühne ereignen. Josef E. Köpplinger hat das ebenso temporeich – und teilweise durchaus drastisch – inszeniert und dem Ganzen einen scharfen szenischen Feinschliff verliehen.